“Funktionäre machen den Sack zu”: Niedersachsen gewinnt die Hybrid-Liga

Den Vorsprung, den ihre Leistungssportler herausgespielt hatten, haben die Funktionäre des Niedersächsischen Schachverbands über die Ziellinie gebracht. Nach einem 4:0 am fünften und letzten Spieltag des „Millennium Hybrid Masters“ über die SF Pattonville (eigentlich war es der ans Ende der Saison verschobene zweite Spieltag) hat Team Niedersachsen den Meistertitel gewonnen. 9:1 Punkte stehen zu Buche, ebenso viel wie beim Schachbundesligisten SF Berlin, aber das Brettpunktverhältnis sprach mit 17,0:14,5 eindeutig für die Niedersachsen. „Funktionäre machen den Sack zu“, verkündet die Verbandsseite.

Mit dem Aufwand, Bretter und Laptops fürs Match anzuschließen und einzurichten, war die Funktionärstruppe aus dem Norden nicht vollständig glücklich. Aber als die Schlacht geschlagen war, offenbarte sich ein weiterer Vorzug der im “Millennium Hybrid Masters” erstmals erprobten Spielform: der gemeinsame Biergartenbesuch, anstatt nach einem nominellen Auswärtsspiel zurückreisen zu müssen.

“Das ist schon ein sehr großer Vorteil gegenüber echten Auswärtsspielen”, schreibt NSV-Öffentlichkeitsarbeiter Benjamin Lönhardt. “An einem Mittwochabend hätten wir ansonsten nicht mit ähnlichem Aufwand gegen eine württembergische Mannschaft antreten können.”

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Damit a) die Verantwortlichen selbst eine Hybrid-Schach-Erfahrung machen und b) der Leistungsunterschied zum Gegner aus Pattonville nicht so groß ist, hatten die Niedersachsen beschlossen, zum Abschluss auf ihren Exweltmeister Rustam Kasimdzhanov und dessen Schützlinge aus dem Leistungssport zu verzichten. Stattdessen trat ein Funktionärsteam an: Michael S. Langer, Präsident des Verbands, sowie seine Referenten Jörg Tenninger (Organisation), Björn Hilker (Leistungssport) und Benjamin Lönhardt (Öffentlichkeitsarbeit).

Als dem angehenden Meister zum Schluss noch ein halber Punkt fehlte, um uneinholbar vor den Berlinern zu liegen, oblag es standesgemäß dem Präsidenten, diesen halben Punkt zur Meisterschaft einzufahren. Langer holte sogar einen ganzen, nachdem er eine gegnerische Verzweiflungsattacke abgewehrt hatte. Später, als das Ergebnis aus Berlin vorlag (2,5:1,5 gegen Bremen), zeigte sich, dass auch weniger als das Maximalergebnis zur Meisterschaft gereicht hätte.

Als Letzter kämpfte in Hannover NSV-Präsident Michael S. Langer um den vollen Punkt und die Meisterschaft. | Foto: Niedersächsischer Schachverband

Die Bremer Spielgemeinschaft aus dem SV Werder und dem Onlineschachclub Bremerhaven hatte, obwohl aus dem Titelrennen ausgeschieden, nicht vor, ihre letzte Begegnung gegen die starken Berliner abzuschenken. Am ersten Brett saß auf Bremer Seite IM Jonathan Carlstedt. Der Coach der Bremer Bundesligamannschaft nutzte die Gelegenheit, um sich für das zwei Tage später beginnende Großmeisterturnier in Hamburg warmzuspielen. Und auch am zweiten Brett waren die Bremer in Person vom einstigen Blindenschach-Vizeweltmeister Oliver Müller veritabel besetzt.

Stark besetzt angetreten, trotzdem knapp verloren: Bericht auf der Werder-Website.

Trotzdem siegten die Berliner um Liga-Topscorer Daniel Weber (4 Partien, 4 Punkte), können sich rühmen, als einzige den Niedersachsen einen Punkt abgeluchst zu haben und am Ende nach Mannschaftspunkten gleichauf mit dem ersten Meister der Liga dazustehen.

Vier Partien, vier Punkte: Daniel Weber, Topscorer der Liga. | Foto: Bernhard Riess

Alle Ergebnisse der letzten Runde:

An der ersten Saison des „Millennium Hybrid Masters“ haben in 6 Mannschaften 63 Spieler teilgenommen. Sie dürfen sich zu den “Pionieren” zählen, die nach einem Bericht der Schachplattform Tornelo “Geschichte geschrieben” haben – eine Geschichte, die mit der zweiten Saison fortgesetzt werden soll.

Alle Einzelergebnisse:

RangTeilnehmerTWZVerein/OrtGSRVPunkte
1Weber,Daniel2142Schachfreunde Berlin 144004.0
2Van Hasselt,Frank2223Schachfreunde Berlin 143103.5
3Knuedel,Torben2197Niedersaechsischer Sch33003.0
4Carlstedt,Jonathan2444SG Werder OSB22002.0
5Stelmaszyk,Nico2293Niedersaechsischer Sch22002.0
6Polster,Christian2236Niedersaechsischer Sch22002.0
7Blum,Frederik2017Schachfreunde Berlin 122002.0
8Hoffmann,Andreas1960TSV Mariendorf 1897 Be32012.0
9Boder,Jan2334SC ML Kastellaun42022.0
10Pubantz,Jan2265Niedersaechsischer Sch31111.5
11Steffens,Olaf2085SG Werder OSB31111.5
12Noetzel,Felix2178Schachfreunde Berlin 151131.5
13Gebert-Vangeel,Ralf2036TSV Mariendorf 1897 Be51131.5
14Abel,Dennes2426Niedersaechsischer Sch11001.0
15Fettig,Konrad1305SC ML Kastellaun11001.0
16Woersinger,Frank1450SF Pattonville11001.0
17Voege,Tobias2286Niedersaechsischer Sch11001.0
18Silz,Elisa1941Schachfreunde Berlin 111001.0
19Bargsten,Justus2136Niedersaechsischer Sch11001.0
20Löhnhardt,Benjamin2024Niedersaechsischer Sch11001.0
21Hilker,Björn1997Niedersaechsischer Sch11001.0
22Schmidek,Emil2408Schachfreunde Berlin 111001.0
23Langer,Michael S.1900Niedersaechsischer Sch11001.0
24Riess,Bernhard1551TSV Mariendorf 1897 Be11001.0
25Tenninger,Jörg1512Niedersaechsischer Sch11001.0
26Seeger,Thomas1621TSV Mariendorf 1897 Be11001.0
27Mueller,Oliver2269SG Werder OSB20201.0
28Walter,Stefan2387Niedersaechsischer Sch21011.0
29Schat,Carlos2013SG Werder OSB21011.0
30Meyer,Irmin,Dr.1945SG Werder OSB21011.0
31Kumar,Amod1768TSV Mariendorf 1897 Be21011.0
32Doerbandt,Mark1454TSV Mariendorf 1897 Be21011.0
33Malan,Jan-Willem1206SC ML Kastellaun21011.0
34Sidletskyi,Ivan2084SC ML Kastellaun21011.0
35Heldt,Nils-Lennart2072SG Werder OSB31021.0
36Malan,Cornelius1379SC ML Kastellaun31021.0
37Schneider,Markus1656SF Pattonville31021.0
38Schultz,Patrick1446SG Werder OSB41031.0
39Ramolla,ThomasSF Pattonville51041.0
40Polzin,Rainer2393Schachfreunde Berlin 110100.5
41Vogel,Karlheinz,Dr.1646SF Pattonville10100.5
42Michels,Holger1815SC ML Kastellaun10100.5
43Fettig,Michel1190SC ML Kastellaun10100.5
44Michels,Achim2163SC ML Kastellaun10100.5
45Kasimdzhanov,Rustam2659Niedersaechsischer Sch10100.5
46Gretzer,Marcus1910Schachfreunde Berlin 110100.5
47Baldauf,Marco2515Schachfreunde Berlin 110100.5
48Schnabel,Ralf2228TSV Mariendorf 1897 Be10100.5
49Pfrengle,Tim2111SC ML Kastellaun20110.5
50Mecke,Hansjoerg1620SF Pattonville20110.5
51Seybold,Marco1894SF Pattonville10010.0
52Rath,Alina2048TSV Mariendorf 1897 Be10010.0
53Radjenovic,Branko1831TSV Mariendorf 1897 Be10010.0
54Langner,Hans-Rainer1647TSV Mariendorf 1897 Be10010.0
55Nedilko,Marko1407SC ML Kastellaun10010.0
56Brustkern,Juergen2179TSV Mariendorf 1897 Be10010.0
57Sibahn,Mirko1757SF Pattonville10010.0
58Henkel,JonathanSF Pattonville10010.0
59Eisermann,Daniel1987TSV Mariendorf 1897 Be10010.0
60Michels,Fabio1865SC ML Kastellaun20020.0
61Adaschkiewitz,Wolfgang1564SG Werder OSB20020.0
62Guo,MaximilianSF Pattonville20020.0
63Gerhardt,PierreSF Pattonville30030.0

(Titelfoto via Werder Bremen)

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Walter Rädler
1 Monat zuvor

Ich halte das Experiment für interessant, bin mir aber nicht sicher, ob das ein Bericht oder Werbung ist. Vielleicht ist es auch ein Hybrid.

acepoint
acepoint
1 Monat zuvor

Gratulation an die Funktionäre und Danke für den offenbar erfolgreichen Versuch, mit «Hybrid» eine neue Spielform auszutesten.

Walter Rädler
1 Monat zuvor

Hallo Acepoint, guter Kommentar. Ich finde es immer gut, wenn Funkionäre Schachspieler sind und noch nicht entrückt sind, in NIedersachsen ist die Bodenhaftung auf jeden Fall gegeben. Ein Freund von mir schwört auf Hybrid, ich kann es im Augenblick noch nicht abschätzen. Das face-to-face halte ich irgendwie immer noch für wichtig, auch wenn Hybrid zahlreiche Vorteile hat.

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
1 Monat zuvor
Reply to  Walter Rädler

Man kann ja auch beides tun und so die Vorteile von beiden Varianten nutzen.
Wann kann man mal unterhalb der Bundesliga mit Hamburg und München in einer Klasse spielen. Und der Hauptknaller kommt sowieso erst danach, wenn man den Pressebericht schreibt.

Kommentator
Kommentator
1 Monat zuvor

Sehr befremdlich, dass Funktioäre anstelle der Leistunsträger des Verbandes gespielt haben. Wie wenn Jogi Löw sich in den letzten Minuten des WM-Finales 2014 selber eingewechselt hätte, um sich als “Weltmeister” bezeichnen zu können.

Michael S. Langer
Michael S. Langer
1 Monat zuvor
Reply to  Kommentator

Hallo zusammen, es war der Wunsch der SF Pattonville, dass wir aufgrund des signifikanten Leistungsunterschieds nicht mit dem Kader antreten. Die Bedeutung des Titels können wir und ganz viele andere Menschen gut einordnen

Kommentator
Kommentator
1 Monat zuvor

O.K., danke, das ging aus dem Text so deutlich nicht hervor.

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
29 Tage zuvor

Ich denke auch, dass dies sehr viele Menschen einordnen können, zumal klar zu erkennen ist, dass der SF Pattonville überwiegend mit Spielern ohne DWZ angetreten ist.
Und im gesamten Teilnehmerfeld gibt es nur drei Spieler, die alle Mannschaftskämpfe ihres Teams mitgespielt haben. Die meisten Spieler haben nur ein oder zwei Spiele mitgemacht (insgesamt 48).
Von daher ist klar zu erkennen, es ging wohl mehr um das Dabeisein und das möglichst viele Spieler zum Einsatz kommen.
Es ist auch möglich, dass einzelne Kommentatoren die Spalte „TWZ“ und/oder „G“ nicht zuordnen konnten und das Thema mit einer WM durcheinandergebracht haben. 🙂

Kommentator
Kommentator
29 Tage zuvor
Reply to  Klaus Zachmann

Dass Franzosen keine DWZ aufweisen, dürfte der Normalfall sein. Es ist auch möglich, dass einzelne Kommentatoren DWZ und ELO nicht auseinanderhalten können.