Master Vincent, Bachelor Frederik

Die Anfrage erreichte Frederik Svane am Dienstag: Ob er am nächsten Turnier der „Challengers Chess Tour“ teilnehmen wolle, der „Julius Bär Challenge“. Was für eine Frage! Natürlich will er. Anfang September wird Svane sich bei der Carlsen-Junior-Tour mit den besten Junioren der Welt messen. Offiziell angekündigt ist das Turnier noch nicht, aber das werde bald geschehen, teilte chess24 auf Anfrage dieser Seite mit.

Anmaßend ist Svanes Teilnahme nicht, sie ist angemessen. Der 18-Jährige gehört in diesen elitären Kreis der Besten der Welt. Zwar ist sein rasanter Aufstieg der jüngeren Vergangenheit so schnell gegangen, dass nicht einmal das tagesaktuelle 2700chess.com mitgekommen ist, aber sobald die Live-Elozahlen aktualisiert sind, werden sie Frederik Svane mit voraussichtlich 2566 Elo als Nummer 20 der Junioren-Weltrangliste ausweisen.

Nur der Anfang? Frederik Svane ist offenbar selbst erstaunt, wie schnell und frei von Rückschlägen es nach oben gegangen ist, seitdem er nach absolviertem Abitur als Profi am Brett sitzt: Turniersieg in Hamburg mit GM-Norm, GM-Norm (und -Titel) in der Bundesliga, überragend bei der Jugend-EM und jetzt Platz zwei beim „Masters“ mit einer 2709-Performance.

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„Mal schauen, ob das weiter so gut läuft“, sagte er in aller Vorsicht, als ihn in Magdeburg DSB-Reporter Paul Meyer-Dunker jetzt zu seinen nächsten Zielen befragte. Offensichtlich hat Großmeister Svane die 2600-Elo-Marke im Blick, aber er fühlt sich noch nicht komfortabel damit, dieses Ziel offensiv zu deklarieren.

Der ganz große Coup, ein Schlussrundensieg über Vincent Keymer und der Turniersieg, blieb Frederik Svane in Magdeburg verwehrt. Die kleine Enttäuschung darüber, dass er in der Schlussrunde nie in die Nähe eines vollen Punktes kam („hatte nie eine Chance, die Partie zu gewinnen“), wird bei weitem überstrahlt von der Freude über ein weiteres erfolgreiches Turnier. „Damit bin ich glücklich.“

Neben den sportlichen Siegern darf sich das DSB-Öffentlichkeitsteam mit Paul Meyer-Dunker, Arne Jachmann und Frank Hoppe als Gewinner fühlen. Wie für die Schacholympiade gilt für den Schachgipfel: Nie zuvor haben so viele Leute Schach verfolgt, nie zuvor hat der DSB den Spielern Gesicht und Stimme gegeben wie in den vergangenen Wochen. Im Video oben: Die drei Erstplatzierten des “Masters” ziehen ihr persönliches Fazit.

Glücklich, so ein starkes Wort mochte Vincent Keymer nicht in den Mund nehmen. „Insgesamt war das in Ordnung“, analysierte der 17-Jährige, nachdem er mit 7/9 und einer 2786-Performance die nationale Konkurrenz distanziert hatte. Zum kleinen Ärger darüber, die „total gewonnene“ Partie gegen Svane nicht gewonnen zu haben, kam der liegengelassene halbe Punkt gegen Niclas Huschenbeth. Andererseits: „Gegen Arik Braun hatte ich schon etwas Glück.“

Keymer fühlt, dass bei einem idealen Verlauf noch mehr als 7/9 drin gewesen wäre, aber ein Turnier, in dem jede Partie wie am Schnürchen läuft, gebe es ja fast nicht. Außerdem: „Olympiade in den Knochen.“ Auch wegen der Müdigkeit aufgrund des geballten Schachprogramms zuletzt möge seine Leistung speziell in den letzten Runden in Magdeburg „nicht so gut“ gewesen sein, sagt Keymer.

“Halben Punkt liegengelassen”: Vincent Keymer und Niclas Huschenbeth im Dschungel des Schara-Hennig-Gambits.

Keymer empfindet das „Masters“ als die eigentliche Deutsche Meisterschaft, auch wenn das Turnier nicht so heißt. Anerkannt als nationale Meisterschaft sei es durchaus. „Das einmal zu gewinnen, war mir wichtig.“ Gegen künftige Teilnahmen hat er nichts einzuwenden, wird aber seine Zusage von der Stärke des Teilnehmerfelds abhängig machen. „Davon hängt es ab“, sagt Master Vincent. Würde der Eloschnitt der Gegner „sehr, sehr weit“ unter seiner Zahl liegen, eine Teilnahme wäre für ihn nicht attraktiv.

Botschaft an den DSB-Kongress?

Ob das eine Botschaft an die Delegierten des DSB-Kongresses war? Im Oktober wird entschieden, ob die eigentliche Deutsche Meisterschaft nun auch so heißen darf. Neben dem Vorschlag, die eigentliche Deutsche Meisterschaft zu einer solchen zu machen, steht auch ein Modell im Raum, das die Deutsche Meisterschaft noch weiter entwerten würde. Würde das beschlossen, die kommenden Schachgipfel würden wahrscheinlich ohne Keymer stattfinden.

Wie bei Svane die 2600-Frage steht bei Keymer die 2700-Frage im Raum. Während einige Supertalente des Weltschachs diese Hürde schon genommen haben, steht Keymer jetzt unmittelbar davor. Die starke internationale Konkurrenz empfindet Keymer als Ansporn. Die Gukeshs, Abdusattorovs, Praggnanandhaas und nicht zuletzt Keymers dieser Welt zeigen einander, was möglich ist. „Zuletzt haben wir alle viel Elo gewonnen, obwohl wir ja alle schon recht hoch standen. Das zeigt, es kann immer noch weitergehen.“

Showdown um den Turniersieg: Am Ende waren beide nicht ganz zufrieden. Vincent Keymer, weil er nicht gewonnen hatte, und Frederik Svane, weil er keinerlei Gewinnchance kreieren konnte.

In Magdeburg hätte Keymer die beiden Schwarzpartien in Runde 8 und 9 gegen Dmitrij Kollars und Frederik Svane gewinnen müssen, um schon beim Masters als zweiter Deutscher überhaupt die 2700 zu knacken. Das war kaum realistisch. Die nächste Gelegenheit, Elo zu sammeln, wird sich für Keymer ab dem 2. September in der ersten polnischen Liga eröffnen, der „Ekstraliga“.

Die deutsche Nummer eins hat bei „Minutor Energia Gwiazda Bydgoszcz“ angeheuert, dem diesjährigen Gastgeber der Liga, die am Stück binnen neun Tagen ausgespielt wird. Keymer besetzt im Team von Bydgoszcz das zweite Brett hinter Radoslaw Wojtaszek, mit dem er künftig auch in Baden-Baden in einem Bundesligateam spielen wird. Mit Dmitrij Kollars (Brett drei) ist ein zweiter Deutscher im Team.

Kollars und Keymer können sich auf Kämpfe gegen starke Konkurrenz freuen. Die polnische Liga ist stärker denn je. Die zehn Mannschaften bringen einen Eloschnitt von 2545 auf die Waage. Gespielt wird an sechs Brettern, das sechste muss mit einer Frau besetzt sein.

(Von Polen lernen: Öffentliche Auslosung der Runden und Pressekonferenz zum Start der polnischen Bundesliga)

(Titelfoto: Paul Meyer-Dunker/Deutscher Schachbund)

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Mathias
Mathias
1 Monat zuvor

Verstehe ich das richtig, dass vom 02.09. an neun Tage durchgespielt wird und dann ist die polnische Liga für diese Saison vorbei?
Komisches Model.

Wann beginnt eigentlich die deutsche Liga?

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

Man kann das wie Conrad Schormann uneingeschränkt loben, oder Vor- und Nachteile diskutieren: Es erleichtert die Teilnahme ausländischer Profis, die nur einmal anreisen müssen und besser planen können, ob es in ihren Terminkalender passt. Dagegen erschwert es tendenziell die Teilnahme einheimischer Amateure, die für Partien unter der Woche Urlaub nehmen müssen – den sie vielleicht auch anderweitig brauchen, sei es für Opens sei es auch für nicht-schachliche Aktivitäten. Ob es für Vereine kostensparend ist müsste man durchrechnen: zwar weniger Reise- aber tendenziell höhere Hotelkosten: für 10 Runden 9 Übernachtungen, bei Ausrichtung an Wochenenden (Spieltage Samstag und Sonntag) sind es tendenziell… Weiterlesen »

Kommentator
Kommentator
1 Monat zuvor
Reply to  Thomas Richter

Das Argument “Anlaufpunkt für Zuschauer” sehe ich auch eher zwiespältig. Klar, eine zentrale Veranstaltung ist eher geeignet, Rahmenveranstaltungen einzubinden (die sicherlich auch den einen oder anderen Interessierten anlocken), aber für die Vereine dürfte es doch attraktiver sein, mit Heimkämpfen diesen Anlaufpunkt für Zuschauer direkt vor Ort anzubieten.

Higamato
Higamato
1 Monat zuvor

Was mich erstaunt, ist, dass Vincent Keymer – der nach eigenem Bekunden wegen der Müdigkeit aufgrund des geballten Schachprogramms zuletzt “nicht so gut” gespielt hat – nach wenigen Tagen Pause 9 Tage durchspielen wird, am 2. Brett einer starken Liga. Und wollte Kollars (3. Brett!) sich nicht auch erstmal etwas erholen?
Kann man eigentlich diese Spiele irgendwo verfolgen?

Gerhard Schreiber
Gerhard Schreiber
1 Monat zuvor
Reply to  Higamato

….Ich nehme an, dass das Ganze für Vincent so lukrativ ist, dass die Müdigkeit schnell verschwunden sein wird! Außerdem steht er jetzt kurz vor der 2700er Elo- Grenze. Das gibt ihm bestimmt ein zusätzliches Argument, jetzt doch keine längere Pause zu machen. Das kann natürlich auch nach hinten losgehen, wenn er Elo einbüßen sollte!

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

Zwischen German Masters und Ekstraliga liegen 9 Tage, zwischen Olympiade und German Masters waren es 7 Tage – mit Reisestrapazen, Zeit- und Klimaveränderung, was nun keine Rolle spielt. Sollte also machbar sein. Sie müssen vielleicht auch nicht 9 Runden durchspielen sondern können auch mal pausieren. Vermutlich haben sie sich vertraglich verpflichtet und müssen da nun durch. Verfolgen kann man es wahrscheinlich (noch) auf chess24, die haben jedenfalls frühere Auflagen der polnischen Ekstraliga live übertragen. Die polnische Klubseite hat wohl noch eine alte Aufstellung (ohne Keymer). Wo findet man eigentlich aktuelle Aufstellungen, auch der anderen Teams? Conrad Schormann kennt sie offenbar.… Weiterlesen »

Kommentator
Kommentator
1 Monat zuvor
Reply to  Thomas Richter
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[…] Den richtigen Ansprechpartner für dieses Problem findet Kölle in Elberstadt: Carsten Karthaus, Präsident des Württembergischen Schachverbands, gehört zu denjenigen, die zu verhindern versuchen, dem Leuchtturmturnier des Deutschen Schachbunds den Status zu geben, den es verdient, und mit dem die Öffentlichkeitsarbeiter des Schachs arbeiten könnten. Karthaus favorisiert ein Modell, nach dem diese Errungenschaft abgeschafft und das Amateurturnier gestärkt werden soll. Vincent Keymer hat gerade erst erklärt, dass mit ihm bei künftigen Deutschen Meisterschaften dann eher nicht zu rechnen wäre. […]