EM: Vincents Geburtstagsbäckerei

Brezelbacken ist eine heikle Angelegenheit. Die Zutaten müssen exakt abgestimmt sein, die Temperatur mus passen, die Triebkraft der Hefe auch. Geduld muss vorhanden sein, sonst scheitert das Backen schon daran, dass der Teig nicht aufgeht. Wer Brezeln backt, wandelt auf einem schmalen Grat.

Darauf bezog sich wahrscheinlich DSB-Sportdirektor Kevin Högy, als er jetzt im Bericht zum EM-Match der Deutschen gegen Armenien schrieb, die zweite Hälfte von Vincent Keymers Partie gegen Haik Martirosyan sei gelaufen “wie beim Brezelbacken”. Es war eine heikle Angelegenheit, weniger das Resultat einer ausgefuchsten Rezeptur als Glück, dass der Armenier sich zu lange nicht vom Vorsatz trennen konnte, seinen eben noch prächtigen Teig weiter auf Gewinn zu kneten. Und Martirosyans tückischer Plan, Vincent Keymers Geburtstagsbäckerei per Damenfang ordentlich zu versalzen, hatte einen Haken.

“Glücklich, dass das alles gut lief”: Vincent Keymer bescherte sich zum 17. Geburtstag einen vollen und seinen Mitspielern einen Mannschaftspunkt.

Mit nun 5:3 Punkten stehen die Deutschen nach dem 2:2 gegen Armenien da, wo sie gestern schon standen: am Scheideweg. Heute ein Sieg gegen Rumänien, und wir können dem weiteren Gang der Dinge nach dem morgigen Ruhetag frohgemut entgegenschauen. Zum Glück haben die Rumänen ihren besten Mann nicht dabei. Liviu Dieter Nisipeanu spielt am ersten Brett für Deutschland (und setzt heute gegen seine Landsleute aus).

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Sollte in den Reihen des Frauenteams jemand Medaillenträume gehegt haben, dieser Traum dürfte nach der gestrigen (zu hohen) 1:3-Niederlage gegen Aserbaidschan ausgeträumt sein. Der kleine Zuschauer, der sich an Elisabeth Pähtz herangewanzt hatte, sah zwei erfolglose Versuche, mit Weiß einen Punkt zu holen, und zwei Nullen in den Schwarzpartien.

Für das neu formierte, verjüngte Frauenteam ist die EM in erster Linie eine Gelegenheit zu wachsen. Und dafür bekommen Pähtz&Co. heute einen geeigneten Gegner: die Spanierinnen, nominell auf Augenhöhe. Die Matches der fünften Runde beginnen um 15 Uhr.

Liveübertragung

(chess.com)
Herren
Damen

(chess24)
Herren
Damen

via chess-results.com

Hätte Alexander Donchenko 17…Sa4! gesehen, Weiß hätte in erheblichen Schwierigkeiten gesteckt. Nach 17…Df6?! 18.Le5 war es dafür zu spät, der weiße Läufer kaschiert nicht nur die weißen Probleme am Damenflügel, er strahlt fast partieentscheidend in den schwarzen Königsflügel.

Gegen Armenien deutete sich an, es könnte laufen wie gegen Aserbaidschan: ein früher 0:1 Rückstand für den Deutschland-Vierer, aber vollblütige Kämpfe auf den anderen drei Brettern, die lange jedes Resultat möglich erscheinen lassen.

Nachdem Alexander Donchenko am ersten Brett mit Schwarz gegen Gabriel Sargissian eine kleine Taktik zu seinen Gunsten ausgelassen hatte, geriet er bald strategisch ins Hintertreffen und dann sogleich unter die Räder. Nun lag es an seinen drei Mitspielern, zumindest zwei Punkte zusammenzukratzen.

24…Th6!=. Soll er doch unsere Struktur endgültig ruinieren. Wichtiger ist, im Sinne von Gegenspiel den weißen a6-Turm zu eliminieren, was den schwarzen b7-Turm beweglich macht (und …Tb2 droht).

Matthias Blübaum am dritten Brett kam allenfalls für einen halben Punkt in Frage. Den allerdings holte der Bielefelder mit den schwarzen Steinen in aller Souveränität. Gegen die Caro-Kann-Vorstoßvariante von Robert Hobhannisyan 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.Sf3 e6 5.Le2 setzte Blübaum auf das hochtheoretische 5…c5 6.Le3 Db6, und er zeigte einmal mehr, dass ihm in forcierten, theoretischen Abspielen kaum beizukommen ist. Allerdings war für vollen Ausgleich ein Zug vonnöten, der dem unbedarften Beobachter überraschend erscheinen mag (siehe Diagramm rechts).

Nationalspieler Blübaum versteht Schach um diverse Klassen besser als unbedarfte Beobachter. 24…Th6!= stellte er flugs aufs Brett.

Mit 28…Txb2 ist es Schwarz tatsächlich gelungen, den letzten Bauern am Damenflügel einzusammeln – allerdings um den Preis eines verirrten Turms. Jetzt 29.Sb3! (Idee 30.Dc3) und Weiß ist ganz nahe dran. 29…Db6 30.Txe7 rettet Schwarz kaum, dann entert eine Horde weißer Schwerfiguren die siebte Reihe.

Rasmus Svane spielte eine typische Svane-Partie, die es für Freunde strategisch geprägten Schachs oft zu einem aufschlussreichen Genuss macht, ihm zuzuschauen. Der Lübecker hatte sich ein wenig anhaltenden Druck erkämpft, und es wäre beleibe nicht das erste Mal gewesen, hätte er daraus ein vorteilhaftes Endspiel gemacht und selbiges nach Hause geknetet wie ein versierter Brezelbäcker seinen Hefeteig.

Andererseits war es strukturell arg statisch, und würden sich alle Bauern am Damenflügel verabschieden, da könnte Svane noch so kneten, dieser Teig würde hart bleiben. Und so kam es. Svane versuchte sein Bestes, er war nahe dran, übersah eine kleine Taktik, die ihn weitergebracht hätte, und am Ende reichte es nicht ganz. Weil das in diesem Fall gerechte 0,75:0,25-Ergebnis beim Schach nicht vorgesehen ist, endete auch diese Einbahnstraßenpartie 0,5:0,5.

Der wird doch nicht…?! Es ist ja schon schockierend zu sehen, wie Rasmus Svane plötzlich 1.e4 mit 1…e5 zu beantworten pflegt. Mit Weiß gegen Armenien sah es kurz aus, als würde er jetzt auch noch seine Partien mit dem e-Bauern eröffnen. Aber Svane besann sich anders, katalanisch nämlich, und er hätte seine Partie 0,75:0,25 gewonnen, würden die Schachregeln das zulassen. | Foto: Paul Meyer-Dunker/Schachbund

Und so musste es Vincent Keymer richten. An seinem 17. Geburtstag, zum ersten Mal am zweiten Brett der Nationalmannschaft, lief es ausgangs der Eröffnung noch günstig. Aber dann geriegt der Saulheimer ins Driften, Schwarz übernahm das Kommando – und das war ein Glück, wie sich schließlich zeigte. Anstatt kleine Brezeln zu backen, wollte Martirosyan zu lange zu viel – und bekam eine bittere Pille verabreicht:

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[…] kleinen Zuschauer, der sich an Elisabeth Pähtz herangewanzt hatte, war schon in der Berichterstattung zur vierten Runde der Europameisterschaft der Mannschaften die Rede. Von der Wärme im Spielsaal angelockt, hatte das Insekt das erste Brett […]