VIP-Lounge, Superbowl und der Giri-Hack: Auftakt des Grand-Prix-Finales in Berlin

Die erste Finalpartie zwischen Levon Aronian und Hikaru Nakamura, eine der aufregendsten des Berliner Grand Prix, war bei weitem nicht die erste Schachpartie zwischen diesen beiden. 188 dieser Paarungen kennt die Datenbank, 103,5:84,5 für Nakamura, darunter allerdings mehrheitlich Blitz- und Schnellpartien. Im klassischen Schach fällt die Bilanz umgekehrt aus: 45 Partien, 27:18 für Aronian.  

Das Finale begann mit Nakamuras Routine. Stets trifft der Amerikaner etwa zehn Minuten vor Beginn der Partie im World Chess Club ein. Zuerst gilt es, die Metalldetektoren zu passieren – und das zweimal: Die erste Kontrolle erfolgt direkt nach Betreten des Spiellokals. Hat der Spieler dann Jacke und Mitbringsel abgelegt, rückt ein weiteres Mal der Schiedsrichter mit seinem Metall-Kontrollstab an. Beim Grand Prix sind auch die Metallkontrollen in großmeisterlicher Hand: GM Alex Colovic aus Slowenien fungiert als Fairplay-Beauftragter.

Erste Kontrolle direkt nach dem Betreten des Gebäudes: Alex Colovic prüft, ob sein Metalldetektor bei Hikaru Nakamura anschlägt. | Foto: World Chess

Sind die Kontrollen überstanden, ist Nakamuras Ritual stets dasselbe: einen Kaffee und zwei, drei Flaschen stilles Wasser. Stets prüft Nakamura gewissenhaft den Flaschenverschluss, damit er nicht aus Versehen das ungeliebte Prickelwasser mit ans Brett nimmt. Rosafarben muss der Verschluss sein, das Zeichen für stilles Wasser, nicht blau, was für Sprudelwasser steht.

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Zur Finalpartie brachte Nakamura eine Reihe Schokoriegel mit. Sicher ist sicher, es könnte ja länger dauern, und dann mag der eine oder andere Energieschub nützlich sein.

Anders als Nakamura erscheint Aronian stets in letzter Sekunde, so knapp vor Spielbeginn, dass die Offiziellen oft zittern, ob er es schafft, am Brett zu sitzen, bevor der Schiedsrichter die Uhr in Gang setzt. Aronian stoppt kurz am Schiedsrichtertisch, desinfiziert seine Hände, geht schnurstracks ans Brett, Sakko über den Stuhl gehängt, Gegner begrüßt, dann geht es los.

Vor der Partie hatte Aronian offenbar Zeit gehabt, sich auf Twitter umzuschauen. Gefunden hat er das neueste Schachdrama:

Aronian war nicht entgangen, dass die Geschichte sich weiterentwickelt hat. Im Zentrum der Debatte steht ein einzelner Tweet, den der gehackte (?) Giri-Account einige Stunden vor dem oben beschriebenen Giri-Leak am frühen Sonntagmorgen abgesandt und schnell wieder gelöscht hatte. Gegenstand des Tweets: Peter Heine Nielsens angeblicher Verkehr mit minderjährigen Thai-Prostituierten.

Angesichts der zeitlichen Differenz fordert der Carlsen-Chefsekundant jetzt von Anish Giri eine Erklärung, ob auch diese gezielte Diskreditierung Ergebnis eine Hacks war oder von Giri selbst kam. Weil außerdem offensichtlich erscheint, dass der vermeintliche Hacker ein intimer Kenner der Super-GM-Szene und der Schach-Eröffnungstheorie war, findet mittlerweile nicht mehr nur Nielsen, dass hier etwas faul ist. War es am Ende doch Giri selbst?

Aronian hält es mit Inspektor Columbo:

https://twitter.com/LevAronian/status/1493281340594216962

Auch Hikaru Nakamura war vor dem Schach-Finale auf Twitter unterwegs – in Sachen Football. In den USA lief am Sonntag der Superbowl, das große Football-Endspiel, und das beschäftigt den Supergroßmeister mehr als andere Dramen…

…was aber durchaus mit Schach zu tun hat. Joe Burrow, Quarterback der knapp unterlegenen Cincinatti Bengals, hatte sich auf der mit Nakamura eng verbundenen weltgrößten Schachplattform chess.com beim Denksport mental auf sein großes Football-Finale vorbereitet – fürs US-Schach eine Riesengeschichte.

Kurz vor der Schach-Finalpartie in Germany sorgte ein Versuch von World Chess, die Angelegenheit emotional aufzuladen, für Irritationen. Einen Videoclip vom Kandidatenturnier 2016, als Nakamura gegen Aronian in die Berührt-Geführt-Falle getappt war, interpretierten zahlreiche Beobachter als Live-Video aus Berlin. World Chess beeilte sich, die Aufregung abzumoderieren und darauf hinzuweisen, dieses sei nur eine Erinnerung an vergangene Schlachten zwischen den beiden in der ersten Grand-Prix-Etappe verbliebenen Kontrahenten.

https://twitter.com/theworldchess/status/1493607635458969603

Dann wurde Schach gespielt. Den Kommentar entnehmen wir dem Bericht von chess.com, “Memorable clash ends in thrilling draw (zum Nachspielen auf einen beliebigen Zug klicken):

Nakamura eröffnete die Partie mit 1.e4, Aronian wählte 1…e5, viele Jahre lang seine wichtigste Verteidigungswaffe. Die Eröffnung war ein klassisches Ruy Lopez: Aronian wollte das Marshall-Gambit spielen, Nakamura wich dem aus.

Marshall-Spezialist Aronian war damit nicht unzufrieden, er hatte es erwartet. „Ich bin immer glücklich, nur Schach zu spielen, es ist mir egal, welche Eröffnung es ist, es ist ein großes Privileg. Ich denke, es war interessant, ich bekam eine schöne Stellung, nachdem Hikaru diesen falschen Plan mit Sh2-g4 gewählt hatte“, sagte Aronian nach der Partie im Gespräch mit Grand-Prix-Öffentlichkeitsarbeiter Michael Rahal.

Hikaru entschied sich für 8.h3, eines der vielen Anti-Marshall-Systeme, das Ian Nepomniachtchis Wahl gegen Magnus Carlsen in ihrem WM-Match 2021 in Dubai gewesen war. Auch Aronian hat eine Menge Erfahrung mit dieser Variante, sowohl mit Weiß als auch mit Schwarz: Er hat sie vor zwei Monaten bei der „Speed ​​Chess Championship“ sechs Mal gegen Ding Liren gespielt.

Auf die Frage nach der Partie, ob der Marshall eine gute Eröffnungswahl für Schwarz sei, war Nakamura sehr klar: „Mit den Computern ist heutzutage alles in Ordnung; es ist nicht einmal wichtig, was du spielst. Ich wollte heute etwas Langsames spielen.”

Hikaru Nakamura ging eigene Wege – und bekam bald Probleme. Doch dann wendete sich das Blatt. | Foto: World Chess

Obwohl 9…d5 im Gambit-Stil immer noch eine theoretische Option ist, entschied sich Aronian, mit 9…d6 auf Nummer sicher zu gehen. Nakamura beschloss, mit der Neuerung 12.Sh2 kreativ zu spielen, anstatt mit 12.d4 im Zentrum vorzugehen, ein Zug, der in mehr als fünfzig Großmeisterpartien gespielt worden war.

Unbeeindruckt vollendete Aronian das Standardmanöver …Sd8-e6 gefolgt von …Ta8-e8, wobei er sich alle Optionen offen hielt und gleichzeitig prophylaktisch alle Bauerndurchbrüche von Weiß verhinderte. Für Schwarz sah das gut aus. Nakamura verbrauchte im frühen Mittelspiel viel Zeit, während im Presseraum das Gefühl kursierte, seine Eröffnung sei schlecht gelaufen.

Die VIP-Lounge

Presseraum, na ja. Eigentlich heißt es jetzt ja “VIP-Lounge”. Ausrichter World Chess war vor dem Finale in seiner Spezialdisziplin „Fassade ohne Substanz“ tätig geworden. Um auch in den limitierten Räumlichkeiten rund um den Berliner Grand Prix den Schein der ersehnten Exklusivität zu verbreiten, war der Presseraum kurzfristig zum VIP-Raum umgewidmet worden.

Geändert hatte sich in dem von einem Vorhang abgetrennten Zimmerchen freilich nichts. Nur die Schilder davor waren ausgetauscht worden, jetzt steht dort “VIP” statt “Media”, voilà, fertig war die VIP-Lounge.

Neben dem Shop mit Merchandise-Artikeln, die weder das Spiel noch die Spieler zeigen, gibt es jetzt eine VIP-Lounge für sehr wichtige Leute, die eigentlich der Presseraum ist. | Foto: Perlen vom Bodensee

Am Brett steuerte die Partie einem ersten Schlüsselmoment entgegen. Nakamura zog 22.Lh6 und griff den Turm seines Gegners an, opferte aber anscheinend seinen Bauern auf d3. Aronian hatte dies offensichtlich vorausberechnet, er bediente sich flugs auf d3.

Die Online-Kommentatoren erwarteten, dass Nakamura 23.Td1 spielen und die Qualität gewinnen würde, aber Hikaru witterte Probleme und begann nachzudenken. „Es wurde sehr kompliziert. Ich habe einen Bauern weniger, aber ich habe diesen Damenflügelduo auf a5 und b4. Sehr schwierig, die Bauern am Flügel sind wichtiger als die im Zentrum. Trotzdem dachte ich, dass Levon an dieser Stelle viel besser steht.“ Nach einer Weile verschmähte Nakamura die Qualität und entschied, die Türme zu tauschen und die Partie mit einem Minusbauern fortzusetzen. Eine gewisse Kompensation hatte er gewiss, aber würde das genug sein?

„Wenn Aronian heute gewinnt, bedeutet das praktisch das Ende des Matches. Hikaru muss wirklich sehr aufpassen, dass er nicht verliert. Es ist verständlich, er will mit Weiß wenigstens etwas Druck aufbauen, aber hier scheint er dem Verlust näher zu sein als dem Sieg“, kommentierte Evgeny Miroshnichenko im offiziellen Stream von World Chess und FIDE.

“Ich war zu optimistisch”: Levon Aronian. | Foto: World Chess

Nakamura benannte nach der Partie einen weiteren Schlüsselmoent, „als Levon 25…Da8 spielte, wo er stattdessen 25…Db8 hätte spielen können. Die gesamte Bewertung der Position hängt von dieser einen Position ab. Als ich meinen Turm nach b1 brachte, war ich schon wieder recht optimistisch.“

Langsam aber sicher entglitt Aronian sein Vorteil. Obwohl er wenig Zeit hatte, begann Nakamura, einen präzisen Zug nach dem anderen zu spielen, die Computer sahen die Partie in der Waage. Aber das war nur eine theoretische Einschätzung. Praktisch blieb die Angelegenheit knifflig und auf des Messers Schneide. Jeder Fehler könnte tödlich sein.

„Ich glaube, ich war zu optimistisch“, sagte Aronian hinterher. „Ich dachte, ich könnte langsam spielen und meine Stellung verbessern, aber dann vergaß ich, dass er jedes Mal, wenn ich b4 nehme, damit droht, Sd4 zu spielen und in einem Damenendspiel Remis zu machen, sodass ich nicht langsam spielen kann. Irgendwann dachte ich, ich sollte die Dinge komplizieren, aber es war die Art von Position, in der du dafür bezahlst, wenn du zu viele riskante Entscheidungen triffst. Hikaru spielte einige sehr unangenehme Ideen für mich, dieses Kf1 und b5… In diesem Moment musste ich mich zusammenreißen, denn ein weiterer ungenauer Zug, und die Partie wäre verloren.“

Die Partie wurde forcierter. Schließlich fand Aronian einen Weg, seinen Freibauern zu opfern, um mit seiner Dame ins weiße Lager einzudringen und Dauerschach zu erzwingen. In der zweiten Partie am heutigen Nachmittag wird Aronian die weißen Steine führen.

Livepartie ab 15 Uhr auf chess.com

Livepartie ab 15 Uhr auf chess24

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Thorsten
Thorsten
3 Monate zuvor

Sehr schöner Beitrag. Eine Anmerkung. Wenn man die Stellungen per Tastendruck als Diagramm auffächert, legt sich dieses über die Notation mit den Anmerkungen. Kann man das ändern?