Rapid-WM: der 16. Weltmeistertitel für Magnus Carlsen

10 Punkte aus 13 Partien: Magnus Carlsen hat zum fünften Mal die Weltmeisterschaft im Schnellschach gewonnen. Neben dem Titel, seinem 16. Weltmeistertitel, sicherte er sich den ersten Preis in Höhe von 60.000 Dollar. Die Russin Anastasia Bodnaruk, an 51 gesetzt, gewann überraschend das Turnier der Frauen. Nach 8,5/11 über die reguläre Distanz besiegte sie Humpy Koneru im Tiebreak inklusive Blitz-Playoff. Für die 31-Jährige, Elo 2340, ist es der erste große internationale Titel.

Schnellschach-Weltmeister Magnus Carlsen. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Bodnaruk gewann 30.000 Dollar ebenso wie Humpy Koneru – und Lei Tingjie. Die Chinesin hatte ihre Letztrundenpartie nach wenigen Zügen remisiert, mutmaßlich um sich mindestens einen Tiebreak zu sichern. Am Ende der Runde musste sie feststellen, dass sie mit schlechterer Wertung punktgleich mit Bodnaruk und Koneru ist, aber ein Stechen nach Reglement (anders als im offenen Turnier) nur zwischen den zwei nach Wertung Erstplatzierten vorgesehen ist.

Schnellschach-Weltmeisterin Anastasia Bodnaruk. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Vincent Keymer, mit weiblicher Begleitung angereist, hat seine Vizeweltmeisterschaft des Vorjahres nicht wiederholt. Die Chance war da. Nach einem weniger gelungenen ersten Tag (3/5) schob er sich dank 3,5/4 am zweiten (remis gegen Magnus Carlsen) an die Tabellenspitze heran. Einen halben Punkt hinter den Führenden liegend, nutzte Keymer am dritten Tag seine Chancen nicht.

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Die in der Eröffnung überlegen geführte Zehntrundenpartie gegen Volodar Murzin endete remis, ebenso die Elftrundenpartie gegen Maxime Vachier-Lagrave, in der ein falscher Königszug den Gewinn verschenkte. Damit war die Chance aufs Treppchen so gut wie dahin. Nach zwei Niederlagen zum Schluss beendete Keymer mit 7,5 Punkten das Turnier als 46. von 202 Teilnehmern.

Vincent Keymers Zweitrundensieg über den Russen Nikolay Averin.

Dinara Wagner startete mit 1,5/4 ins Frauenturnier. Danach fing sie sich: vier Siege, drei Remis. Mit 7 Punkten aus 12 Partien belegte sie Rang 25 unter 117 Teilnehmerinnen. Ebenso wie Keymer schaffte es Wagner nicht ins Preisgeld.

Josefine Heinemann dokumentiert Dinara Wagners schwierigen Start.

Drittes Mitglied der kleinen deutschen Delegation war FM Jens Hirneise, dem einige respektable Einzelergebnisse gelangen, darunter sein Auftaktsieg gegen Haik Martirosyan und in der dritten Runde ein Remis gegen Anish Giri. Weitere deutsche Teilnehmer gab es nicht. Die Kaderspieler:innen haben den Wettbewerb mehrheitlich wegen der langwierigen und kostspieligen Anreise gemieden.

Magnus Carlsen stand von Beginn an der Spitze des Feldes, anfangs geteilt. Ab der zehnten Runde führte er alleine und verteidigte seinen halben Punkt Vorsprung bis zum Schluss – auch dank der Friedfertigkeit von Vladimir Fedoseev, der in der letzten Runde die Chance hatte, Carlsen einzuholen, aber mit einem schnellen Remis jegliches Risiko vermied. Damit hatte er seine Titelchance zugunsten eines sicheren erklecklichen Preisgelds geopfert.

Die Überraschungsweltmeisterin Bodnaruk begann den Wettbewerb am zweiten Tag zu dominieren, den sie als alleinige Führende abschloss. Am dritten Tag behauptete sie zunächst ihren Vorsprung, doch mit drei Unentschieden in den letzten drei Runden erlaubte sie Lei Tingjie und Humpy Koneru (Rapid-Weltmeisterin 2019) aufzuschließen.

Im Blitz-Tiebreak 3+2 lieferten sich Bodnaruk und Koneru einen knappen Kampf. Die Inderin gewann die erste Partie mit Schwarz, verlor aber die zweite, in der sie deutlichen Vorteil verspielte. Nach einem Remis in der ersten Blitz-Playoff-Partie gewann Bodnaruk die zweite und den Titel.

Carlsen sagte dem norwegischen Rundfunk nach seinem Erfolg, dass ihm auch der 16. Weltmeistertitel viel bedeutet. Er habe hart dafür arbeiten müssen, aber auch viel Spaß gehabt. Den Titel sicherte er sich mit einem abschließenden, ungefährdeten Remis gegen den WM-Kandidaten Praggnanandhaa. Nach Wertung hat Carlsen in den 13 Partien 5 Rapid-Elopunkte verloren. Er bleibt auf dem zweiten Platz der Weltrangliste hinter Ding Liren.

Für den WM-Zyklus ist der Umstand von Bedeutung, dass Anish Giri (Platz 25) nicht unter den ersten Drei landete. Seine erste Chance, den Inder Gukesh im „FIDE Circuit“ von der Spitze zu verdrängen und sich damit fürs Kandidatenturnier zu qualifizieren, ist damit verstreichen. Giri muss nun am Freitag und Samstag die Blitz-WM gewinnen, will er noch WM-Kandidat werden.

Die Rapid-WM mag auch als Beleg dienen, dass Spitzenschach noch jünger wird, als es schon ist. Diesmal sorgten ein Achtjähriger und ein Zehnjähriger für Erstaunen. Der Russe Roman Shogdzhiev (8) wurde 147. mit 5,5 Punkten, der seiner Schachkarriere wegen unlängst mit den Eltern nach Spanien gezogene Argentinier Faustino Oro (10) wurde 186. mit 4 Punkten. Beide haben Großmeister geschlagen.

https://twitter.com/agadmator/status/1739907985747448058
Wir schreiben das Jahr 2023. Schachzüge geschmeidig zu übertragen, ist immer noch ein Problem.

Überschattet war das Turnier von Übertragungsschwierigkeiten. Die Partien gingen nicht Zug für Zug auf den Schachseiten ein, sondern in Intervallen von Zügen, was das Zuschauen beschwerlich machte und das Kommentieren erst recht. Sollte das am Freitag genauso sein, wird das Zuschauen beim Blitz schwierig.

Ohnehin haben zwei Nebenkriegsschauplätze zwischenzeitlich mehr Aufmerksamkeit bekommen als die Partien. Ian Nepomniachtchi beschwerte sich, dass allein Magnus Carlsen einen persönlichen Ruheraum hat – und vermutete, er habe dort Zugang zu einem Computer, was ein Wettbewerbsvorteil wäre. Fabiano Caruana und Maxime Vachier-Lagrave pflichteten Nepo bei. Sie witterten Ungleichbehandlung.

Henrik Carlsen stellte sogleich klar, dass sein Sohn zwischen den Runden keinen Computer benutzt. Ein persönliches Refugium hatte er allerdings tatsächlich. Die FIDE gewährt ihm dieses Privileg seit 2016. Carlsen werde viel mehr von Fans und Journalisten belagert als alle anderen Teilnehmer, so die Begründung des Weltverbands.

Henrik Carlsen mit FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich. | Foto: Anastasia Korolkova/FIDE

Zum Ruheraum-Drama kam das Dresscode-Drama. Eigentlich wäre es einfach: Mache den Spielern klar, sie mögen im Sinne ihres Images und dem des Sports anständig gekleidet sein, mahne offensichtliche Verstöße an, ahnde wiederholte Verstöße – fertig ist der Dresscode.

Die FIDE hat stattdessen einen detaillierten Katalog an Vorschriften erlassen, der in weiten Teilen trotzdem Auslegungssache ist. Die Streamerin FM Anna-Maja Kazarian beklagte, dass die FIDE sie wegen ihrer Schuhe mit einer Geldstrafe von 100 Euro wegen „Nichteinhaltung der offiziellen Kleiderordnung“ belegt hat, nachdem sie ihre nach Einschätzung einer Schiedsrichterin „seltsamen Schuhe“ nicht hatte ablegen wollen.

Das Dresscode-Drama und Vincent Keymers Achtrundenpartie gegen US-Großmeister Conrad Holt.
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CoachJaxx
CoachJaxx
1 Monat zuvor

Alter Vincent! So wird das nix mit der Reisebegleitung wenn du sie für Bro MVL gleich wieder “irgendwo” sitzen lässt bei der Eröffnungszeremonie :http://youtu.be/n7ckpC6-48w&t=5m04s andererseits lächelt sein Sitznachbar darüber so verzückt … bahnt sich da vielleicht eine innige Zusammenarbeit an? 🙂

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

“Nach Wertung hat Carlsen in den 13 Partien 5 Rapid-Elopunkte verloren.” Nein, die ganzen gegnerischen Fehler in Remisendspielen brachten ihm neben dem WM-Titel auch 4,4 Rapid-Elopunkte. Conrad Schormanns Quelle ist wohl 2700chess.com, das aber ALLE Partien berücksichtigt, die noch nicht offiziell ausgewertet wurden – für Carlsen (und einige andere) auch das Champions Chess Tour Finale in Toronto. Da hat er zwar gewonnen aber in vielen Matches nur im Armageddon, und das kostete ihn knapp 10 Elopunkte. Wenn man auf 2700chess.com die Mouse auf die Lupe neben Spielernamen bewegt erscheint Anzahl Partien (bei Carlsen “43 games”), wenn man auf die Lupe… Weiterlesen »