Play Anish?

Pünktlich zur Wiederaufnahme des Kandidatenturniers ist Anish Giri in Top-Verfassung. Die Formkurve von Weltmeister Magnus Carlsen zeigt derweil steil nach unten. Aufschwung des einen und Niedergang des anderen hängen unmittelbar mit einem überraschenden Personalwechsel zusammen. Der einstige Carlsen-Coach Peter Heine Nielsen ist vom norwegischen ins niederländische Lager gewechselt. Obendrein steht Carlsens Play-Magnus-Gruppe vor einer feindlichen Übernahme.

Der Nielsen-Wechsel ist nach Informationen dieser Seite eine erste personelle Folge einer Börsenattacke auf das Carlsen-Imperium „Play Magnus“. Englisch-holländische Investoren kaufen seit Monaten Play-Magnus-Aktien. Bislang von der Öffentlichkeit unbemerkt, versuchen sie, nach und nach eine Mehrheit an dem norwegischen Schachkonzern zu übernehmen – und diesen personell zu schwächen, so lange er noch in norwegischer Hand ist.

Nielsen mit seinem vierbeinigen Freund und Begleiter „Fritzi“. | Foto via Wikipedia

Teil des Konzepts ist, die besten Köpfe des Carlsen-Teams abzuwerben, darunter Peter Heine Nielsen, der Giri zum Weltmeistertitel führen soll. Nach einem Wechsel der Mehrheitsverhältnisse im Konzern sollen der Top-Spieler, der Top-Trainer und andere dort wieder eingegliedert werden. Ob aus der „Play Magnus“-Gruppe die „Play Anish“-Gruppe wird, sei noch nicht entschieden, heißt es.

Um einen Konzern mit einem annähernd neunstelligen Wert zu übernehmen, bedarf es gewaltiger finanzieller Ressourcen. Und die sind vorhanden. Allem Anschein nach hat sich die Play-Magnus-Gruppe den Unmut eines der größten Players im Musikgeschäft zugezogen, der schachaffinen britischen Popband Depeche Mode und ihres Kreativdirektors Anton Corbijn. Die Musiker stehen hinter der Attacke, die ultimativ mit einem Wechsel auf dem Weltmeisterthron und in der Play-Magnus-Chefetage enden soll.

Die 1980 gegründete Synthie-Pop-Band Depeche Mode zählt mit weltweit über 100 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten ihrer Zunft. In sozialen Netzwerken tauchte jüngst ein Video auf, das Sänger Dave Gahan beim Schachspielen zeigt.

Links Dave Gahan, in der Mitte Kater „Fritzi“, rechts (abgewandt) Peter Heine Nielsen.

Es ist nicht eindeutig zu erkennen (dazu später mehr), aber aller Wahrscheinlichkeit ist Peter Heine Nielsen der Unbekannte, der mit Dave Gahan eine Trainingspartie spielt. Sicher ist, dass Heine Nielsens Kater „Fritzi“ dank Depeche Mode zum wahrscheinlich prominentesten Auftritt seines Katzenlebens gekommen ist.

Auch die anderen Bandmitglieder sind Schachfreunde. In einem Interview mit der Zeitschrift „Musikexpress“ beschreibt Blancmange-Sänger Neil Arthur, wie er sich während gemeinsamer Tourneen mit Depeche Mode die Zeit vertrieben hat: mit Schachduellen gegen Depeche-Mode-Keyboarder Andrew Fletcher. „Heute, 30 Jahre später, kann ich es ja verraten, wer gewonnen hat: Fletch – und zwar jedes einzelne Spiel. Ansonsten erinnere ich mich vor allem daran, wie wenig wir geschlafen und wie viel wir gefeiert haben.“

„Die zahlreichen Schachverweise in den Werken von Depeche Mode sind nicht zu übersehen“, sagt Archie Baetschi, Vorsitzender des litauischen Depeche-Mode-Fanclubs „Satellite“ und Schachenthusiast. Martin Gore, der die meisten Songs der Band komponiert, liege besonders viel an der kleinsten Figureneinheit auf dem Schachbrett, den Bauern, deren Verwandlungsfähigkeit es ihm angetan habe. „Wenn Gore ein Song besonders viel bedeutet, singt er ihn selbst, nicht Dave Gahan“, sagt Baetschie.

„The Bottom Line“ vom Album „Ultra“ (1997) sei so ein Song. „Gore beschreibt sich als unsicher bewegenden Bauern, der seiner Vorsehung folgt, angelockt von der Umwandlung, die er mit dem Himmel vergleicht.“ 

Depeche Modes Philidor-Hommage: Die Bauern sind die Seele des Spiels.

„Like a pawn on the eternal board
Who’s never quite sure what he’s moved towards
I walk blindly on
And heaven is in front of me
Your heaven beckons me enticingly
When I arrive
It’s gone
The river flows
The wise man knows
I follow you“

In „My Little Universe“ vom Album „Delta Machine“ (2013) demonstriere der Komponist sein Endspielverständnis. Das lyrische Ich würde sich diesmal als König auf dem leeren Brett betrachten, auf dem er mit klenen Schritten vorankommt und gegnerische Steine am Eindringen hindert:

„I take small steps
I’m making progress
In a non-specific way
Here I am king
I decide everything
I let no-one in

Auf zahlreiche weitere Schachbezüge in den Werken von Depeche Mode verweist Baetschi. Im Video zu „People Are People“, ihrem Nummer-1-Hit in Deutschland aus dem Jahr 1984, seien diese ganz offen zu sehen, in Form eines immer wieder auftauchenden Schachbretts. Im Video zu „Enjoy The Silence“, ihrem Welthit von 1990, seien sie eher angedeutet. „Dave Gahan läuft mit einem Klapp-Liegestuhl einsam durch verschiedene verlassene Landschaften. Das wurde aufwändig in mehreren Ländern gedreht. Sogar in den Alpen waren sie dafür – ich frage: warum dieser riesige Reiseaufwand?“ 

Depeche Modes Bobby-Fischer-Hommage. Das eigentlich geplante Dubrovnik-Schachset wurde nachträglich doch noch aus dem Drehbuch gestrichen.

Für Baetschi ist die Sache klar, das Video ist eine Hommage an Bobby Fischer, der sich als Weltmeister einst aus der Öffentlichkeit zurückzog und als König im Exil jahrzehntelang ruhelos durch die Welt irrlichterte. In Frank Bradys Buch „Endspiel“, einer Biografie über Bobby Fischer, wird Fischer als eine moderne Art „Fliegender Holländer“ dargestellt.

Fischer-Fan Baetschi hält den Vergleich für passend. Regisseur und Ideengeber des Videos von „Enjoy The Silence“ sei Anton Corbijn gewesen, ein Holländer.  Und dieser Corbijn habe damals die Model-Fotos von Magnus Carlsen für die Modemarke G-Star geknipst. „Kein Zufall“, stellt Baetschi fest – und erläutert: Auch Starfotograf Corbijn sei Schachfan. Für den Videodreh zu „Enjoy The Silence“ habe er Dave Gahan einst außer dem Klappstuhl noch ein Dubrovnik-Schachset in die Hand drücken wollen, so eines, wie es Bobby Fischer besessen hatte.

Auch der Titel des Songs „Enjoy The Silence“ sei eine Referenz an Bobby Fischer: „Genieße die Stille! Bobby hat sich doch bei der WM 1972 über die Geräusche der mitfilmenden Kamera beschwert, die war ihm zu laut!“ Songschreiber Martin Gore habe genau darauf im Songtitel angespielt.

So viel zum Schach-Faible der Band. Und das habe sich in der Coronazeit noch verstärkt, sagt Baetschi. Schon bevor die Carlsen-Idee in ihm gereift sei, lange vor dem ersten Kontakt mit Peter Heine Nielsen hätte Dave Gahan einen Schachtrainer engagiert. „Die Bandmitglieder blitzen ständig gegeneinander oder bilden Teams mit ihrer Crew.“ Vom Brett im Tourbus seien die bandinternen Schachduelle jetzt auf die Plattform chess24 verlegt worden. „Vermutlich hat ihnen Anton Corbijn das empfohlen. Der Magnus-Carlsen-Fotograf ist im Bandgefüge einflussreich, er macht das Artwork, die visuelle Ausgestaltung der Live-Shows und nicht zuletzt alle PR-Fotos. Und so liege es nahe, dass Corbijn die Musiker zu der Plattform lotst, für deren Besitzer er bis zum Bruch vor einigen Monaten gearbeitet hat.“

Ganz nah dran: Archie Baetschi aus Litauen liebt Schach und Depeche Mode. | Foto: privat

In den vergangenen Monaten habe es die Bandmitglieder zunehmend gestört, dass ihnen beim Gang ins Internet, speziell beim Schachspielen ständig Chessable-Kurse angepriesen würden. „Twitter und Chess24 fühlen sich ja mittlerweile an wie eine Chessable-Dauerwerbesendung“, sagt Baetschi – und er ist mit dieser Wahrnehmung nicht allein. Nicht nur Depeche Mode und Corbijn, auch das Blog „Schachwelten“ mit seinem Autor Jan Jettel stört der Reklame-Overkill.   

Allerdings steht Schachwelten-Autor Jan Jettel dem Phänomen machtlos gegenüber. Und das unterscheidet ihn von Dave Gahan und seinen Mitstreitern.Kritik an bestehenden Zuständen zu äußern, war stets Teil des Werks von Depeche Mode. Nicht nur, was ihre Freizeitgestaltung betrifft, sondern auch die Menschheit generell. Bereits 1983 prangerten sie im Lied „Everything Counts“ die immer größer werdende Gier und die Ellbogengesellschaft an.

„Depeche Mode verstehen da keinen Spaß“, sagt Baetschi. Auch nicht beim größten Meister ihres geliebten Spiels. „Carlsen soll sich kein Schach-Monopol bauen, das wäre schädlich für das Schach.“ Darum setze sich die Band dafür ein, dass es Gegengewichte gibt – am Brett und abseits davon.

Der Plan: Carlsen vom Thron kegeln

Längst hätten die Musiker begonnen, Aktienpakete der Play-Magnus-Gruppe zu kaufen. Ziel sei, möglichst bald eine Mehrheit am Schachkonzern zu halten – und die Chessable-Dauerwerbesendung auf allen Kanälen abzustellen. Nicht nur Magnus‘ Firmenimperium würde die Popband attackieren, auch ihn direkt, wie Baetschi dieser Seite exklusiv anvertraut. „In meiner litauischen Heimatstadt Šiauliai lebt auch Magnus Carlsens Chefsekundant Peter Heine Nielsen mit seiner Frau Viktoria Cmilyte-Nielsen. Aus deren Umfeld höre ich, dass Depeche Mode Nielsen ein Angebot gemacht haben, das er nicht ablehnen konnte.“

Eine Ausstiegsklausel in Heine-Nielsens Vertrag ermögliche dessen Ausstieg aus dem Carlsen-Imperium. Baetschi ist sich sicher, dass Nielsen schon Gahan trainiert habe. „Kann sogar sein, dass er Gahans Gegner im Schachvideo ist, aber da bin ich mir nicht sicher.“

Nigel Short hat keine WM-Ambitionen mehr.

Mit dem Nielsen-Coup habe Depeche Mode weniger Gahans Spielstärke im Sinn als eine Ablösung auf dem Weltmeisterthron. Ursprünglich hatten die Briten an ihren Landsmann Nigel Short (55) gedacht, den sie mit Nielsens Hilfe fast drei Jahrzehnte nach seiner verlorenen Weltmeisterschaft gegen Garri Kasparow als Nachfolger von Magnus Carlsen verspätet auf den Schachtrohn hieven wollten. Aber das erschien selbst Short zu kühn. Via Twitter lehnte er sogar öffentlich dankend ab, verwies auf seine Alter und empfahl, besser den im Kandidatenturnier führenden Ian Nepomniachtchi zu unterstützen.

Dieser Vorschlag wiederum missfiel dem niederländischen Lokalpatrioten Anton Corbijn. Der empfahl, den Holländer Anish Giri zu kontaktieren. Auch der habe noch Chancen, das Kandidatenturnier zu gewinnen. Anders als MVL übrigens: „Der war zuletzt zu instabil.“

Nach Informationen Baetschis hat die Zusammenarbeit Giris mit Heine-Nielsen längst begonnen. Via Skype schmiedeten die beiden einen Plan, der Giri die zweite Hälfte des Kandidatenturniers dominieren lassen soll. Giris Schwarzpartie gegen Nepomniachtchi gelte die größte Aufmerksamkeit. „Die zählt doppelt, da kann Giri Nepo einholen.“

Die ersten Früchte der Zusammenarbeit mit Nielsen hat Giri kürzlich geerntet: ein beeindruckender, kaum erwarteter Turniersieg bei Magnus Carlsens eigenem Knockout-Turnier. Giri steht der Weg zum Weltmeistertitel nun offen.

420 Seiten, fast 40 Jahre Bandgeschichte. Ein Monument und Sammlerstück.

(Titelfoto via Tata Steel Chess)

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