Missbrauch-Skandal im US-Schach: Wie der Verband und der Club ihren übergriffigen Großmeister deckten

Im US-Schachverband wie in der US-Schachhauptstadt Saint Louis waren die Vorwürfe gegen Großmeister Alejandro Ramirez wegen sexuellen Fehlverhaltens offenbar seit Jahren bekannt. Handlungen ausgelöst haben sie nach einer Recherche des Wall Street Journal nicht. Selbst als im Herbst 2022 Jennifer Shahade den Spitzenorganisationen des US-Schachs zum wiederholten Male meldete, was ihr widerfahren war und was ihr andere berichtet hatten, löste das bestenfalls eine halbherzige Untersuchung aus.

In Interviews mit dem Wall Street Journal beschuldigen acht Frauen Ramirez. Er habe seinen Status im Schach genutzt, um ihnen aus einer einflussreichen Positionen heraus unerwünschte sexuelle Avancen zu machen. Ramirez sei körperlich aggressiv geworden, habe sie ohne ihre Zustimmung geküsst und betatscht. Drei dieser Frauen waren zum Zeitpunkt der angeblichen Vorfälle unter 18 Jahre alt. Eine gab an, Ramirez habe ihr Wodka zu trinken gegeben, bevor er sie zum Oralsex gezwungen habe.

Die acht vom Wall Street Journal befragten Frauen repräsentieren nur einen Teil der Anschuldigungen, die im Raum stehen, seitdem Jennifer Shahade am 15. Februar mit ihrem mittlerweile mehr als 2,5 Millionen Mal gesehenen „Time’s up“-Tweet den Fall öffentlich gemacht hat. Auch bei Shahade haben sich weitere Frauen gemeldet, die berichteten, Ramirez habe sie belästigt oder attackiert.

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Das Wall Street Journal hat Ramirez jetzt mit einer detaillierten Liste der gegen ihn erhobenen Vorwürfe konfrontiert. Daraufhin teilte Ramirez über seinen Anwalt mit, dass er von seinen Ämtern im St. Louis Chess Club und als Trainer der Schachmannschaft der Universität St. Louis zurückgetreten sei. Die Ermittlungen, die jetzt von U.S. Chess und dem Club gegen ihn geführt würden, seien nicht im besten Interesse der Organisationen. Ramirez spricht von Ermittlungen wegen „Fehlverhaltens“.  (Zusammenstellung der Äußerungen von Ramirez, dessen Anwalt und dem Saint Louis Chess Club)

Nach Angaben der Universität war er längst nicht mehr Trainer des Universitätsteams. Am 16. Februar, dem Tag nach Shahades Tweet, habe sie ihn des Traineramts enthoben, teilte die Hochschule mit: “Die Universität nimmt Fragen der sexuellen Belästigung und des Fehlverhaltens sehr ernst.” Die FIDE offenbar auch. Ebenfalls am 16. Februar hat der Schach-Weltverband Ramirez nach Darstellung des WSJ Ramirez aus der Athletenkommission ausgeschlossen.

Alejandro Ramirez. | Foto: Austin Fuller/Saint Louis Chess Club

Der in Costa Rica geborene Alejandro Ramirez war einer der etabliertesten Großmeister im US-Schach. Einst der zweitjüngste GM der Welt und der erste aus Mittelamerika, vertrat er seit 2011 die USA. Seit Jahren ist er Teil des Schachbetriebs in Saint Louis, als Trainer wie als Kommentator. Unter anderem war Ramirez Teil des Teams, das Fabiano Caruana auf dessen WM-Kampf gegen Magnus Carlsen 2018 vorbereitet hat.

2018 und 2019 war Ramirez laut WSJ, das die Steuerunterlagen des Clubs eingesehen hat, der bestbezahlte Mitarbeiter des Vereins. Sein meistgesehenes Interview fürs Saint-Louis-Schach-TV hat er im Herbst 2022 geführt, als das Verfahren gegen ihn schon lief bzw. hätte laufen sollen. Beim Sinquefield Cup, benannt nach Milliardär und Schach-Großmäzen Rex Sinquefield, kam es nach dem Carlsen-Ausstieg im Gespräch zwischen Ramirez und Hans Niemann zu dessen emotionaler Verteidigungsrede.

Nach Darstellung des Wall Street Journals lassen sich die Ramirez nun vorgeworfenen Fälle bis ins Jahr 2011, dem seines Wechsels zum US-Verband, zurückverfolgen. Im Club wie im Verband seien Ramirez Ausfälle ein offenes Geheimnis gewesen. 2021 sollen Verein wie Verband ausführlich über Anschuldigungen informiert worden sein – einschließlich Vergehen an einer 15-Jährigen. 2022 wurde Ramirez Trainer des US-Frauen-Teams bei der Schacholympiade in Chennai.

“Habe nie am Brett betrogen”: Hans Niemann und Alejandro Ramirez beim Sinquefield Cup 2022.

Lange vor 2020 sollen die Verantwortlichen des US-Schachs gewusst, zumindest geahnt haben. Eine Frau, die zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Vorfalls vor etwa acht Jahren minderjährig war, sagte dem WSJ, dass Funktionäre des St. Louis Chess Club sie 2016 gewarnt hätten, nach einer Party mit Ramirez allein zu sein. Die Mutter einer Spielerin sagte, sie habe 2017 den obersten US-Schachfunktionär auf Ramirez’ Verhalten aufmerksam gemacht. Dieser Mann sei anwesend gewesen, als nach ihrer Darstellung ebenfalls im Jahr 2017 die Führungsspitze des St. Louis Chess Club über Ramirez’ Interesse an jungen Frauen scherzte.

Was im Raum stand, hat offenbar jahrelang die US-Schachorganisationen nicht davon abgehalten, Ramirez in Funktionen einzusetzen, die häufig eine enge Zusammenarbeit mit Frauen und Mädchen mit sich brachten. Genau darum, sagt Jennifer Shahade, sei sie schließlich an die Öffentlichkeit gegangen: “Ich war besorgt, dass es eine klare und gegenwärtige Gefahr gab, wenn er mit Mädchen und Frauen zu tun hat.” Konfrontiert mit der vom WSJ ans Tageslicht beförderten Gemengelage, haben sich weder der St. Louis Chess Club noch der US-Schachverband zu ihren mutmaßlichen Versäumnissen geäußert.

Die Recherche des WSJ ist gespickt mit detailreichen Berichten mutmaßlicher Opfer aus den vergangenen zwölf Jahren und mit Hintergründen darüber, wie die Verantwortlichen der US-Schachorganisationen wegschauten. Zwei Frauen erklärten, Ramirez habe gemeinsame Übernachtungen, etwa im Hotel, genutzt, um sich über sie herzumachen. Mehrfach seien sie nachts davon aufgewacht, dass Ramirez sie betatscht habe. Das soll auch in einem Haus geschehen sein, dass der St. Louis Chess Club betreibt.

PR-Probleme sind in Saint Louis nicht ganz neu. In der aktuellen Dimension allerdings schon.
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User4711
User4711
11 Monate zuvor

Gute Zusammenfassung der bisherigen Informationen.

Ein Hinweis bzw. Verbesserungsvorschlag jedoch: Im Titel wird von einem Sexskandal gesprochen, was in dieser Form jedoch nicht zutreffend ist – einvernehmliche sexuelle Handlungen sind ja nie das Problem gewesen.

Hier geht es um Missbrauch, insbesondere gegenüber Minderjährigen.

Kommentator
Kommentator
11 Monate zuvor

Die Unschuldsvermutung zählt nichts mehr in der heutigen Zeit,

Carlo
Carlo
11 Monate zuvor

Frappierend der Gegensatz, nämlich, mit welcher Akribie man einerseits Züge auf dem Brett in sämtlichen Varianten ausanalysiert und welche Intensität man daran setzt, auch noch den kleinsten Nebenzug als womöglich geniale Abweichung zu untersuchen und Licht in jegliche Nuance zu bringen versucht und gleichzeitig, andererseits, was das soziale Geschehen neben dem Brett betrifft, sämtliche Hinweise im Dunkeln belässt und keinerlei ‘Engine’ daransetzt, hier für Klarheit zu sorgen und sich lieber dumm und taub stellt, ganz wie weiland in der Katholischen Kirche der Schutz meist dem Täter galt und das Opfer ungehört blieb. Würde man so Schach spielen, wie man soziale… Weiterlesen »

Clemens Allwermann
Clemens Allwermann
11 Monate zuvor

Traurig, aber meines Wissens glücklicherweise auch der erste solche Fall seit Jahrzehnten. Aber schon krass, dass er so lange gedeckt wurde, auch insbesondere nach Fällen wie Larry Nassar und anderen…

trackback

[…] Missbrauch-Skandal im US-Schach: Wie der Verband und der Club ihren übergriffigen Großmeister deck… […]

Carlo
Carlo
11 Monate zuvor

Es gibt Schachpartien, die man vor Jahren, ach was, vor Jahrzehnten verloren hat und an die man sich nur mit allem Ingrimm erinnert und deren Schmach und Niederlage einen nach all dieser Zeit immer noch so kränkt, so demütigt, so in Groll versetzt, dass einem die Eigenröte ins Gesicht steigt und der Atem verflacht und man sich diesen einen Fehl-Zug nicht vergeben kann und es nagt und beißt und wütet. Dabei war das nur eine simple Partie Schach! Ein Spiel! Ein Zeitvertreib! Auch diejenigen, die in ihrer Kindheit keine traumatisierenden Erfahrungen erleben mussten, können sich vielleicht vorstellen, was es bedeutet,… Weiterlesen »

clemens f. hagen
clemens f. hagen
11 Monate zuvor

Echt nicht schön. Bisher aber nur vorwürfe. Er hört sich für mich sehr einsam an. Vielleicht ist es nur aggressives flirten. In seinem land costa rica ist es normal da dürfen männer auch mal anfassen. Amerikanerinnen sind von seinem heißblut abgeschreckt. Eine frau hätte sich mal auf ihn einlassen sollen. Er hätte liebe bekommen die er sucht und dank privaten großmeister training hätte sie schachlich großen erfolg gehabt. Und er hätte andere frauen in ruhe gelassen. Eine hand wäscht die andere.