Schach-WM 2023: Die öffentliche Katharsis des Ding Liren

Zwei leere Stühle, einer der beiden Spieler am Rande eines emotionalen Zusammenbruchs – so sah das Match um die Schach-WM während der ersten beiden Partien aus. Ding Liren versteckte sich mehr im Ruheraum, anstatt sich am Brett reinzubeißen. Abseits der Partien wirkte der wackelnde Chinese, als müsse ihn dringend jemand umarmen, ihm Mut zusprechen, ihm Energie und Selbstvertrauen einflößen.

Vielleicht ist genau das am Ruhetag nach der zweiten Partie passiert.

Nach zwei Partien gab Ding Lirens Auftreten Anlass zur Befürchtung, dieses Match sei ähnlich schnell vorbei wie das vor zwei Jahren.

Nach vier Partien hat Ding Liren es geschafft, die Tendenz des Wettbewerbs umzudrehen. Jetzt sitzt er am Brett und kniet sich rein, anstatt sich hinter den Kulissen zu verbergen, und er hat das Match ausgeglichen. Nach zwei Partien hatte ihm kaum ein Beobachter ein solches Comeback zugetraut.

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Der verängstigte, melancholische Herausforderer, der zu Beginn vergangener Woche in Astana aufgetaucht war, hat gegen ein ungeschriebenes Gesetz des Weltklasseschachs verstoßen. Anstatt sich in eine abgeschirmte Blase zurückzuziehen und möglichst wenig preiszugeben, hat Ding Liren sein Herz geöffnet. Offenbar hat das funktioniert.

Als 2018 ein winziger Teil von Fabiano Caruanas Vorbereitung auf Magnus Carlsen an die Öffentlichkeit geriet, löste dieses Missgeschick im US-Schach ein Erdbeben aus. Eigentlich gilt bei einer WM, dass nichts, was dem Gegner helfen, ihn aufbauen könnte, nach außen dringen darf. Keine Schwäche zeigen, nichts rauslassen.

Ding Liren hielt es umgekehrt, er zeigte sein aufgewühltes Inneres. Er habe gar nicht an Schach denken können, hatte der Chinese schon nach der ersten Partie erzählt. Er habe gar nichts gesehen, nach der zweiten. Deprimiert sei er. Ding Liren haderte damit, dass womöglich etwas mit seinem Verstand nicht stimmt.

Nach außen drang, dass ihm eine zerbrochene Beziehung zu schaffen macht, die mangelnde Praxis in den Covid-Jahren, dass ihm das Umfeld im Hotel zu russisch ist und dass ihn die Aussicht, Weltmeister zu werden, überwältigt.

Anstatt als früh angeknockter Herausforderer in die absehbare Katastrophe zu stolpern, ganz ähnlich der, die Ian Nepomniachtchi vor zwei Jahren erlebt hat, hat Ding Liren zurückgeschlagen. Wäre dieses Match ein Boxkampf, das Publikum hätte zwei grundverschiedene erste Runde gesehen, beide mit einem klaren Gewinner. Die Öffentlichkeit war Zeuge von Ding Lirens Katharsis, als zur dritten Partie ein Ding Liren erschien, der zwar aussah wie derjenige in den ersten beiden Partien, der aber mit dem hadernden, überforderten WM-Neuling wenig zu tun hatte.

„Ich will gewinnen.“ Allein diese Antwort Dings in der Pressekonferenz auf die Frage, warum er nun doch ins WM-Hotel zurückgekehrt ist, demonstrierte, wo nun plötzlich sein Fokus liegt. Nicht bei der Verflossenen in China, nicht auf dem Kampf gegen seine Ängste, sondern auf dem Brett, das ihm die Welt bedeutet. Ding Liren will Weltmeister werden. Ian Nepomniachtchi, der sich nach zwei Partien schon auf der Siegerstraße hatte wähnen können, fiel es sichtlich schwer, möglichst regungslos zu schauen, als neben ihm sein eben noch schwächelnder Herausforderer seine Ambition offenbarte.

Ding ist happy, Sekundant Richard Rapport auch, und Mama Ding (hinten rechts) ist sogar superhappy.

(Titelfoto: Stev Bonhage/FIDE)

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Thomas Müller
Thomas Müller
1 Jahr zuvor

Ich finde beide einfach sympathisch. Der Gewinner wird für mich Weltmeister sein.

Matthias
Matthias
1 Jahr zuvor

Ding ist ein ausgezeichneter Botschafter seines Landes, denn er zeigt eine Seite, die man mit der chinesischen Kultur überhaupt nicht verbindet. Er gibt sich so menschlich wie kein anderer WM Kandidat, zumindest seit den 80er Jahren, und wird dadurch zutiefst sympatisch.

acepoint
acepoint
1 Jahr zuvor

Am Wochenende hatte ich Zeit und habe mir beide Partien angeschaut (Kommentatoren Giri und Naroditsky). Ich gebe zu, es hat mich jetzt doch gepackt, sei es den Scores oder den interessanten Partien selbst geschuldet.