Qatar Masters zieht die Sicherheitsschrauben an

Vor der dritten Runde des Qatar Masters haben die Organisatoren des Superturniers die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Zuschauer müssen fortan auf der Tribüne bleiben, die Partien werden fortan zeitversetzt übertragen, jegliche metallene Habseligkeiten müssen draußen bleiben. Die Verschärfung ist die Folge einer Beschwerde Magnus Carlsens, dass die Organisatoren Anti-Cheating „überhaupt nicht ernst nehmen“.

Als Magnus Carlsen die Armbanduhr von Alisher Suleymenov sah, konnte er sich laut eigener Aussage nicht mehr konzentrieren.

In der zweiten Runde hatte Carlsen überraschend gegen die Nummer 578 der Welt verloren, den kasachischen Großmeister Alisher Suleymenov (Elo 2512), Carlsens erste Niederlage gegen einen Spieler unter 2600 seit acht Jahren. Wie das passieren konnte, erklärte Magnus Carlsen hinterher auf Twitter:  

„…als ich früh in der Partie sah, dass mein Gegner eine Uhr trug, konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Ich übernehme natürlich die Verantwortung für meine Unfähigkeit, mit diesen Gedanken richtig umzugehen, aber es ist auch unglaublich frustrierend zu sehen, dass die Organisatoren die Betrugsbekämpfung überhaupt nicht ernst nehmen (keine Übertragungsverzögerung, Zuschauer, die mit Smartphones im Spielsaal herumlaufen).“

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Anders als in der Causa Niemann hat Carlsen klargestellt, dass er Suleymanov nicht des Betrugs bezichtigt. Sein Gegner habe eine brillante Partie verdient gewonnen. Ihm geht es allein um das Versäumnis der Veranstalter, der Bedrohung Cheating zu begegnen. Carlsen behielt für sich, warum er sich nicht zu Turnierbeginn über Zuschauer mit Smartphones im Turniersaal oder die Live-Übertragung in Echtzeit beschwert hat, sondern erst nach zwei gespielten Partien.

So löste sein Vortrag auf Twitter („Möchte meinen Gegner nicht anschuldigen, aber…“) sogleich Spekulationen aus, ob Suleymenov wirklich regulär gewonnen hat. Bald nach der Partie ergingen sich Beobachter in Spekulationen, ob nicht auch eine analoge Armbanduhr zur Datenübertragung taugen kann. Es tauchten Bilder vom Stream auf, die zeigen sollten, dass der Kasache auffällig oft einen Knopf auf seiner Uhr drückt.

In der Sache verschafft Carlsen einmal mehr dem drängendsten Problem des Schachs Aufmerksamkeit, auch wenn sein Vorgehen einmal mehr nicht ideal erscheint. Umso deutlicher wurden die Paranoia der Topspieler in Sachen Cheating, wenn allein der Anblick einer Armbanduhr beim besten Schachspieler der Welt eine mehrstündige Denkblockade auslöst.

Perspektivisch berührt der Vorfall die Frage, welche Vorkehrungen überhaupt machbar sind. Würde in Qatar nach den bei Elite-Rundenturnieren üblichen Vorgaben gespielt, wäre gar keine Armbanduhr in den Turniersaal geraten, gleich welcher Bauart. So weit, so problemlos machbar und von den FIDE-Bestimmungen schon abgedeckt.

Aus dem Kongressbericht des DSB-Anti-Cheating-Chefs Klaus Deventer.

Und Zuschauer? In Deutschland etwa verweigert sich schon die Schachbundesliga der Anti-Cheating-Empfehlung, Zuschauer generell auszuschließen. Noch halten die Hüter des Reglements dazu still. Sobald sie insistieren, wird es zum Konflikt kommen. Generell wird mehr und mehr die Frage im Raum stehen, in welchem Maße Spielerinnen und Spieler zu durchleuchten sind und wo das Schach die Grenze des Verbotenen ziehen soll. Brillen? Hörgeräte?

Der Nationale Schiedsrichter Raimund Klein auf Facebook.

Maxime Vachier-Lagrave findet, dass es an den Spielern ist, steuernd einzugreifen. Wenige Monate nach der Selbstauflösung der Spielergewerkschaft ACP fordert der französische Großmeister, Spieler müssten sich zusammenschließen, um Betrüger:innen das Leben schwer zu machen und Gewinner wie Alisher Suleymenov vor falschen Verdächtigungen zu schützen.

MVL hatte schon während des World Cups 2023 gefragt, warum die Partien nicht zeitversetzt übertragen werden. Zumindest öffentlich hat die FIDE diese Frage nie beantwortet. Gestern erinnerte der Franzose an einen Vorfall während der Schnellschach-WM 2022. Er war versehentlich mit Armbanduhr ans Brett gekommen – und findet, dass er dafür hätte genullt werden sollen.

https://twitter.com/ChristianHKuhn/status/1712093590816498156

Carlsens Niederlage war bei weitem nicht die einzige Überraschung im Feld, in dem reihenweise junge und mutmaßlich unterbewertete Meister vor allem aus Indien oder Eurasien auf etablierte Großmeister losgelassen werden. Besonders hart traf es den zehn gesetzten Vladimir Fedoseev, der gleich mit zwei Niederlagen gegen nominelle Außenseiter startete. Der Journalist Stefan Löffler berichtete, Fedoseev habe nach seiner zweiten das Partieformular nicht unterschrieben und Beschwerde eingelegt.

Ein Überraschungssieger der zweiten Runde kommt aus Deutschland: Der Berliner IM Robert Baskin (Elo 2451) sicherte sich den vollen Punkt gegen den indischen GM Abhijeet Gupta (Elo 2609).

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Gerhard Lorscheid
Gerhard Lorscheid
7 Monate zuvor

Das Übliche. Funktionäre und Kommentatoren verlieren wieder das Maß.
Mobiles und Smartwatches abgeben, Verzögerung in der Übertragung sollte die Regel sein. Nicht so schwierig.
Abgesehen davon zeige mir jemand einen Weg zum Betrug ohne dass eine fünf- oder sechsstellige Investitionssumme zur Realisierung notwendig ist oder es einfach auffallen muss. “Kleines Zusatzgerät in einer Quarzuhr” , da wird es schlicht lächerlich.
Übrigens was war der letzte Fall, der aufgedeckt wurde? Wie fand er statt? Ich habe ewig von keinem gehört, sondern nur von Unterstellungen.

Last edited 7 Monate zuvor by Gerhard Lorscheid
Craftycus
Craftycus
7 Monate zuvor

Gegen was hat denn Fedoseev Beschwerde eingelegt? Soweit ich das mitbekommen habe hat er in seiner zweiten Partie so schnell gespielt, dass er am Ende sogar mehr Zeit auf der Uhr hatte. Glaube das ist ein klassischer Fall von “on tilt” sein. Ist menschlich und kann ich ihm auch nicht verübeln, jedoch spielen die Jungs dort teilweise hauptberuflich Schach. Wenn der kleine Nils Hendrik aus der Kreisklasse B Ost ne Puppe einstellt und entnervt den Saal verlässt ist das natürlich nicht so schlimm 🙂

Carlo
Carlo
7 Monate zuvor

Betrug im Schach erfordert doppelten Datentransfer: Informationen müssen extern verarbeitet und moduliert über interne Signalgebung wieder auf’s Brett zurückgeführt werden. Es ist im Grunde eine militärische Operation: Lageaufklärung, Lagebeurteilung, Maßnahme. Mit dem Handy auf dem Klo herumzusitzen ist ja völlig unästhetisch und igitt. Würde ich niemals machen und mir erst recht keine Analperlen einführen. Wie also könnte ich es anstellen? Ich möchte gegen Carlsen gewinnen und brauche jeweils den besten Zug. Wie komme ich an den ran? Ich finde, Betrug ist gar nicht so einfach. Selbst ein Implantat löst im Grunde nicht das Problem dieser Schnittstellen von Gehirn und Hand:… Weiterlesen »

Frank Schröder
Frank Schröder
7 Monate zuvor

Punkt 1: Dieses ewige Carlsen Bashing auf dieser Seite finde ich nicht angebracht. Wann haben die Perlen das letzte mal einen positiven Bericht über ihn gebracht?
Punkt 2: Wenn du schon meinst unbedingt gendern zu müssen, dann mach das doch bitte auch bei allen relevanten Wörtern, nicht nur ab und zu, so werden die Berichte erst recht unlesbar…

knights to mate you
knights to mate you
7 Monate zuvor

“Qatar Masters zieht die Sicherheitsschrauben an” Man kann Sicherheitsmaßnahmen doch nur verstärken, wenn es sie vorher gegeben hat. Nach anderweitigen internationalen Berichten scheinen diese jedoch vor der dritten Runde gar nicht erst vorhanden gewesen zu sein! Was mir auch nicht klar ist: Weshalb beschweren sich Spieler über nicht vorhandene Sicherheitsvorkehrungen? Das konnten sie doch schon vorher wissen. Ein Spieler kann doch frei entscheiden, ob er an einem Event teilnimmt, in dem es keinerlei Sicherheitsmaßnahmen gibt. Sie wurden doch über die Regularien informiert und haben etwas unterschrieben, nicht wahr? Warum entscheiden sich Weltklasse-Spieler / GM u.a. immer wieder, an solchen “Cheating-Risiko-Turnieren”… Weiterlesen »

Carl Samson
Carl Samson
7 Monate zuvor

Jaj, ja wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist die Badehose schuld. Carlsen jammert immer nach seinen Niederlagen über alles mögliche, anstatt anzuerkennen, dass auch andere ihn mal an einem guten Tag schlagen können.

Thomas Richter
Thomas Richter
7 Monate zuvor

Klaus Deventer hat ja Kontakte zur FIDE, trotzdem ist mit nicht klar warum die Bundesliga nach FIDE-Kriterien “höchsten Schutzbedarf” haben sollte. Das ist definiert als “FIDE Level 1 events (Official FIDE events as defined by the FIDE Events Commission or FIDE World Championship and Olympiad Commission); Round-robins with an average rating of 2600 or more (2400 for Women’s events); Events with prize funds in excess of EUR 100,000.” Darunter fallen dann zwar wohl auch WMs (und EMs?) jeder Altersklasse, auch Jugend und Senioren, aber gilt das zwangsläufig für nationale Mannschaftsmeisterschaften – Niveau ja zwischen Ländern recht unterschiedlich? Formal übrigens unklar,… Weiterlesen »

Stefan Link
Stefan Link
7 Monate zuvor

Das wird langsam lächerlich. Carlsen hat gegen einen schwächeren verloren, na und, kommt vor.
Wieder erweckt er den Eindruck, es sei Betrug im Spiel!
Wenigstens hat er diesmal kein Geschrei draus gemacht.
Auch er kann einfach mal schlecht spielen und das hat er in dem Fall auch!