Magnus Carlsen tritt ab

Magnus Carlsen wird seinen Weltmeistertitel 2023 nicht verteidigen. Das hat der Norweger jetzt in einem Videopodcast seines Sponsors Unibet angekündigt. Im kommenden Jahr werden Ian Nepomniachtchi und Ding Liren, Erster und Zweiter des Kandidatenturniers, ein Match um die Weltmeisterschaft spielen. Das hat kurz nach Carlsens Mitteilung FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich auf Anfrage von chess.com bestätigt.

Das war’s: Magnus Carlsen wird seinen Weltmeistertitel nicht verteidigen. | Foto: Eric Rosen/FIDE

„Meine Entscheidung steht“, bekräftigte Carlsen. Mehr als eineinhalb Jahre habe er darüber nachgedacht. „Ich habe mit Leuten aus meinem Team gesprochen, ich habe mit der FIDE gesprochen, und ich habe mit Ian gesprochen.“ Ihnen allen habe er gesagt: „Ich bin nicht motiviert, noch ein WM-Match zu bestreiten. Aus historischen Gründen wäre es interessant, aber es gäbe für mich nicht viel zu gewinnen“

Sein Treffen in Madrid mit Dvorkovich und dessen Generalsekretär Emil Sutovsky bezeichnet Carlsen als „kleine Diskussion“, in die er ohne Forderungen oder Vorschläge gegangen sei. Seine Gesprächspartner hätten ein paar Ideen vorgetragen, „einige gefielen mir, andere nicht“. Er sei im Wesentlichen nach Madrid gekommen, um den beiden von Angesicht zu Angesicht mitzuteilen, dass er 2023 nicht antreten wird.

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Magnus Carlsen betont, dass er der Schachszene als Spieler erhalten bleibt, als der sportlich führende Spieler nach Möglichkeit. Er schloss nicht aus, dass er an künftigen WM-Zyklen teilnimmt. Der World Cup etwa, an dem er schon als amtierender Weltmeister allein des Wettkamps wegen teilgenommen hat, repräsentiert ein Format, das den 31-Jährigen besonders reizt. Aber vor allem werde es für ihn darum gehen, der beste Spieler der Welt zu sein – einer, den der Weltmeistertitel nicht interessiert.

Die Frage ist beantwortet. Carlsen scheidet freiwillig aus, Nepo und Ding spielen um den Titel.

Schach zu spielen, interessiert ihn sehr, wie sich aus Carlsens Turnierkalender der kommenden Monate ablesen lässt. Ab heute spielt Carlsen die Grand Chess Tour in Kroatien (wo er in der ersten Runde gegen Nepomniachtchi remisierte), danach mit dem norwegischen Team die Schacholympiade in Indien: „Das wird viel Spaß machen, wir sind an vier gesetzt.“ Danach folgt ein Turnier seiner Carlsen-Tour, gleich danach der Sinquefield-Cup.  

Er freue sich, zum Status von vor zehn Jahren zurückzukehren, als er ohne Titelfokus einfach nur versucht habe, besser im Schach zu werden, sagte Carlsen. Den Plan, dass sein Rating seine Verbesserung reflektieren soll, hat der 16. Schachweltmeister nicht aufgegeben. 2900 Elo bleiben erklärtes Ziel der Nummer eins der Welt.

Carlsens Unlust auf ein WM-Match als lange Folge klassischer Partien zieht sich durch seine Karriere als fünfmaliger Weltmeister seit 2013, ja, sie begann schon vorher. Ende 2010, bereits klar der beste Spieler der Welt, erklärte er seinen Verzicht aufs Kandidatenturnier 2011. Carlsen veröffentlichte einen Brief, in dem er den Modus kritisierte.

Woher kam das, wie geht es nun weiter? Und was sagen die Gurus? Nepo, Kasparov, MVL: Erste Stimmen zum Carlsen-Abtritt im Video.

Das Kandidatenturnier 2013 zu spielen, sei eine „spontane Entscheidung für einen Wettbewerb, der interessant sein könnte“ gewesen. Seitdem hat Carlsen wieder und wieder darauf hingewiesen, dass er den WM-Modus für dringend reformbedürftig hält. Nach seinem Sieg 2021 hatte er verkündet, dass ihn allenfalls ein Herausforderer aus der neuen Generation reizen würde.

Nun wartete Nepomniachtchi, ein Vertreter der Carlsen-Generation, auf ein zweites Match. Diese Aussicht dürfte den Ausschlag gegeben haben, die Brocken hinzuschmeißen. Und so ist nun Ding Liren, der Nummer zwei der Welt, unerwartet ein WM-Match zugeflogen. Sein Sieg in der letzten Runde des Kandidatenturniers über Hikaru Nakamura hat dem Chinesen nachträglich die größte und lukrativste Herausforderung seiner Karriere beschert.

Kandidatenturnier Madrid 2022, Ding Liren schlägt Hikaru Nakamura, die Entscheidung um Platz zwei. Nakamura, dem ein Remis gereicht hätte, klagte hinterher, er habe die Chance auf eines seiner besten Turniere jemals weggeworfen. Und die FIDE-Oberen werden intern geklagt haben, dass sie nun kein WM-Match mit Nakamura in der Hinterhand haben, sollte Carlsen aussteigen. Ein Nakamura-Match wäre viel leichter zu vermarkten gewesen und hätte ein größeres Publikum gefunden als der Schachkenner-Leckerbissen Ding vs. Nepo. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

„Es ist keine ideale Situation, dass der beste Spieler seinen Titel nicht verteidigt“, sagte Ding auf Anfrage von chess.com. „Für die Fans ist es besser, wenn die besten Spieler um die Weltmeisterschaft kämpfen. Magnus war natürlich der beste Spieler im Lauf der vergangenen Jahre. Jetzt sind wir in eine neue Ära eingetreten.” Ding hofft, dass Carlsen „eines Tages zurückkehrt“. In seiner ersten Reaktion zeigte sich Ding beeindruckt von der Verantwortung, die ihm das Erreichen des höchstmöglichen Wettbewerbs zuspielt: „Ich muss jetzt unbedingt  mein Englisch verbessern.“

Noch in Madrid hatte Ding ebenso wie Fabiano Caruana, WM-Herausforderer 2018, gesagt, er glaube nicht an einen Rücktritt Carlsens. „Jetzt habe ich viele Gefühle im Kopf, mit denen ich fertig werden muss. Ich wusste, dass Magnus Zweifel hatte, aber ich erwartete, dass er spielt. Andererseits verstehe ich: Weltmeister zu sein bedeutet eine Menge Verantwortung, es ist einiges zu bewältigen.“

Mancher Beobachter argumentiert, dass Carlsen eben dieser Verantwortung gegenüber dem Sport nicht gerecht wird, dass er sie ignoriert sogar. Und das, obwohl die Umstände nie günstiger waren, die von ihm gewünschten Reformen herbeizuführen. Die FIDE ist in einer Position, in der sie Carlsen viel dringender braucht als umgekehrt.

„Der Weltmeistertitel hat mir viel gegeben, mir viele Türen geöffnet“, sagt Carlsen. Auf den Gedanken, nun zurückzugeben, indem er die FIDE zu ihrem Glück zwingt, kommt er offenbar nicht.

Auch die FIDE ist ihrer Verantwortung gegenüber dem Sport jahrelang nicht gerecht geworden. Dass der WM-Modus reformiert gehört, steht nicht erst seit dem Match 2018 auf der Tagesordnung, aber zu mehr als marginalen Änderungen hat sich der Verband trotz Carlsens wachsender Unlust nie durchringen können.

Die FIDE konnte den Abgang ihres Weltmeisters kommen sehen. Sie hat versäumt, ihn zu verhindern. Nun steht sie da mit einem WM-Match, das viel weniger Interesse wecken wird als vergangene Carlsen-Matches.

Weltmeister im zweiten Versuch? Ian Nepomniachtchi hat sich das Recht erkämpft, 2023 noch einmal anzutreten. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Der Weltmeistertitel ist entwertet, so lange ihn nicht der beste Spieler hält oder zumindest darum kämpft. Diese jetzt eingetretene Konstellation ist nicht neu im Schach. 1975 wollte Bobby Fischer seinen Titel nicht verteidigen, Anatoly Karpov wurde kampflos Weltmeister.

Der Unterschied: Fischer konfrontierte den Weltverband 1975 mit einem Katalog an Forderungen. Carlsen hatte 2022 gar keine mehr, er hatte in den vergangenen Jahren alles gesagt. Der andere Unterschied: Fischer ging dem Schach verloren. Carlsen bleibt ihm erhalten.

1993 löste sich Garry Kasparov von der FIDE, um sein WM-Match gegen Nigel Short selbst zu vermarkten. Die folgende Spaltung dauerte 13 Jahre, bis 2006 Vladimir Kramnik das Wiedervereinigungsmatch gegen Veselin Topalov gewann.

Wer immer das Match 2023 gewinnt, der FIDE-Weltmeistertitel wird ähnlich wenig wert sein wie 30 Jahre zuvor nach Kasparovs Abgang. Wie groß die sich daraus ergebende Krise ist und wie lange sie dauern wird, ist nicht abzusehen. Fürs Schach wäre es gut, es würde baldestmöglich jemand Carlsen von der Spitze der Weltrangliste kegeln.

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Joschi
Joschi
30 Tage zuvor

“Auch die FIDE ist ihrer Verantwortung gegenüber dem Sport jahrelang nicht gerecht geworden.” “Die FIDE konnte den Abgang ihres Weltmeisters kommen sehen. Sie hat versäumt, ihn zu verhindern.” Ich sehe das anders. Es kann nicht sein, dass der stärkste Spieler die Regeln ändert. Roger Federer hat die Tennisregeln auch nicht geändert, Usain Bolt nicht den 100m-Lauf auf 110m verlängert, Spanien nicht die Fußballspiele verkürzt. Es gibt eine Reihe an Bewerben, die nicht die stärksten Spieler anziehen (Beispiel: Deutsche Schachmeisterschaft). Die Weltmeisterschaft verliert an Gewicht. Das muss nicht notwendigerweise schlecht sein. Dafür wird anderes wichtiger. Also nun der FIDE die Schuld… Weiterlesen »

Steve Wage
Steve Wage
29 Tage zuvor

Ich möchte mal eine Lanze brechen für ein Format, welches es mal gegeben hat und leider verschwunden ist, nämlich das der 70er / 80er – Jahre. Zonenturniere, Interzonenturniere und Kandidatenwettkämpfe. Dazu müsste man den WM – Zyklus auf 3 Jahre verlängern, was auch nicht schlecht wäre. Vorteil wäre eine Beteiligung vieler Schachspieler aus allen Regionen der Welt und die Möglichkeit für eben diese Schachspieler, zumindest in der ersten Runde des WM – Zyklus dabei sein zu können. Die Kandidatenwettkämpfe als Zweikämpfe, um sich auf das Format des WM – Kampfes einzustimmen, hätten ein enormes Spannungspotenzial – der WM – Kampf… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
29 Tage zuvor
Reply to  Steve Wage

Ich würde sagen, dass auch die modernen Kandidatenturniere bereits den Status “legendär” haben. Beteiligung vieler Schachspieler aus allen Regionen der Welt gibt es auch im heutigen System bei Weltcup und Grand Swiss, sowie Qualifikationsturnieren für den Weltcup: neben der Europameisterschaft gibt es ja viele weitere Turniere auf regionaler Ebene, z.T. heißen die auch “Zonenturnier” – wahrgenommen werden sie eher nicht oder nur in der jeweiligen Region.
Irgendwann sind es dann nur noch die besten Spieler, die kommen eben aus relativ wenigen Regionen (Europa, USA, Teile von Asien – China, Indien, zukünftig vielleicht Usbekistan).

Steve Wage
Steve Wage
29 Tage zuvor
Reply to  Thomas Richter

Natürlich gibt es Zonenturniere, aber die, und da haben Sie völlig recht, nimmt niemand mehr wirklich wahr, weil der Fokus in Sachen Weltmeisterschaft auf Elozahlen der stärksten Spieler, Weltcup und dem neu geschaffenen Weltinterzonenturnier (Grand Swiss) liegt. Ferner gibt es noch den Grand Prix und aus diesem Kuddelmuddel wird dann irgendwie ein Feld zusammengestellt, welches den Herausforderer ermittelt. Ich persönlich würde eine Serie, die die Schachspieler der verschiedenen Kontinente in einen WM – Zyklus einbindet und diesen dann auch als solchen vermarktet und medial vermittelt, dabei aber eine klare Struktur mit einem Spannungsbogen beinhaltet, jederzeit dem oben beschriebenen Kuddelmuddel vorziehen.… Weiterlesen »

namen sind nur schall und so
namen sind nur schall und so
30 Tage zuvor

Artikel 12 Grundgesetz.
Freie Berufswahl.

Is scho schtrong, wenn man dann Leute als “respektlos” bezeichnet und “verpflichten” will, etwas zu tun, was sie halt nicht wollen.

Als “nicht anständig” und “nicht verantwortungsvoll” bezeichnet zu werden, weil man die für sich anständige und verantwortungsvolle Wahl getroffen hat, anstatt sich zum Sklaven des Sports bzw. dessen Hardcore-Community zu machen.

“Schwach” ist nur, wer Carlsen nicht verstehen will.

Grundgesetz und Menschenrechte gelten wohl nicht für amtierende Weltmeister im Schach. Ist auch eine Meinung. Zumindest wird diese Freiheit hier zelebriert.

Neandertaler
Neandertaler
29 Tage zuvor

Ich sehe das völlig anders. Magnus Carlsen ist der aktuell beste Schachspieler, daran dürfte wenig Zweifel bestehen, das sagt seine ELO schon aus. Magnus Carlsen kann sich aber für keinen weiteren WM-Kampf mehr motivieren. Das ist menschlich, und es ist sein gutes Recht. Dass wir als Fans uns wünschen würden, der aktuell beste Schachspieler würde den WM-Kampf spielen, braucht Carlsen nicht zu interessieren. Ob er in einem anderen Format gespielt hätte, ist völlig offen. Auf mich klingt seine Stellungnahme nicht so. Und selbst wenn: Warum sollte der Weltmeister über das Format, in dem er seinen Titel verteidigt, mitbestimmen können? Das… Weiterlesen »

unrated
unrated
30 Tage zuvor

Die Meinung in der Mitte des Artikels kommt von Kleingeistern. Niemand ist verpflichtet sein Leben aufzugeben, nur weil er in etwas gut ist. Da leben einige in der Schachblase und wollen einen Menschen als Sklaven in ihrer Bubble halten. Zum persönlichen Vergnügen. Wie man so eine Forderung überhaupt stellen mag… “Anständig und verantwortungsvoll im Sinne des Sports…”. “Zutiefst respektlos” ist nur, dass sich einige Anmaßen über das Leben anderer entscheiden zu wollen. “Schwach” ist sicherlich nicht, sich selbst zu ergründen und festzustellen was man vom Leben will. Aber ist halt Twitter… schnell, unreflektiert… genutzt von Kleingeistern. Dieser Bericht, diese Meinung… Weiterlesen »

Christoph Kriminski
Christoph Kriminski
30 Tage zuvor

Ich sehe es eher kritisch im WM-Kampf Schnellschach- und Blitzschachpartien einzubauen. Dies ist ja der Weltmeistertitel für das klassische Schach. Für die anderen Bedenkzeiten gibt es ja separate Wettbewerbe. Und anhand der Tatsache, dass es aktuell drei unterschiedliche Weltmeister in diesen Kategorien gibt, sieht man, dass der beste Spieler im klassischen Schach nicht der beste Spieler an allen Zeitformaten ist. Falls man den Weltmeistertitel als Titel für den besten Spieler aus allen Formaten auffassen sollte, müsste auch der gesamte Qualifikationszyklus dahingehend geändert werden, sodass dann auch Schnell- und Blitzschach dort einfließt. Man würde ja auch nicht den zweitbesten Schwimmer im… Weiterlesen »