Paris 2024: der olympische Traum lebt

Schach könnte zum Teil der Olympischen Spiele 2024 in Paris werden. Am gestrigen Dienstag in Paris haben FIDE-Präsident Arkadi Dworkowitsch und sein französischer Kollege Bachar Kouatly eine Kampagne begonnen, an deren Ende  die Aufnahme des königlichen Spiels (Schnell- und Blitzschach für den Anfang) ins olympische Programm stehen soll. Diese Initiative repräsentiert nicht den ersten derartigen Versuch, aber es scheint, als habe Schach dieses Mal tatsächlich eine Chance.

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Den olympischen Traum träumen Schachspieler, seitdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) 1999 Schach als potenzielle Olympia-Sportart anerkannt hat. Um die vage Olympia-Hoffnung zu erhalten, fügt sich seitdem das Schach den IOC-Regeln, sogar wenn die beim Denksport überhaupt keinen Sinn ergeben. Seit 2001 gelten bei Schachturnieren dieselben Dopingbestimmungen wie bei anderen Sportarten, was dem Schach nicht mehr Fairness, aber manche Anekdote beschert hat.

Dass Anabolika oder Amphetamine denkbar ungeeignet sind, den Elo zu steigern, hat nie dazu geführt, dass ein FIDE-Vertreter beim IOC vorstellig wurde, um den Olympia-Entscheidern die spezifische Betrugsproblematik beim Schach zu vermitteln. Ein Doping-Problem hat das Schach sehr wohl, nur eben keines, dass sich per Pillen- oder Spritzenverbot in den Griff bekommen ließe. Für Schach wäre (unter anderem) ein Handyverbot vonnöten. Aber ob sich das IOC ein solches in seine Statuten schreiben würde? Olympia sponsernde Handy-Hersteller wären nicht begeistert.

Warum Schach bei Paris 2024 eine Chance hat

Bislang waren solche konkreten Probleme nie relevant, eben weil die Olympia-Hoffnung des Schachs so vage war. Noch Mitte 2018 standen die Zeichen sogar auf Trennung: Das IOC hatte dem Weltschachbund gedroht, ihn fallen zu lassen, als sich am Ende der Iljumschinow-Regentschaft die FIDE als nicht mehr handlungsfähige Organisation ohne Bankkonto präsentierte.

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Nun gibt es gleich eine Reihe von Faktoren, die Paris 2024 als reale Chance erscheinen lassen. Ein Jubiläum zum Beispiel. Nicht nur richtet Paris 100 Jahre nach Olympia 1924 wieder die Spiele aus, auch der 1924 in Paris gegründete Weltschachbund feiert 100. Geburtstag. Obendrein wurde 1924 die Schach-Mannschafts-WM in Paris ausgespielt, ein Vorläufer der Schacholympiade.

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Show-Match zwischen Arkadi Dworkowitsch und Sophie Milliet, als die FIDE jetzt in Paris begann, für „Schach bei Olympia“ zu trommeln. Der Weltschachbund plant eine lange und intensive Kampagne, um den Schachsport 2024 in Paris ins olympische Programm zu hieven.

Personell hat das Schach anno 2019 erstmals jemanden an der Spitze, der in Zirkeln internationaler (Sport-)Politik ernst genommen wird. Nach den Clowns Campomanes und Iljumschinow vertritt seit Oktober 2018 Arkadi Dworkowitsch die Anliegen des Schachsports, ein Pfund. Zwar sieht es aus, als nehme Dworkowitsch die von ihm vor der Wahl unermüdlich propagierte Transparenz doch nicht so wichtig, aber allemal präsentiert sich der Organisationschef der Fußball-WM 2018 auch beim Schach als international bestens vernetzter, zupackender Macher.

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Arkadi Dworkowitsch, wie ihn die Künstlerin Rosemarie J. Pfortner sieht.

Dazu kommt eine potenzielle Allianz, die Betonfunktionären im deutschen Schach wie im nationalen olympischen Komitee unheimlich sein dürfte: Schach und eSport. Während der noch junge elektronische Sport in Deutschland um Anerkennung kämpft, gilt er im Olympia-Kontext am ehesten als Favorit,  zum Teil der Spiele 2024 zu werden, sei es als Demonstration oder gleich als fester Teil des Programms. Das liegt nicht nur an der wachsenden Spieler- und Fan-Gemeinde, auch am kommerziellen Dampf dahinter: Wer jährlich eine Milliarde Euro Umsatz generiert,  Tendenz steigend, der ist allein deswegen für das Kommerz-Monster Olympia interessant.

Schach und eSport: Sogar der DSB sieht das Kooperationspotenzial

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Gäbe es einen Preis für die dämlichste Neujahrsbotschaft 2019, NRW-Schach-Chef Ralf Niederhäuser würde ihn mit seinem „E-Schach ist Teufelszeug“-Erguss gewinnen. Die Vereine möchte Niederhäuser stärken, nennt aber nicht einen Grund, warum Vereine gut und wichtig sind. Stattdessen konstruiert er einen Gegensatz, der keiner ist.

Eine Riesenchance für das Schach: So lange nämlich IOC-Chef Thomas Bach Dota oder Counter-Strike für tumbe „Ballerspiele“ hält und ihnen wegen vermeintlicher Gewaltverherrlichung den Olympia-Zutritt verweigert, können eSport und Schach einander als Vehikel benutzen, um olympisch zu werden.

Wie es beim eSport aussieht, wissen wir nicht, aber beim Schach ahnen immer mehr Leute, dass eSport und Schach einander enorm befruchten könnten und ziehen daraus Schlüsse. Das gilt sogar für Ullrich Krause, als DSB-Präsident Chef einer Organisation, die bislang eher nicht im Verdacht stand, Modernität und Beweglichkeit zu repräsentieren. Als Krause unlängst den Schachfreunden Berlin ein Interview gab,  wies er sehr deutlich auf das Kooperationspotenzial hin (am Ende eines viel zu langen Textes, in dem leider das Wichtigste hinten steht).

„68 Prozent der Schachspieler sind unter 20“

Anders als gängige eSport-Titel hat Schach Tradition und Geschichte vorzuweisen – und ist doch perfekt für Bildschirmwettkämpfe geeignet. Außerdem trifft es den Nerv der jungen Zuschauer. Längst schauen auf Twitch oft mehr Leute Schach als Counterstrike.

Apropos „jung“: Das IOC hat schon verlauten lassen, dass eine Sportart insbesondere junge Leute ansprechen muss, um ins Programm von Paris 2024 aufgenommen zu werden.  Bachar Kouatly hat das mit Freude vernommen. Von wegen Spiel für alte Leute: „68 Prozent der Schachspieler in Frankreich sind unter 20“, erklärte Kouatly der Sport-Tageszeitung L’Équipe.

Die FIDE hat eine intensive Kampagne angekündigt, um für Schach bei Olympia 2024 zu werben. Die Begegnung Dworkowitschs und Kouatlys mit französischen Medienvertretern soll der Auftakt gewesen sein.

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