Kinderschach

Reykjavik 2004, Weltklasse-Schnellschach. Mittendrin ein 13-Jähriger. Ihm gegenüber: Garri Kasparow, kopfschüttelnd, Grimassen schneidend. Nachdem er die Eröffnung oberflächlich behandelt hat, wird der Weltranglistenerste von seinem jungen Gegner überspielt. Seiner großen Erfahrung verdankt Kasparow, dass er sich im Endspiel mit Minusbauer noch ins Unentschieden rettet. Als hinterher ein Reporter Carlsen fragt, ob er sich über das Sensationsremis freut, verneint dieser. Carlsen ärgert sich, dass er den Sieg verpasst hat – ein kommender Champion.  

Dieses hochkarätige Beispiel (ab jetzt gibt’s Patzerklasse) habe ich gewählt, damit ihr bei der Stange bleibt um zu zeigen, dass es für favorisierte Erwachsene aller Spielstärken undankbar sein kann, gegen ein Kind gelost zu werden. Dessen Wertungszahl entspricht oft nicht der Spielstärke. Manche Kinder sind viel stärker, manche drücken mit ihrer absurd niedrigen Zahl den Gegnerschnitt nach unten.

Der Blamagefaktor ist hoch, zu gewinnen gibt es nicht viel. Ein Sieg wäre normal, ein Remis peinlich und eine Niederlage – oje.  

In der B-Gruppe des siebenrundigen Deizisauer Herbstopens 2011 lief es für mich nicht gut. Nach der fünften Runde stand ich mit zwei Punkten da. An eine Wiederholung meines Vorjahresresultats, als ich für meinen dritten Platz 150 Euro einstrich, war längst nicht mehr zu denken. Es ging nur noch um Schadensbegrenzung. Und die ist ein schlechter Motivator.

Dritter Platz, 150 Euro Preisgeld. Diesen Erfolg aus dem Jahr 2010 sollte unser Autor Martin Hahn (3.v.r.) im Jahr darauf nicht wiederholen. || Foto: SF Deizisau

In Runde sechs nahm gegenüber ein Jugendlicher Platz, gegen den es mir nicht gelang, Vorteil zu erzielen. Nachdem wir im 47. Zug die Remisschaukel unterzeichnet und er mit seinem Vornamen auf meinem Partieformular unterschrieben hatte, sprudelten aus ihm unzählige Varianten – inklusive meines ausgelassenen Figurengewinns im 21. Zug. Ich brauchte gar nichts sagen. Ich hatte ohnehin nur einen Gedanken. Nix war’s mit Schadensbegrenzung. 

Mein damaliger Gegner wurde im Laufe der Jahre wesentlich stärker, wohingegen meine Zahl zuletzt tendenziell sank. Heute bin ich froh, mit ihm noch rechtzeitig ein Remis gemacht zu haben. Immerhin. 

Julian Martin ist Teil des Bundesligakaders des deutschen Serienmeisters OSG Baden-Baden, ein Brett hinter Jan Gustafsson. “Man muss die Kinder schlagen, solange es noch geht”, sagte dieser weise Banter-Philosoph einmal. Bei Julian war mir das im Oktober 2011 schon nicht mehr möglich.  

Ebenfalls nur ein Remis, diesmal gegen ein Mädchen, sprang für mich ein paar Jahre später bei einem anderen Turnier heraus. Nach der Partie war Mittagspause, die Kleine vergnügte sich auf dem Spielplatz vor der Halle, während ich mich mit ihrer Mutter auf einem Bänkchen unterhielt. Sie erzählte ihre Erlebnisse mit der schachtalentierten Tochter, von weiten Autobahnfahrten, und sie gab Insiderwissen preis. Warum zum Beispiel der ihre Tochter trainierende Großmeister ” nun nicht mehr mit der Plattform “Y” zusammenarbeitet, solche Sachen. Hätte die Mittagspause noch länger gedauert, hätte ich mich bestimmt in sie verliebt. 😉

Bewusst begnadigt?

Anderntags spielte ich gegen einen Schüler der Jussupow-Schachschule. Ich war leichter Favorit, zumindest fühlte ich mich so. Aber was sind schon 50 oder 100 Punkte in unseren Breitengraden? “Die Wahrheit liegt auf dem Brett”, pflegte Otto Rehhagel zu sagen. Recht hatte er. 

Nachdem der Junge mich überspielt hatte, drehte er mir ein lästiges Turmendspiel an. Ich dachte an den nicht anwesenden Artur Jussupow – wie er seinen Schützling für die mustergültige Spielführung in der Nachbesprechung loben würde.

Letztlich rettete ich mich doch in ein Remis. Glück? Hat er mich bewusst begnadigt? Eher unwahrscheinlich. Er war mit seinen Gedanken nämlich ganz woanders, am Anfang der Partie: Warum ich nicht 1.e4 gespielte hätte wie in der Datenbank, wollte er wissen.

Ich hätt’s ihm schon gesagt, wusste es allerdings selbst nicht so genau. Meiner Orientierungslosigkeit verdanke ich, dass ich einer auf mich zugeschnittenen Eröffnungsgemeinheit entgangen bis, die der Junge mit seiner Trainerin Nadja Jussupow am Vorabend unserer Partie ausgetüftelt hatte. Wow! Dass sich ein Gegner mit Hilfe einer FIDE-Meisterin auf mich vorbereitet hat, diese Ehre war mir nie zuvor zuteil geworden.

Schachtrainerin Nadja Jussupow (Mitte) eingerahmt von (v.l.) Klaus Deventer, Ullrich Krause, Artur Jussupow und Jörg Schulz. || Foto: Klaus Steffan

Wieder ein paar Jahre später bei einem anderen Open war zur Abwechslung mal “die Jugend” Favorit und ich der Underdog. Ein 12-Jähriger war mit seinem nicht unbekannten Trainer angereist, welcher viele Tische weiter vorne im selben Turniersaal spielte und alle paar Züge mit gestrengem Blick an unserem Brett auftauchte.

Sein Schützling überspielte mich nach Strich und Faden. Früh opferte er zur Linienöffnung seinen f-Bauern. Einfach so. Emil Joseph Diemer wäre stolz gewesen. Als ich im zehnten Zug trödelte und die Rochade verpasste, musste mein König wie bei der Super-Nanny auf die stille Treppe, was bei mir mit dem Feld f8 gleichzusetzen war. Und das, wo doch die f-Linie sperrangelweit offen stand. Nix war’s mit “Sprechen sie mit ihren Figuren“: Meine unverbundenen Türme verharrten beschäftigungslos auf a8 und h8. Wie zum Hohn stand ausgerechnet meine anfällige Dame vorne in der Mittelstürmerposition.

Erleichtert Klötze getauscht

Was mich im Spiel hielt, waren einzig die regelmäßigen Besuche des gegnerischen Trainers an unserem Brett. Immer wenn er erschien, wurde der Junge erkennbar nervös, wollte auf keinen Fall etwas Falsches machen. Nach 20 Zügen hätten zwei weitere gute ausgereicht, um mich zur Aufgabe zu überreden. Doch diese blieben aus.

Erleichtert tauschte ich ein paar Klötze, der Druck ließ nach. Als wenig später auch noch beide Damen das Spielfeld verließen, stand ich zwar immer noch nicht schön, aber das Gröbste schien überstanden. Sein Trainer war gerade weg, und so nutze ich die Gelegenheit, um um Remis zu winseln. Er nahm sofort an. Erstaunlich. Trotz seiner deutlich höheren Wertungszahl. Ein cooler Hund hätte an meiner Stelle sogar auf Sieg weitergespielt.

Im großen Analysesaal fand uns zielsicher auch gleich sein Coach. Er stauchte den Buben zusammen. Warum um Himmels Willen er den Damentausch erlaubt habe, warum er in der Schlussstellung nicht weitergespielt habe … und überhaupt: Das Endspiel sei immer noch klar gewonnen für Weiß! (Was nicht stimmte.) Wie zum Beweis wuppte er den weißen König in einem Zug von c1 nach a7, ohne mich auch nur einen meiner sechs Gegenzüge auszuführen zu lassen. Der verschüchterte Junge tat mir plötzlich leid.

Das waren fünf verschiedene Remisgeschichten “Groß gegen Klein”. Der Kleine aus der fünften ist inzwischen auch “groß” – und scheint laut DWZ-Datenbank immer noch schachlich aktiv zu sein. Er kletterte aber nicht so hoch wie Julian Martin.

Zum Abschluss noch ‘n Gedicht:  

Spielervater 

Beim Jugend-Open in Heilbronn
Steht er am Brett von seinem Sohn, 
Der im Schach steht, jetzt gerade, 
Denn sie hielt nicht, die Blockade,
Und das Mädchen via-à-vis, 
Mit dem Plüschtier-Kolibri, 
Stürmt die Festung, knackt den Drachen
Und setzt an, ihn matt zu machen. 

Der Vater sieht den Sohn streng an 
Und nach dem Händeschütteln dann, 
Staucht er ihn auch laut zusammen 
Und beginnt, ihn zu verdammen, 
Worauf sein Junge weinen muss. 
Ich frag den Vater ganz zum Schluss, 
Ob er wohl noch alle Tassen … ? 
Da beginnt er zu erblassen.


Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de

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