“Ich bin Forscher, kein Kämpfer”: zum Tod von Juri Awerbach (1922-2022)

Das Hören ließ nach, das Sehen auch, dazu die Mühsal, sich fortzubewegen. Trotzdem: „Mir geht es gut“, sagte Juri Awerbach noch im Februar zu seinem 100. Geburtstag, nachdem er eine Covid-Infektion überstanden hatte. Am 7. Mai ist Juri Awerbach gestorben. Er war der älteste lebende Großmeister der Welt, der erste Träger des höchsten Titels im Schach, der 100 wurde.

Bis ins hohe Alter arbeitete Juri Awerbach mit Schachtalenten und analysierte Endspiele. Einen praktischen Wert hätten seine Analysen im Zeitalter des Computerschachs nicht, räumte er ein, aber sie dienten ihm, um geistig beweglich zu bleiben. | Foto via FIDE

Yuri Lvowitsch Awerbach wurde am 8. Februar 1922 in Kaluga, einer Stadt 180 Kilometer südwestlich von Moskau, geboren. Sein Vater, ein deutscher Jude (die Vorfahren hießen Auerbach), arbeitete als Förster. Seine Mutter war Lehrerin für Russisch und Literatur sowie Büroangestellte. 1925 zog die Familie nach Moskau, wo sie sich eine Wohnung mit zwei anderen Familien teilte.

Das Spiel, das sein Leben bestimmen sollte, lernte Juri Awerbach schon als Siebenjähriger. Anfangs war Schach nicht mehr als eines von vielen Hobbys: Hockey, Skifahren, Boxen. Vor allem im Volleyball wollte der athletische und großgewachsene Juri so gut werden wie eben möglich.

Werbung

Dem körperlichen Sport blieb der knapp 1,90 Meter große Awerbach bis ins Alter treu. So lange es ging, hielt er sich mit Schwimmen fit. Erst als er Ende 80 war und einen Herzschrittmacher trug, rieten ihm die Ärzte, besser aufzuhören, und Awerbach ließ von seinen regelmäßigen Besuchen im Schwimmbad ab.

Lasker vs. Botvinnik in Moscow Tournament. 1936. | Ajedrecistas, Libros de  filosofía, Ajedrez
Während beim Superturnier in Moskau 1936 Botwinik und Lasker spielten, entdeckte der 14-jährige Juri Awerbach spät, aber nicht zu spät seine Liebe zum Schach.

In keinem Bewegungssport sollte er so gut werden wie im Denksport. Als in der jungen Sowjetunion Mitte der 1930er-Jahre Schach immer populärer wurde, als in Moskau Emanuel Lasker, Jose Raul Capablanca, Mikhail Botwinik spielten, packte das Spiel auch Juri Awerbach und ließ ihn nicht mehr los. 1938 gewann er die UdSSR-Schüler-Meisterschaft, sein erster großer sportlicher Erfolg.

Im Vergleich zu heutigen Schachwunderknaben hatte Awerbach nicht nur spät begonnen, Schach zu studieren, es kam ihm obendrein eine die Welt erschütternde Zäsur dazwischen. Der Krieg brach aus, Hitler überfiel die Sowjetunion, und Awerbach wurde mit sämtlichen Mitschülern in die Wolgarepublik Udmurtien geschickt. Wenig später wäre er beinahe für die Rote Armee rekrutiert worden, kehrte aber 1943 nach Moskau zurück.

Andor Lilienthal Dies aged 99 - Chess.com
Andor Lilienthal.

Nun, schon Anfang 20, sollte seine Schachkarriere Fahrt aufnehmen. 1949 gewann er die Moskauer Meisterschaft unter anderem vor dem 1911 geborenen Andor Lilienthal, der bis zu seinem Tod 2010 der älteste lebende Großmeister der Welt sein sollte. Als Lilienthal drei Tage nach seinem 99. Geburtstag starb, übernahm Awerbach diesen inoffiziellen Titel von seinem langjährigen Wegbegleiter.

Ein Angebot, das Awerbach nicht ablehnen konnte

Trotz seiner Erfolge am Brett in den Nachkriegsjahren wäre Awerbach fast kein professioneller Schachspieler geworden. Als Student der Ingenieurwissenschaften reparierte er während des Weltkriegs Panzer und Traktoren. In den späten 1940er-Jahren arbeitete er in einem Raketenforschungsinstitut und nebenbei an seiner Abschlussarbeit im Ingenieurwesen. Zwar entwickelte sich Awerbach auch als Schachspieler, aber er fand, dass sich Arbeit, Studium und Schach nicht vereinbaren lassen.

Seinem Chef im Forschungsinstitut verdankt die Schachwelt, dass Awerbach doch ein Jünger Caissas wurde: Er könne sich zwei Jahren frei nehmen, um sich dem Schach zu widmen. Sollte es ihm nicht gelingen, Profi zu werden, könne er zurückkehren, so das Angebot, das Awerbach nicht ablehnen konnte.

Awerbach qualifizierte sich für das Interzonenturnier 1952 in Saltsjöbaden, Schweden, südöstlich von Stockholm. Dort wurde er wurde Fünfter, was ihm einen Platz beim Kandidatenturnier 1953 in Zürich verschaffte. Außerdem verlieh ihm die „World Chess Federation“ (die damals noch nicht FIDE hieß) den GM-Titel. „Damit hatte sich die Frage nach meiner Rückkehr zum Institut erledigt“, schrieb Awerbach in seinen Erinnerungen.

Beim Interzonenturnier 1952 begegneten Awerbach und der Stuttgarter WM-Kandidat Herman Pilnik einander.

In den 50er-Jahren mauserte sich Awerbach zu einem Weltklassespieler, einem Top-Ten-Spieler, hätte es damals eine Top 10 gegeben. Awerbach war ein würdiger Teilnehmer des berühmten Kandidatenturniers 1953 in Zürich, bei dem er sich mit einer Reihe der größten Spieler des 20. Jahrhunderts maß, darunter die kommenden Weltmeister Wassili Smyslow und Tigran Petrosjan sowie der einstige Weltmeister Max Euwe. Awerbach wurde Zehnter.

Endstand des Kandidatenturniers 1953 via Wikipedia
Als sich Perlen-Autor Jochen Jansen in Zürich auf die Suche nach Spuren des legendären Kandidatenturniers begab.

Nicht nur das Teilnehmerfeld war ein erlesenes, auch die Zahl der Partien, die bleiben. Unter anderem Juri Awerbach sollte 1953 in Zürich seine wahrscheinlich bekannteste Partie spielen – eine Niederlage in der 14. Runde gegen Alexander Kotow, der nach einem Damenopfer Awerbachs König quer übers Brett hetzte.

Die vom deutschen Großmeister Christopher Lutz kommentierte Partie entnehmen wir der MegaBase 2022:

Das Kandidatenturnier von 1953 war das einzige, das Awerbach erreichte. 1959 verpasste er die Teilnahme knapp. Beim Interzonenturnier 1958 in Portoroz war er Siebter geworden. Die ersten Sechs wurden WM-Kandidaten.

1954 wurde Awerbach Meister der UdSSR, ein kaum weniger hoch einzuschätzender Erfolg als die Teilnahme an einem Kandidatenturnier, war doch seinerzeit das Sowjetschach gespickt mit Weltklassespielern. 1956 hätte Awerbach das Meisterstück von 1954 beinahe wiederholt, aber nachdem er über die reguläre Distanz geteilter Erster geworden war, sollte am Ende der Titel an Mark Taimanow gehen, der den Stichkampf gewann.

Bis Ende der 1970er spielte Awerbach Turniere, begann aber schon in den 1960ern, sein Pensum zu reduzieren. Awerbach wurde wieder zum Schachstudenten und dem führenden Endspielexperten. Er selbst führte das auf seine „investigative Natur“ zurück, die ihn gezwungen habe, sich mit der finalen Partiephase zu befassen.

Wahrscheinlich spielt auch eine Rolle, dass er nach eigener Auffassung in den ersten Jahren seiner Karriere „falsch trainiert“ hat. Taktik, Kombinationen und Dynamik entdeckte er erst spät. Awerbach war ein Techniker, der es verstand, Gegner auszusitzen, zu zermürben und schließlich mit überlegenen Endspiel-Fertigkeiten zu besiegen. Dieser instruktive Sieg über den späteren Karpov-Coach Semen Furman zeigt Awerbachs Schach-Attitüde:

Einen Plan fassen, ihn Schritt für Schritt umsetzen – und den vollen Punkt einfahren. Juri Awerbach zeigt in seinem wahrscheinlich bekanntesten Endspiel, wie das geht.

Awerbach publizierte manchen Endspiel-Aufsatz, dann beschloss er, ein Buch zu schreiben. Es wurden fünf daraus, eine systematische Untersuchung des Endspiels. Über Jahrzehnte genossen Awerbachs Endspielwerke Bibel-Status, sie waren die Standardwerke – und wahrscheinlich doch nicht die meistgelesenen Awerbach-Bücher. Diesen Status hält „Die Reise ins Schach-Königreich“, mit dem wahrscheinlich Millionen Schüler nicht nur in der Sowjetunion bzw. Russland zum Schach gefunden haben.

Awerbach begann früh, andere Schachspieler zu coachen und zu trainieren, eine Vorliebe, die er bis ins hohe Alter beibehielt. Die Laufbahn des Schachtrainers Awerbach begann 1955, als ihn der damalige Weltmeister Mikhail Botwinik um ein Trainingsmatch bat. In den folgenden zwei Jahren sollten die beiden 25 Turnierpartien austragen, etwa die Distanz eines WM-Kampfes. Überliefert ist, dass Botwinik knapp gewann.

Mittendrin und hinter den Kulissen: Juri Awerbachs Memoiren.

Ihre Arbeitsbeziehung endete, nachdem Awerbach zugestimmt hatte, vor dem Kandidatenturnier 1959 in Jugoslawien mit Michail Tal zu trainieren. Botwinik habe Verrat gewittert, schreibt Awerbach. Tal gewann das Kandidatenturnier und sollte im WM-Match 1960 Botwinik entthronen. Allerdings sollte er den Titel nur ein Jahr behalten.

Dieses Schicksal teilte Tal mit Wassili Smyslow, der Botwinik 1957 besiegt hatte und 1958 die Revanche verlor. Aber Smyslow kam im Spätherbst seiner Karriere noch einmal in die Nähe des Titels: Ende 1982 qualifizierte sich Smyslov, damals 61 Jahre alt, überraschend für die Kandidatenmatches (das Kandidatenturnier war abgeschafft). Smyslow bat Awerbach, den er seit seiner Kindheit kannte, ihn zu trainieren. Awerbach akzeptierte, und Smyslow gewann das Viertel- sowie das Halbfinale. Im Finale allerdings war er gegen den künftigen Weltmeister Garry Kasparow chancenlos.

Dem von Juri Awerbach trainierten Wassili Smyslow begegnete im Kandidatenhalbfinale 1982 der 40 Jahre später immer noch in der Bundesliga für den FC Bayern München spielende Zoltan Ribli. Smyslow/Awerbach setzten sich gegen den Ungarn durch, waren aber im Kandidaten-Finale gegen den kommenden Weltmeister Garry Kasparow chancenlos.

Seine Arbeit als Schachtrainer verlagerte Awerbach später vom WM-Kandidatenlevel ins Jugendschach. Begegnungen und die schachliche Arbeit mit jungen Menschen betrachtete Awerbach als seinen persönlichen Jungbrunnen, als beste Gelegenheit, im Kopf beweglich zu bleiben. Bis 2016 besuchte er regelmäßig den zentralen Schachklub in Moskau, um Talenten zu begegnen und ihnen mit Rat zur Seite zu stehen.

All seine schachlichen Tätigkeiten aufzuzählen, ist fast unmöglich. Awerbach war Schachspieler, Autor, Studienkomponist, Historiker und über die Jahre Chefredakteur von drei sowjetischen Zeitschriften. Sogar eine Schach-Fernsehshow moderierte er.

Schon in den frühen 1960er-Jahren begann Awerbach, sich hinter den Kulissen des sowjetischen Schachbetriebs einzubringen – kein einfaches Betätigungsfeld in den Rädern der Bürokratie und den dazwischen gesponnenen Intrigen. Trotzdem wurde er 1972 Vorsitzender des Schachverbands der UdSSR, eine Position, die er sechs Jahre lang innehaben sollte. Auch als Schiedsrichter betätigte er sich. Unter anderem beim ersten Match Kasparov-Karpov 1984/85 war er einer der der Unparteiischen.

Nicht das einfachste Match für den Schiedsrichter Juri Awerbach: Kasparow vs. Karpov. | Foto: RIA Novosti/Kommersant

Kaum ein starker Schachspieler, womöglich keiner, hat auf so vielen Feldern bedeutende Spuren hinterlassen wie Juri Awerbach. Nur für den Weltmeister-Titel sollte es nie reichen, aber den wollte Awerbach gar nicht haben. „Mir fehlt der Charakter eines Champions“, sagte er einst. „Ich bin Forscher, kein Kämpfer.“

Am 7. Mai 2022 endete sein reiches Leben. Awerbach hinterlässt seine Tochter Evgenia. Ältester lebender Großmeister der Welt ist jetzt der der Serbe Aleksandar Matanovic (92), der Gründer des Informators.

Juri Awerbach (1922-2022).
5 7 votes
Article Rating
Werbung

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

1 Kommentar
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
schmunzler
schmunzler
4 Monate zuvor

Vielen Dank für den Beitrag.
Wenn es mal überall im Journalismus so aufwendig und sorgfältig recherchierte Beiträge geben würde.