EM-Splitter: das bayerische Gambit in der Krise

berchtenbreiter
IM Maximilian Berchtenbreiter

Die jungen deutschen IM Maximilian Berchtenbreiter und Felix Graf kennen einander. Beide stammen aus Bayern, beide zählten vor nicht allzu langer Zeit zu den herausragenden Jugendlichen in Schachdeutschland.

Da liegt es nahe zu vermuten, dass Felix Graf Maximilian Berchtenbreiter mit einer seiner französischen Vorlieben infiziert hat, einem Gambit Marke Eigenbau im Tarrasch-Franzosen mit 3…Sg8-f6, um das sich der junge deutsche Schachmeister fast im Alleingang verdient macht.

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6…b7-b5 spielt Felix Graf regelmäßig und mit Erfolg. Zu den Opfern seines bayerischen Gambits zählt unter anderem der kanadische Großmeister Eric „Chessbrah“ Hansen, der 2013 in der Bundesliga (Wattenscheid gegen Bayern München) kein rechtes Mittel gegen 6…b7-b5 fand.

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IM Felix Graf

Bei der EM in Batumi musste das bayerische Gambit in der ersten Runde am Brett von Maximilian Berchtenbreiter einen weiteren Härtetest bestehen. Dem Deutschen gegenüber saß der englische GM Gawain Jones, der nach zwei Turnieren der anderen Art in Batumi wieder in den Alltag eines Schachprofis zurückkehrt.

Sein Jahr begonnen hatte Jones mit einem Ausflug in die Weltspitze in der A-Gruppe des Tata-Steel-Turniers in Wijk an Zee, von dem unglücklicherweise vor allem in Erinnerung blieb, dass Jones eine Mehrfigur gegen Magnus Carlsen nicht ausreichte, um die Partie zu gewinnen. Dass er im Kreise der 2.700+-Giganten eine ordentliche Vorstellung ablieferte, ist längst vergessen. Danach reiste Jones zum Spaßturnier im irischen Bunratty, das nicht Elo-gewertet wird, um den Guinness-Konsum der Teilnehmer anzukurbeln.

Nun also wieder die Mühsal der Ebene, und die begann für Jones mit einer Weißpartie gegen Maximilian Berchtenbreiter, der ihm sogleich das bayerische Gambit vorsetzte.

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Diese Stellung nach 7.Lxb5 Db6 8.Da4 a6 9.Ld3 cxd4 10.cxd4 Sc6 11.Se2 Sb4 12.Lb1 a5 könnte eine Grundstellung der Variante sein, würde sie denn öfter gespielt. Felix Graf hatte die Stellung zwei Mal auf dem Brett, außerdem gab es sie sein ein Mal in einer Partie in einer bayerischen (!) Amateurliga. Und jetzt Jones-Berchtenreiter.

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GM Gawain Jones

Auf jeden Fall wird deutlich, dass nicht übermäßiger Konsum von Weißbier zu 6…b7-b5 geführt hat, sondern dass eine Idee dahintersteckt. Die weißen Truppen sind nahe der Grundlinie versammelt, Schwarz hat sich derweil am Damenflügel ordentlich ausgebreitet, plant, mit …Lc8-a6 seinen weißfeldrigen Läufer ins weiße Lager spähen zu lassen, und hat obendrein den d4-Bauern fest im Blick. Stünde der Lf8 schon auf e7 und hätte Schwarz schon rochiert, dann hätte er mehr als genug Kompensation für den Bauern. Aber dass Schwarz selbst einige Schwierigkeiten hat, seinen Monarchen in Sicherheit zu bringen, zeigt die Zweischneidigkeit des schwarzen Konzepts.

Allemal sollte Weiß jetzt nicht voreilig rochieren, dann folgt …Lc8-a6, und Schwarz kann zufrieden sein. Stattdessen entschied sich Jones, erst einmal den vorwitzigen Sb4 nach Hause zu schicken und dann dem bald auf a6 erscheinenden Läufer einen Opponenten entgegenzustellen.

Es folgte 13.a2-a3 Sb4-c6 14.Lb1-d3 Lc8-a6 15.Ld3xa6 Db6xa6

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Schachfreund Stockfish schlägt an dieser Stelle vor, Weiß solle seinen Mehrbesitz behaupten: 16.Sd2-b1!? Lf8-e7 17.Sb1-c3 0-0 18.0-0, aber das kostet genau die beiden Tempi, die Schwarz zur Rochade braucht. Schwarz hat Spiel am Damenflügel, gegen d4, und im weißen Lager klaffen weißfeldrige Löcher. Der Nachziehende solltest zumindest ganz nahe an voller Kompensation sein.

Gawain Jones entschied sich stattdessen, den Bauern zurückzugeben, sofort zu rochieren und dem Schwarzen die Frage zu stellen, wie der eigentlich seinen König in Sicherheit zu bringen gedenkt. Nach 16.0-0 Sc6xe5 17.d4xe5 Dxe2 18.Sd2-f3 plagt die Fesselung auf der Diagonalen a4-e8 den Schwarzen nämlich mehr denn je, und es ist nicht klar, wie es nun weitergehen soll.

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Das von der Maschine eingeforderte und laut Stockfish zu annäherndem Ausgleich führende 18…De2-c4 führt stattdessen nach 19.Da4xc4 d5xc4 zu einem für den Weißen zwar nur ganz leicht besseren, dafür praktisch sehr angenehmen Endspiel, in dem er für lange Zeit den Schwarzen an seinem strukturellen Defizit wird leiden lassen können.

Felix Graf hatte diese Stellung auch schon auf dem Brett, und wie Berchtenbreiter spielte er 18…Lf8-c5?!. Nur steckt Schwarz nach 19.b2-b4 in erheblichen Schwierigkeiten. Jones fuhr in der Folge mit sicherer Hand seinen ersten vollen Punkt des Turniers ein.

Nach unserer Einschätzung erlebt das bayerische Gambit gerade eine Krise. Mögen Berchtenbreiter und Graf schnellstens die heimische Analyseküche aufsuchen, um ein Rezept gegen Jones‘ Spielweise auszuhecken.

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