St. Pauli nach dem Carlsen-Coup: “So eine Chance bekommen wir nicht wieder.”

Die Schachfreunde aus Viernheim, Baden-Baden und Düsseldorf können entspannen. Nach Magnus Carlsen würden zwar weitere Verstärkungen kommen, aber die Top 3 der Bundesliga anzugreifen, sei nicht das Ziel des FC St. Pauli, sagte IM Benedict Krause im Stream zum Auftakt der Deutschen Jugendmeisterschaften. Bevor die Partien des Nachwuchses zur Debatte standen, hatte ihn Moderator Jonas Gallasch auf den Transfercoup des Aufsteigers angesprochen. Krause, Nummer vier der Aufstiegsmannschaft, hat mit 6,5 Punkten aus 9 Partien erheblichen Anteil an der Zweitligameisterschaft des FC St. Pauli.

Zur Aufstiegsfeier kam der NDR und interviewte unter anderem Benedict Krause. Dass der sehr bald einen sehr prominenten Mitspieler bekommen würde, stand da noch nicht fest. | Foto: Frank Müller/FC St. Pauli

„Sensation“ war landauf, landab zu lesen. In Wirklichkeit hat Jan Henric Buettner nur den aus seiner Sicht naheliegenden Zug ausgeführt: auf St. Pauli anklopfen, in Norwegen anklopfen. Wer aus Hamburg kommt, Magnus Carlsen verbunden ist und „Spitzenschach in Deutschland präsenter machen“ will, der fragt sich im Angesicht des viel beachteten St.-Pauli-Doppelaufstiegs (Schach und Fußball) zwangsläufig, ob sich aus dieser einmaligen Konstellation nicht etwas erschaffen lässt, das besondere Aufmerksamkeit erzeugt.

Carlsens Zusage war nicht selbstverständlich. Sensationell war sie auch nicht. Seit zwei Jahren betätigt sich der Weltranglistenerste beruflich bevorzugt dort, wo er Spaß haben und Neues ausprobieren kann. Als Kenner des Fußballs und respektabler Kicker war ihm der besondere Club aus der Hansestadt als Aufsteiger mit außergewöhnlicher Strahlkraft natürlich bekannt. Schon am Rande des Europacups der Vereine 2018 hatte Carlsen für sein Valerenga-Schachteam im St.-Pauli-Trikot gekickt. Eher dürfte Carlsen unbekannt gewesen sein, dass gleichzeitig mit den Fußballern die Schachabteilung des Clubs nach ganz oben aufgestiegen ist.

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Buettner bestätigte jetzt gegenüber der dpa, Carlsen sei ob der St.-Pauli-Perspektive sofort begeistert gewesen, „Feuer und Flamme“. Das wäre wahrscheinlich nicht anders gewesen, hätte nicht mit Mats Möller Daehli ein Freund Carlsens drei Jahre lang im Profifußball-Team des FC St. Pauli gespielt, eine weitere norwegisch-hanseatische Verbindung. Carlsen und Kiez – passt.

Die Sportfreunde am Millerntor und drumherum hätte Carlsen noch mehr in Verzückung versetzt, hätte er charmant gesagt, er freue sich „Teil des coolsten Clubs in Deutschland“ zu sein. Stattdessen ließ er sich vom Verein mit „…der coolsten Marke“ zitieren. Ohne Not klang Carlsens erstes Zitat im Pauli-Kontext mehr nach Kalkül und Kommerz als nach Feuer und Flamme, obwohl es wahrscheinlich gar nicht so gemeint war.

Zwischen Kommerz und Herz (für Spiegel-Abonnenten), der FC St. Pauli mit Fußball-Cheftrainer Fabian Hürzeler, der jetzt zum zweiten Mal binnen Tagen in einer Fußball-Pressekonferenz Fragen zum Schach beantworten musste (siehe weiter unten).

Die Unbekannte in der Transferrechnung war, was eigentlich die erste Mannschaft der Schachabteilung des FC St. Pauli davon hält, sich verstärken zu lassen. Die acht Männer und die Frau der Stammbesetzung aus der Aufstiegssaison würden 2024/25 mit höchster Wahrscheinlichkeit aus der Bundesliga absteigen. Aber diese Neun hatten sich das Recht erkämpft, in der stärksten Liga der Welt ihren Verein zu repräsentieren.

Nachdem das Angebot von Buettners Weissenhaus-Akademie hereingeflattert war, der ersten Mannschaft beim Klassenerhalt zu helfen, setzte sich das Team zusammen. Die Spieler einigten sich, Neuverpflichtungen nicht im Wege zu stehen. „So eine Chance, uns in der ersten Liga zu etablieren, bekommen wir nicht wieder“, sagt Benedict Krause. Alle Aufsteiger würden 2024/25 Einsätze bekommen, aber alle seien bereit zurückzustecken, so die mannschaftsinterne Einigung.

Im Video: Magnus Carlsens bislang letzte Bundesligapartie, eine Niederlage am 14. Dezember 2008 gegen den polnischen Großmeister Bartosz Socko, der in der kommenden Saison Carlsens Mannschaftskamerad sein wird. Für den prominenten Neuzugang wird Carlsenbesieger Socko das erste Brett der nach Elo aufgestellten Pauli-Mannschaft räumen müssen. Trotzdem freue er sich sehr, demnächst mit Carlsen in einer Mannschaft zu spielen, teilte der Club auf Facebook mit.

Wer kommt, ist offenbar weitgehend geklärt, aber noch nicht verkündungsreif. Dass der erste Neuzugang gleich Magnus Carlsen („Top-Mann für den Abstiegskampf“, Gallasch) sein würde, damit hatte niemand gerechnet. Und so brach eine Welle der Aufmerksamkeit los, so musste St.-Pauli-Aufstiegscoach (Fußball) Fabian Hürzeler am Wochenende zum zweiten Mal binnen Tagen in einer Fußball-Pressekonferenz Fragen zum Schach beantworten. „Eine große Ehre“ sei es für den Club, dass der beste Schachspieler jemals nun Teil des Vereinsgefüges ist, sagte Hürzeler.

Die Verpflichtung zeige das Wachstum des Clubs, und sie dokumentiere, dass der FC St. Pauli ein Sportverein sei, in dem nicht nur der Fußball Schlagzeilen schreibt. „Wir können Schach nicht mehr als Randsportart bezeichnen. Schach ist ein großer Sport geworden“, erklärte Hürzeler. Das freue ihn für den Verein und speziell die Schachabteilung. Bei Heimspielen mit Carlsen will der Fußballlehrer versuchen vorbeizuschauen.

“Im Sog des Weltmeisters” könnte jetzt beim FC St. Pauli eine lebendige Jugendabteilung entstehen.

Magnus Carlsen könnte der Schachabteilung (131 Mitglieder, 6 davon U25, Durchschnittsalter 51 laut schach.in) nicht nur als Schachmeister, auch als Schachmagnet zum Klassenerhalt verhelfen. Wäre die Schachbundesliga nicht im Sommer 2023 im ersten Anlauf mit ihren „Zulassungskriterien“ (bzw. “Teilnahmevoraussetzungen“) vor Gericht gescheitert, schon jetzt dürften nur Vereine Bundesligist sein, die in signifikantem Maß Jugendarbeit betreiben. Der zweite Anlauf, eine solche Regelung zu etablieren, ist schon in Vorbereitung. Bliebe St. Pauli ein Club fast ohne Nachwuchs, die Zulassung zur stärksten Liga der Welt stünde auf tönernen Füßen.

Das scheint sich dank Carlsen jetzt zu ändern. „Im Sog des Weltmeisters gingen bei uns viele Fragen ein über Training für Kinder, Jugendliche und Erwachsene“, hieß es am Pfingstmontag auf der Website der Schachabteilung. Und weiter: „Wir haben noch keine große Jugendabteilung mit verschiedenen Jahrgängen und Teams. Aber immer mehr junge Spieler*innen kommen zum Training des FC St. Pauli.“

Der erste Anlauf in Sachen “Teilnahmevoraussetzungen” ist vor Gericht gescheitert. Die Liga arbeitet schon am zweiten.

(Titelfoto: Frank Müller/FC St. Pauli)

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Thomas Richter
Thomas Richter
23 Tage zuvor

Eine Mannschaft nach dem Aufstieg zu verstärken, wobei diese Spieler dann nicht durchgehend eingesetzt werden, bedeutet ja nicht zwingend weniger Partien für die bisherigen Spieler – schließlich waren es in der Zweiten Bundesliga 9 Runden und eine Etage höher sind es 15. Ötigheim bekam nach dem Bundesliga-Aufstieg fünf Großmeister dazu (drei vom Zweitliga-Absteiger Speyer-Schwegenheim), und die Spieler die den Aufstieg verursachten waren zwar weitgehend nicht mehr nominelle Stammspieler aber spielten doch etwa so oft Bundesliga wie zuvor Zweite Bundesliga. Wenn St. Pauli nun (abgesehen von Carlsen) sagt “von Ötigheim lernen heißt Klassenerhalt lernen” bedienen sie sich bei Zweitliga-Absteiger Glückauf Rüdersdorf… Weiterlesen »