Schach statt Mathe – Blübaum: “Müsste gerade an meiner Masterarbeit schreiben”

Für Matthias Blübaum war es am Ende viel mehr ein Nerven- als ein Schachspiel. Den Sieg bei der Europameisterschaft vor Augen – Druck. Je näher der mögliche Erfolg rückte, je wichtiger jeder halbe Punkt wurde, desto schwerer fiel es dem 24-Jährigen, sich von tabellarischen Rechenspielen freizumachen und auf seine Partien zu fokussieren.

„In den letzten drei Runden konnte ich eigentlich nicht mehr Schach spielen“, erklärte Blübaum nach dem Sieg auf Schachdeutschland TV – und verschwieg in aller Bescheidenheit, dass es ihm in der vorletzten Runde trotzdem beinahe gelungen wäre, den französischen Großmeister Maxime Lagarde in einem taktischen Hauen und Stechen zu überlisten.

Die Partie der letzten Runde gegen den Ivan Saric sei kein Spaß gewesen, berichtete Blübaum. Der Kroate hatte früh eine Kampfansage übers Brett geschickt. Während der Gegner mit Schwarz gewinnen und selbst Europameister werden wollte, fand Blübaum seine Eröffnungsbehandlung „grauenhaft“.

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Mit den weißen Steinen war er früh gezwungen, eine Partie mit dem Rücken zur Wand zu spielen. Dass er dennoch stabil blieb und die zwischenzeitlich kritisch aussehende Chose ins Remis führte, spricht für seine Nervenstärke.

https://youtu.be/h-IPcmJUeKY
Matthias Blübaum über seinen ärgsten Konkurrenten Gabriel Sargissian (links) und Ivan Saric (rechts), der Blübaum, siehe Video, auf den letzten Metern der Zielgeraden noch den Titel entreißen wollte.

Blübaum stimmt zu, dass der Sieg in Slowenien der bislang größte Erfolg seiner Karriere ist. Aber ob dieser Erfolg ein Anstoß sein wird, es als Schachprofi zu versuchen, lässt Blübaum offen. „Eigentlich“, sagt der Mathematikstudent, „müsste ich ja weiter an meiner Masterarbeit schreiben“. Aber es sei halt immer so viel Schach zu spielen. Was er tut, wenn, voraussichtlich in diesem Jahr, das Mathematikstudium beendet ist, weiß Blübaum noch nicht.

Ein schachliches Ziel hat er gleichwohl vor Augen: die Schacholympiade in Indien. „Darauf freue ich mich.“ Den Platz in der deutschen Mannschaft hat Blübaum mit seinem auf 2657 gekletterten Elo fast sicher. Auch wenn noch nicht klar ist, wer neben ihm und Vincent Keymer spielen wird, „wir haben eine starke Mannschaft“. Wenn es gut läuft, siehe seine eigene Europameisterschaft, sei einiges möglich.

Fürs Schach wäre es gut, würde Vincent Keymer nicht weit über allen anderen thronen, sondern säße ihm jemand im Nacken. Diese Rolle des Antreibers übernimmt nach seinem 20-Elo-Plus aus der Europameisterschaft nun vorerst Matthias Blübaum als zweiter deutscher Top-100-Spieler. Rasmus Svanes kurze, erste Visite in den Top 100 und auf Platz zwei der deutschen Rangliste ist leider schon beendet. | via 2700chess

Bei der Europameisterschaft ist es den Spitzenkadern, aus denen sich diese Mannschaft bilden wird, nur teilweise gelungen, ihre Stärke zu demonstrieren. Dmitrij Kollars und Daniel Fridman hatten das Pech, im Lauf des Turniers zu erkranken. Beide schieden aus. Rasmus Svane und Liviu Dieter Nisipeanu spielten mit 2628- bzw. 2655-Performances im Rahmen der Erwartung, aber nicht gut genug für eine Spitzenplatzierung. Beide endeten bei sieben Punkten und auf Platz 41 bzw. 36.

Alexander Donchenko (6 Punkte, Performance 2495) wird diese Europameisterschaft einfach nur abhaken wollen. Nach einem Verlust von 20 Elo-Punkten droht ihm nun bei der Schach-Olympiade die Zuschauerrolle. Für Donchenkos Einstellung spricht, dass er den Wettbewerb mit 1,5/2 ordentlich zu Ende brachte, nachdem die World-Cup-Hoffnung mit der überraschenden Niederlage gegen Julian Kramer in Runde neun geplatzt war.

IM (bald!) Alexander Krastev. | Foto: Luka Rifelj/Slowenischer Schachverband

Besser als bei den Spitzenkadern lief es beim Nachwuchs. 6 der 26 bei der EM erzielten Normen gingen an deutsche Spieler, allen voran an Julian Kramer, der mit einer GM-Norm im Gepäck zurück nach Hamburg reist. Nachdem, wie berichtet, Nikolas Wachinger, Richard Bethke, Tobias Kölle und Jonas Roseneck schon nach neun Runden ihre IM-Norm sicher hatten, gelang es in der elften Runde Alexander Krastev nachzuziehen.

Auch Krastev erspielte eine IM-Norm, nach Angaben des Schachbunds seine dritte. Mit seinem Elo jenseits der 2400 wird er aller Voraussicht nach den Tiel verliehen bekommen.

Ob das unmittelbar passiert, erscheint allerdings offen. Ausgerechnet in diesen Wochen, in denen das deutsche Schach eine Entscheidung in Sachen Pähtz erwartet, ist der zuständigen Titelkommission der FIDE (offiziell: Qualification Commission) ihr Chef abhanden gekommen. Kommissionsvorsitzender Nick Faulks (Bermuda) ist nach Informationen dieser Seite von seinem Amt zurückgetreten.

Der Kommission obliegt es, dem FIDE-Rat auf Grundlage der eingegangen Titelanträge Vorschläge zu unterbreiten. Bindend sind diese Vorschläge nicht. Die Entscheidung, ob ein Titel verliehen oder nicht verliehen wird, trifft der Rat unter dem Vorsitz des FIDE-Präsidenten.

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Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

“Weit über allen thront(e)” Keymer ja weder vor, noch nach der Europameisterschaft (und für ihn der GP-Serie). Ich vermute auch, dass Svane doch noch knapp in der top100 ist: in der April-Liste hatte er 2648, bei der EM hat er ein Elopünktchen verloren, müsste noch Platz 99 sein – womöglich hat 2700chess.com einige seiner Partien zuvor in der dänischen oder deutschen oder österreichischen Liga übersehen, passiert ihnen gelegentlich. Ob eine klare nationale Nummer 1 “schlecht fürs Schach” ist oder wäre ist auch so ein Thema, man blicke auf die Nachbarländer: die Niederlande haben Giri, Polen hat Duda (nun definitiv besser… Weiterlesen »