Beinahe Weltklasse: Rudolf Swiderski aus Leipzig – eine Spurensuche

30. Juli 1906, es läuft die 7. Runde beim 15. DSB-Kongress in Nürnberg. Da die Deutsche Meisterschaft vor dem Ersten Weltkrieg meist als internationales Turnier ausgespielt wurde, sitzen in der Frankenmetropole Größen des Weltschachs wie Carl Schlechter, Oldřich Duras, Michail Tschigorin oder der spätere Turniersieger Frank Marshall mit an den Brettern. Dazu die besten Deutschen – allen voran der 44-jährige Siegbert Tarrasch, der mit zwei Niederlagen und vier Unentschieden äußerst bescheiden in das 16-rundige Turnier gestartet ist. 

Rudolf Swiderski.

Und schon wieder sieht es an seinem Brett brenzlig aus. Im unbedingten Gewinnbestreben hat der „Praeceptor Germaniae“ (Lehrmeister der Deutschen) den Bogen überspannt und im 27. und 33. Zug mit riskanten Bauernzügen am Damenflügel seine Stellung geschwächt. Dort hatte sein lang rochierter König gestanden, der nun vor den schwarzen Schwerfiguren quer übers Brett flüchten muss. Soeben hat Tarrasch seinen König mit 38.Kf2-g3 aus dem Schach gezogen.

Sein deutlich besser ins Turnier gekommener 16 Jahre jüngerer Gegner Rudolf Swiderski hat sich nach zuletzt drei Siegen am Stück schon wieder eine vielversprechende Stellung aufgebaut. Es schreit förmlich nach einer Gewinnkombination.

Swiderski rechnet und rechnet – vor seinem geistigen Auge werden seine Schachgebote immer wieder vom gegnerischen Bauernzug g2-g3 abgefedert, oder Tarraschs Monarch landet auf h5, wo ihm anscheinend nicht beizukommen ist. Unerbittlich tickt die Uhr. Würde Swiderski, der beim Meisterturnier des Deutschen Schachbundes zwei Jahre zuvor in Coburg überraschend geteilter Sieger geworden war, eine Gewinnkombination finden? 

Rudolf Swiderski (28.8.1878 – 2.8.1909) galt anfangs des 20. Jahrhunderts als einer der hoffnungsvollsten deutschen Spieler. Sein Leben ging bereits kurz vor seinem 31. Geburtstag zu Ende. Die Todesumstände und auch der Sterbetag sind bis heute rätselhaft. Dazu später mehr.  

In seiner kurzen Laufbahn hat er große Spieler wie Aaron Nimzowitsch, Akiba Rubinstein und Henry Joseph Blackburne geschlagen. Swiderskis Bilanz gegen Carl Schlechter ist ausgeglichen. Zwischen 1903 und 1908 haben die beiden acht Partien gespielt: 4:4, kein Remis. Knapp ein halbes Jahr nach dem Tod von Swiderski trug Schlechter sein WM-Match auf Augenhöhe mit Emanuel Lasker aus – und hätte den Weltmeister beinahe entthront. Swiderski war vier Jahre jünger als Schlechter. Wir ahnen, welches Potenzial in ihm schlummerte. In der historischen Weltrangliste war er nach seinem besten Jahr 1904 auf Rang 15 platziert.

Schachspieler und Musiker

Heute sagt der Name des Leipziger Meisterspielers kaum einem Schachspieler noch etwas. Aber in seiner Heimatstadt ist „Swiderski“ ein präsenter Begriff. Rudolf war der Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten. Über sein inzwischen nicht mehr bestehendes prunkvolles Elternhaus, die Villa Swiderski, gibt es sogar einen Wikipedia-Eintrag. Als Heranwachsender besuchte er das Leipziger König-Albert-Gymnasium.

Eine Würdigung Rudolf Swiderskis von Adolf Zinkl in der Wiener Schachzeitung Nr. 20 aus dem Oktober 1909:

„Da ihm seine günstigen Vermögensverhältnisse die Wahl eines künstlerischen Berufes erlaubten, widmete er sich frühzeitig dem Studium der Musik, wofür er neben großer Vorliebe auch hohe Begabung zeigte. Er betätigte sich in der Folge wiederholt als Komponist und manche seiner gelungen Arbeiten sind auch in weiteren musikalischen Kreisen vorteilhaft bekannt geworden. 

Dem Schachspiel war Swiderski gleichfalls schon in jungen Jahren zugetan. Zum ersten Male trat er gelegentlich des zehnten Deutschen Schachkongresses (Eisenach 1896) in die Öffentlichkeit. Hier kämpfte er zunächst im Gruppenturnier II und erzielte aus sieben Partien drei Punkte.“

Swiderski und Ringelnatz

In jenem Jahr 1896 trat er ebenfalls der Schachgesellschaft Augustea in Leipzig bei. Über mögliche Schachlehrer konnte ich nichts herausfinden. Ein bisschen weiteres „Material“, allerdings nichts schachliches, findet sich an einer ganz unverhofften Stelle. Dies ist der Autobiographie „Mein Leben bis zum Kriege“ von Joachim Ringelnatz zu verdanken, die ich kürzlich in die Finger bekam. Geboren im nahen Wurzen, war Ringelnatz mit seinen Eltern im Jahr 1886 nach Leipzig gezogen und später dort ebenfalls Schüler am König-Albert-Gymnasium (allerdings nicht zeitgleich, sondern knapp nach Swiderski). An einer Stelle wurde ich beim Lesen besonders aufmerksam, als es von ihm nämlich über seine Schwester hieß:

„An sich kümmerte ich mich wenig um Ottilies Liebeszauber und Tanzschwestern und Tanzbrüder. Von den jungen Herren imponierte mir einer, namens Swiderski, weil er ein bekannter Schachspieler war, der an öffentlichen Turnieren teilnahm….“

Joachim Ringelnatz (1883-1934), der sich nach einem seemännischen Ausdruck für Seepferdchen benannte und eigentlich Hans Gustav Bötticher hieß, war Schriftsteller, Kabarettist und Maler – kurzum ein Allroundkünstler. Schach war nie sein künstlerisches Hauptthema, aber er spielte es wohl gern. In mindestens zweien seiner Gedichte kommt es vor („München“ und „Heimliche Stunde“). Auch an mehreren Stellen seiner Biographie „Mein Leben bis zum Kriege“ taucht das Brettspiel auf. Einer von Ringelnatz’ weiteren über dreißig Nebenberufen war der des Seemanns. Diesen hatte er mit seiner bekannten Kunstfigur „Kuttel Daddeldu“ gemeinsam, über die er viele humoristische Gedichte schrieb. Ringelnatz hat auch heute noch viele Anhänger, darunter den Verfasser dieses Artikels.

Von einem „bekannten Schachspieler Swiderski“ hatte ich bis dahin nie gehört. Ich begann, ein wenig zu stöbern – und stieß auf Erstaunliches. Die Anmerkung von Ringelnatz war alles andere als Seemannsgarn: Rudolf Swiderski erreichte den Höhepunkt seines Schaffens um 1904 mit einer nachträglich berechneten historischen ELO-Zahl 2629 – wahrlich nicht schlecht. In jenem Jahr holte er auch den erwähnten Turniersieg beim Meisterturnier des Deutschen Schachbundes in Coburg, den er mit Curt von Bardeleben und Carl Schlechter teilte.

Zurück zu Ringelnatz. Die Anekdote, warum Swiderski dem fünf Jahre jüngeren Dichter imponierte, geht nämlich noch ein wenig weiter:

„… und weil er (Swiderski) einmal in der Schwimmanstalt mit mir von dem ganz hohen Gerüst ins Wasser springen wollte. Er sprang auch. Aber ich tat aus Feigheit nicht mit. Ferner war da Hermann Mitter, auch ein Verehrer Ottiliens, nicht so verwegen, aber immer lieb und gleichbleibend treu.“

Swiderski hatte dem selbstbetitelten „Seepferdchen“ also ausgerechnet mit einem Sprung ins Wasser imponiert. Ein Feigling war der „Tanzbruder“ und verwegene Verehrer jener Ottilie auch am Schachbrett nicht. In seinem glorreichen Jahr 1904 teilte er neben dem bereits erwähnten Erfolg in Coburg beim Rice-Gambit-Turnier (einer nie wirklich beliebt gewordenen Variante des Königsgambits) in Monte Carlo den Turniersieg mit Frank Marshall.  

Coburg 1904, stehend v.l.: C. Schlechter, H. Ranneforth,  R. Swiderski, C. Schröder, A. Schott, F. Tausch, W. John, H. Süchting, C. Teller, L. Fleischmann. Sitzend v.l.: J. Mieses, H. Wolf, H. von Gottschall, P. Schellenberg, R. Gebhardt, J. Berger, G. Marco, O. Bernstein, C. von Bardeleben, H. Caro.
Eine Fundgrube für kommentierte Swiderski-Partien.

Wollte ihm auch der Durchbruch in die absolute Weltspitze nicht gelingen, so war Swiderski doch für jeden ein gefährlicher Gegner. Beispielhaft hierfür sind seine beiden Gewinnpartien gegen Rubinstein und Blackburne vom internationalen Turnier in Ostende 1907.

Die letzte Turnierpartie seiner allzu kurzen Laufbahn spielte er auf den Tag genau drei Jahre nach der gegen Tarrasch am 30. Juli 1909 bei einem Leipziger Klubturnier. Er remisierte gegen einen Herrn G. Enderlein, wodurch er sich den Turniersieg sicherte. Den Preis holte er allerdings nicht mehr ab, da er bereits wenige Tage danach nicht mehr unter den Lebenden weilte. Zu den ungewöhnlichen Umständen seines Todes heißt es in der Wikipedia: „Das letzte Lebenszeichen stammt vom 2. August. An diesem Tag oder wenig später beging er Suizid. Er nahm Gift und erschoss sich danach.“

Meineid? Liebesaffäre? Verurteilung?

Zu den Beweggründen gibt es widersprüchliche Quellen. Nach Angaben der Deutschen Schachzeitung litt Swiderski unter einer Krankheit, der er sich auf diese Weise entzogen habe („Am 12. August schied Swiderski aus eigener Entschließung aus dem Leben. Unzufrieden mit seinen Lebensverhältnissen und von Krankheit heimgesucht, zog er den Tod einer notwendig gewordenen Operation vor.“). In Meyers Schach-Lexikon ist allgemein von „geistiger Umnachtung“ die Rede.

Vor allem englischsprachige Quellen verweisen auf Probleme anderer Art. Demnach wurde Swiderski in Zusammenhang mit einer Liebesaffäre des Meineids beschuldigt oder war diesbezüglich bereits verurteilt worden.

Von welcher schlimmen Krankheit wurde der junge Mann heimgesucht? Was hatte es mit dem angeblichen Meineid auf sich? Gab es wirklich eine gerichtliche Verurteilung und wenn ja – müsste das nicht irgendwo protokolliert sein? Und warum wollen Letzteres ausgerechnet englische Quellen herausgefunden haben, „The Scotsman“ und die „Western Times“? Weitere Hintergründe konnte ich leider nicht ans Licht zerren. Und auch nicht, ob es sich bei der vermeintlichen Liebesaffäre gar um Ottilie, die Schwester von Ringelnatz gehandelt haben könnte. Im Buch von Ringelnatz kommt Swiderski nach seinem Sprung ins Wasser „vom ganz hohen Gerüst“ jedenfalls nicht mehr vor. 

Das Ringelnatz-Seepferdchen bei Nirvana.

Seine Todesumstände, die ungewöhnliche Kombination von Vergiftung und Erschießung, erinnern an Kurt Cobain, den ebenfalls viel zu früh gestorbenen amerikanische Grungerock-Helden meiner Jugend. Ihn habe ich übrigens  – wie auch Ringelnatz –  ebenfalls in Verbindung mit einem Seepferdchen im Gedächtnis gespeichert. 

85 Jahre nach Swiderski hatte sich der geniale Songwriter, Sänger und Gitarrist der Band Nirvana im offensichtlich für viele Musiker ominösen Alter von 27 Jahren eine Überdosis Heroin verpasst und anschließend ebenfalls erschossen. Als offizielles Todesdatum gilt der 05. April 1994. Wie bei Swiderski wurde allerdings auch Cobains Leichnam erst Tage später gefunden, auch bei ihm gibt es heute noch Diskussionen um das exakte Sterbedatum.

Der Selbstmord des Sängers und Gitarristen von Nirvana hatte mich damals kalt erwischt und traurig gemacht. Nirvana waren authentisch, für mich hatten sie die besten Songs am Start. Zwar kamen Gewehre in gleich mehreren Songtexten vor – der Welthit „Smells Like Teen Spirit“ beginnt gleich mit der Zeile „Load up on guns / bring your friends …“, „In Bloom“ ist eine Art Parodie auf einen amerikanischen Kleinstädter, der gerne mit seiner Waffe herumballert („… and he likes to shoot his gun …“). Aber hatte Kurt Cobain im Refrain von „Come As You Are“ nicht sogar ausdrücklich geschworen, gar kein Gewehr zu haben?  („And I swear that I don’t have a gun“) 

Zurück zu Swiderski: der Schachhistoriker Edward Winter versuchte auf seiner Seite unter der Überschrift „The Riddle of Swiderski’s Suicide“ (Das Rätsel um Swiderski’s Selbstmord) Licht ins Dunkel zu bringen und befragte die Leser nach Informationen. Die zusammengetragenen Erkenntnisse können dort eingesehen und gegebenenfalls ergänzt werden. Das Rätsel bleibt indes weiter ungelöst.

Apropos Rätsel. Wie ging nun eigentlich Swiderskis Partie gegen Tarrasch aus? 

Zum Testen, ob diese Stellung geballter schwäbischer Analysekraft standhält, hatte ich sie kürzlich beim (nach dem Lockdown endlich wieder stattfindenden!) Vereinsabend meinen Kameraden der Schachfreunde Oeffingen vorgelegt. Obwohl es stramm auf Mitternacht zuging, wurde sie vom harten Kern fast eine Stunde lang ohne Figuren zu bewegen betrachtet und besprochen, keiner ging vorzeitig nach Hause. Es gab vielversprechende Ansätze, der Schlüsselzug wurde jedoch nicht gefunden. 

Warum der Turm auf der ersten Reihe bleiben musste

Auch Swiderski gelang das 114 Jahre zuvor in Nürnberg nicht. Er zog 38…T1c3+?! 39. Kh4 De1+? und nach 40. g3 war der weiße König in Sicherheit und Tarrasch erfreute sich ausgerechnet aufgrund seiner nun plötzlich wieder besseren Bauernformation eines Vorteils und knetete auf Gewinn weiter. Aber Swiderski hielt zäh und erzielte nach großem Kampf ein Remis.

Spektakulär gewonnen hätte stattdessen 38…T8-c3! 39.Kh4 Kh7! 40.De6 De1+ 41.Kh5 Tc6 42.Df7 Dg3!! (Diagramm rechts) nebst Matt in 4.

Die Stellung birgt noch ein Damenopfer auf g3. Verteidigt sich Weiß analog zur Partie mit 41.g3, folgt 41….Dxg3!! nebst …Th1 matt!

Darum musste der Turm also auf der ersten Reihe bleiben. Speziell das wunderschöne 42…Dg3, das Swiderski berühmt hätte machen können, ist aus der Ferne schwer zu sehen.

Natürlich habe ich weiter oben ein bisschen geschwindelt. Niemand weiß, ob Swiderski an dieser Stelle wirklich „gerechnet und gerechnet“ hat. Vielleicht nicht, vielleicht war er ja auch in Zeitnot. Sei’s drum – moderne Schachprogramme zeigen die überraschende Lösung sofort. Aber auch damals schon hatte Arnold Schottländer, der in den 1870er Jahren ein bevorzugter Spielpartner des deutschen Weltklassespielers Adolf Anderssen in Breslauer Schachcafés gewesen war, die Lösung gezeigt. 

Dass Swiderski besser als in seiner Partie gegen Tarrasch kombinieren konnte, zeigen diese sechs Taktikaufgaben, entnommen diesem Buch mit historischen und modernen Matt-Taktiken aus Meisterpartien:


Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de

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