“Beim Schach fliegt die Zeit”: Angelika Valkova

Bei ihrem Club, den Schachfreunden Deizisau, ist sie als Angelika Valkova bekannt. Schachfreunde im Internet kennen die in Karlsruhe lebende Ukrainerin eher als „Chessborn“. „AngelikaChessborn“ heißt der Twitch-Kanal der umtriebigen 25-Jährigen, der allein auf der Streaming-Plattform an die 11.000 Menschen folgen. Am Freitag, 23. September, wird sie auf Twitch an der Seite von Georgios Souleidis das Benefiz-Hybrid-Match zwischen Berlin und Lwiw kommentieren.

Valkova stammt aus Nikopol, einer (eigentlich) 100.000-Einwohner-Stadt am Nordufer des Dnjepr, aus der seit dem russischen Überfall auf die Ukraine etwa die Hälfte der Bewohner geflohen sind. Seit 2017 lebt sie in Deutschland, seit 2019 in Karlsruhe, wo sie am KIT (institut füt Technologie) einen Masterstudiengang Germanistik absolviert – wenn sie nicht Schach spielt, kommentiert oder trainiert. „Ich liebe Schach“, sagt Valkova. „Am liebsten würde ich mein weiteres Leben mit dem Spiel verbinden.“

Vor dem Benefizmatch haben wir mit Angelika Valkova über ihr Schach, ihr Kommunikationstalent und nicht zuletzt über ihre Heimat gesprochen:

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Angelika, wenn du wählen müsstest: Schach spielen, kommentieren oder trainieren?

Diese Wahl möchte ich nicht treffen. Ich mag alles, was mit Schach verbunden ist, beim Schach fliegt die Zeit wie bei keiner anderen Beschäftigung. Spielen bereitet mir Freude, trainieren auch. Als Spielerin versuche ich mich zu entwickeln. Mit meinem Trainer Gyula Pap arbeite ich daran, besser zu werden. Aber ich schaue auch gerne zu, kommentiere, rede mit Leuten über Schach, jede Art von Kommunikation rund um unser Spiel. Von all dem möchte ich nichts aufgeben.

Als Spielerin kommst du gerade von einer Turnierreise zurück. 

Ja, das steht bei mir in jedem Sommer auf dem Programm. Nach dem Ende des Semesters habe ich mehrere Turniere in Tschechien und in der Slowakei gespielt. Ganz zufrieden mit meinem Spiel bin ich leider nicht. Fast noch lieber als Open spiele ich in der Frauenbundesliga. Dort treffe ich durchweg auf starke Gegnerinnen und kann beweisen, dass ich auf hohem Level mitspielen kann.

Du lebst mit deiner Mutter in Karlsruhe…

…und mit meiner Oma! Zum Glück war sie bei uns zu Besuch, als der Krieg begann. Der Rest der Familie lebt in der Ukraine, aber wir stehen in engem Kontakt. Vor allem um meinem Opa in Nikopol mache ich mir Sorgen.

Die Stadt liegt gegenüber von Saporischschja am anderen Ufer des Dnjepr. Das dortige Atomkraftwerk ist seit Wochen in den Schlagzeilen.

Nikopol ist nicht okkupiert, aber die russische Armee ist nahe. Seit dem Frühling wird Nikopol täglich beschossen. Viel ist kaputt. Mein Opa wird trotzdem bleiben. Älteren Menschen beizubringen zu gehen und Hab und Gut zurückzulassen, ist sehr schwierig.

Wie gehst du mit der Sorge um die Heimat um?

Die ist immer da, ich kann mich davon nicht freimachen. Im Juli habe ich für das Schachfestival Biel kommentiert und interviewt. Mit Beginn des Festivals begann ein intensiver Beschuss meiner Geburtsstadt. Innerlich hat mich das belastet, aber ich habe versucht, es mir im Stream nicht anmerken zu lassen.

Angelika Valkova bespricht mit Gata Kamsky dessen gerade beendete Partie. | Foto: Biel Chess Festival

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Bieler Festival?

Die entstand 2021, seinerzeit habe ich nur die Spieler interviewt. Eigentlich sollte Dina Belenkaya den Job machen, aber sie konnte nicht, und die Organisatoren haben mich kontaktiert. Offenbar waren sie zufrieden. Dieses Jahr habe ich neben den Interviews an der Seite von Großmeister Arturs Neiksans die Partien kommentiert.

Neuland für dich.

Bei einer so großen Veranstaltung schon, aber ganz neu war das für mich nicht. Auf meinem Kanal habe ich schon gemeinsam mit Gyula Pap die Carlsen-Tour begleitet. Trotzdem, ein richtiges Studio, das Festival-Umfeld, dazu der Krieg daheim, das war eine sehr intensive Erfahrung. Ich glaube aber, wir haben das ganz gut gemacht. Meinem Trainer und meinen Schachschülern hat es jedenfalls gefallen.

Wie fühlt es sich an, mit 2700ern über ihre Partien zu sprechen?

Auch das ist ja nicht ganz neu für mich. In meinem Umfeld, zum Beispiel wenn ich bei der Bundesliga-Organisation helfe, gibt es ohnehin einige starke Spieler. Das sind ganz normale Leute, mit denen man ganz normal reden kann. Rate mal, mit wem ich mein erstes Schach-Interview vor laufender Kamera geführt habe.

Sag‘ du es mir.

Mit MVL! Das kam ziemlich überraschend für mich. Bei der Bundesliga-Meisterschaftsrunde 2020 in Karlsruhe hatte ich eigentlich nur bei der Organisation geholfen, aber Jonathan Reichel, der Videos drehte, wusste, dass ich streame. Also hat er gefragt, ob ich ein Interview machen würde. Ich habe gesagt okay, und dann stand mir gleich der WM-Kandidat Maxime Vachier-Lagrave gegenüber. Das hatte ich nicht erwartet, aber es lief ganz gut. Biel 2021 war dann eine gute Schule.

Welche Großmeister waren die telegensten?

Begeistert bin ich von Gukesh. 2021 war es sehr mühsam, ihn zu interviewen, ein in sich gekehrter Junge, der kaum etwas gesagt hat. Und nun schau ihn dir ein Jahr später an, wie er gewachsen ist, nicht nur als Spieler, auch als Persönlichkeit. Diese Entwicklung beeindruckt mich. Auch die Gespräche mit Vincent Keymer haben mir gefallen, er hat es mir stets leicht gemacht. Vincent gibt sich sehr offen, hat immer viele interessante Ideen zu zeigen, das war schon 2021 so.

Als Gukesh in Biel die 2700 knackte.

Das Hybrid-Match Berlin vs. Lwiw wirst du gemeinsam mit Georgios Souleidis kommentieren. Kennt ihr einander?

Ich kannte Georgios natürlich, und als wir uns jetzt in Biel begegnet sind, stellte sich heraus, dass er auch von mir schon gehört hatte. Zusammen kommentiert haben wir noch nicht, aber ich gehe davon aus, dass das gut funktionieren wird. Generell glaube ich, dass ein Mann und eine Frau als Kommentatorenduo ideal für die Zuschauer sind, außerdem ein gewisser Elo-Unterschied, der sicherstellt, dass der Stream attraktiv für möglichst viele Zuschauer ist. Auch die Bedenkzeit 25+10 halte ich für gut gewählt. Wir werden einerseits Zeit haben, hier oder dort genau hinzuschauen, andererseits ist Action garantiert.

Olexandr Prohorov, Kapitän der Mannschaft aus Lwiw, hat uns seine Heimatstadt als Schachstadt beschrieben. Was verbindest du mit Lwiw?

Ich kenne die Stadt, war schon einige Male dort. Die ukrainische Meisterschaft U20 zum Beispiel habe ich in Lwiw gespielt. Eine wunderschöne Stadt, eher mitteleuropäisch geprägt, das sehen und fühlen Besucher. Die Menschen in Lwiw sprechen einen putzigen Akzent. Als ich zum ersten Mal dort war, dachte ich anfangs, das ist Polnisch. (lacht) Erst als ich mich eingehört hatte, fiel mir auf, das ist Ukrainisch, aber ein sehr spezielles. Jetzt im Krieg spielt die Stadt eine zentrale Rolle, gerade weil sie im äußersten Westen des Landes liegt. Lwiw ist ein logistisches Zentrum für den Krieg und für humanitäre Hilfe, außerdem das Ziel vieler ukrainischer Flüchtlinge, die dort versuchen unterzukommen. Lwiw ist überlaufen, aber es lässt sich ja nicht plötzlich ausdehnen.

Der Marktplatz von Lwiw. | Foto: Petar Milošević via Wikipedia, CC BY-SA 3.0
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