Schwer bekömmliche Kost

Als die Schlacht geschlagen war, ließ sie manchen Beobachter orientierungslos zurück. Was war da geschehen? Selbst die großen Meister unserer Zunft taten sich schwer damit, diese Achterbahnfahrt in undurchsichtigem Gelände einzuordnen. Nehmen wir nur diese Stellung:

Guter Zug? Schlechter Zug? “Zweischneidig” wird es letztlich im Perlen-Kommentar heißen, eine Ausrede, um sich nicht vollständig festlegen zu müssen.

“So viel weiß ich: …e5 ist ein Fehler”, erklärte Schachgroßmeister Jan Gustafsson im Livestream von chess24, und der mit ihm kommentierende einstige Vizeweltmeister Peter Leko widersprach nicht.

Komisch nur, dass Schachgroßmeister Dejan Bojkov den Zug …e5 als notwendig bezeichnet. In seiner Analyse bei chess.com versieht er ihn gar mit einem “!”, ein sehr guter Zug also.

Hmm. Wem sollen wir nun glauben? Weil der Schreiber dieser Zeilen Dejan Bojkov einst auseinandergeschraubt hat wie einen pogchamps-Teilnehmer, tendieren wir eher zu Gustafsson. Andererseits hat der Schreiber dieser Zeilen nie gegen Gustafsson gespielt. Vielleicht ließe der sich ja noch leichter auseinanderschrauben? Und, bei allem Zweifel, Bojkov ist Großmeister. Wenn so jemand über Schach spricht, kann das nicht ohne Substanz sein.

Über Donchenkos und Firouzjas Noteboom-Abenteuer gerieten noch weitere große Meister unseres Spiels ins Straucheln:

Auch Gerald Hertneck, einstiger National- und Top-50-Spieler, fand schwer verdaulich, was ihm die Protagonisten vorsetzten.

Und es waren nicht nur die Meister aus Fleisch und Blut, die mal die Stirn runzelten, mal die Augenbrauen hochzogen. Auch das Urteil der Maschinen schwankte mal in diese, mal in jene Richtung, und wer sie noch ein bisschen länger rechnen ließ, der stellte nicht selten fest, dass das Votum des Rechenknechts mit einem Mal von der einen zur anderen Seite ausschlug.

Gezockt wie Tal

Nur für einen schien die Sache klar. Die Partie war kaum beendet, da erschien sie schon als Video auf dem Kanal von Schachfreund agadmator.

Den interessierten die schachlichen Feinheiten gar nicht so sehr. Storyteller agadmator hatte einen “Zug à la Tal” erspäht, Firouzjas in beiderseitiger Zeitnot gezocktes 32…b2, das theoretisch zwar den schwarzen Vorteil verschenkt, in der Praxis aber Alexander Donchenko zum letzten Fehler der Partie verführte. Und das machte er sogleich zum Gegenstand seiner Präsentation.

So wie Leser dieser Seite mehr erwarten dürfen als Copy/Paste von Pressemitteilungen, dürfen die Zuschauer mehr erwarten als ein Video darüber, wie Alexander Donchenko mattgesetzt wird.

Wir haben also diesen, jenen und noch manch anderen Input großer Meister aufgesogen, daüber den schnellsten Stockfish laufen lassen, der aufzutreiben war, alles zusammengerührt, abgewogen und schließlich eingesprochen.

Willkommen im Dschungel:

(Klick auf “Play” startet das Video.)

In Wijk an Zee bekommt es Alexander Donchenko am heutigen Samstag ab 14 Uhr mit der spanischen Nummer eins David Anton zu tun (Liveübertragung hier).

Rundenbericht bei chess.com.

Will Donchenko zum Bergfest des Tata Steel Chess die rote Laterne abgeben, muss er gewinnen. Verlöre er stattdessen, stünde er vorerst einsam am Tabellenende.

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