Vierkampf mit Anish

Davon wäre MVL nicht zurückgekommen, das hätte es schon gewesen sein können. Nachdem er als Co-Führender und Co-Favorit vor zwei Tagen in die zweite Hälfte des Kandidatenturniers gestartet war, stand er gegen Ding Liren vor seiner zweiten Null in Folge. Aber der Franzose hat sich noch einmal aus der Affäre gezogen, er bleibt im Rennen, das sich jetzt (nach Anish Giris Sieg über Wang Hao) zu einem Vierkampf zugespitzt hat: Nepomniachtchi, Caruana, MVL, Giri. Einer dieser vier wird Ende des Jahres der WM-Herausforderer sein.

Collage: Franz Jittenmeier

In MVLs Schwarzpartie gegen Ding sehe ich einige zentrale Momente, einer von denen war 15.Sd4, ein cooler Zug. Allerdings auf diesem Level nicht sensationell schwierig zu sehen, das Motiv ist bekannt, zum Beispiel aus dem Nimzo-Indischen. Es gibt zahlreiche praktische Beispiele für diese Art von Opfer.  

Um 15.Sd4 zu spielen, bedarf es keines Supergroßmeisters, aber für den Gegenspieler ist so ein Zug durchaus zu übersehen. MVL hatte im Zug davor die Wahl zwischen 14…Sde5 und 14…Sge5, der eine führt zu einer unklaren Stellung, der andere lässt 15.Sd4 mit großen Problemen für Schwarz zu. Vielleicht hat er beim Abwägen zwischen diesen beiden sehr ähnlichen Zügen einfach die Möglichkeit Sd4 vergessen, eine Art 2800er-Blackout, ein blinder Fleck. Und dann steht er halt vom einen Zug auf den anderen auf Verlust.

Experimente vor der Zeitkontrolle

Ich frage mich im Nachhinein, was wohl dazu geführt hat, dass Ding mit 37.d6 einen großen Teil seines Vorteils vergeben hat. Im Prinzip war der d-Bauer ja einfach weg. Ob er sich da irgendwie verrechnet hat? (Ding sagte in der Pressekonferenz, er habe 37…Te6 übersehen, Anm. d. Red.) Danach stand MVL immer noch unter Druck, aber so etwas zu halten, ist ja eine Stärke von ihm.

Wir Normalsterbliche sehen in diesem Moment das Konzept bestätigt, dass man kurz vor der Zeitkontrolle nicht ohne Not die Stellung grundlegend verändern soll. Und Ding hatte keine Not. Er kann ja mit seinem statischen Vorteil und seinem Druck in aller Ruhe weiterspielen und sich nach dem 40. Zug überlegen, wie er es angehen will.

3.h4 ist eine interessante Wahl, um eben nicht eine Grünfeld-Partie zu spielen. Im Grünfeld noch eine neue Idee zu finden, ist unheimlich schwierig, so lässt es sich umgehen. Gegen 3.h4 kann sich Schwarz auf verschiedene Weise aufbauen, Wolga-artig, königsindisch oder Benoni-artig, und Stellungen anstreben, in denen er behaupten kann, dass h2-h4 wenig Sinn ergibt. Was Schwarz nicht machen sollte, ist, normal seinen Grünfeld-Trott weiterzuspielen: 3…Lg7 4.Sc3 d5 5.h5 wäre heikel für Schwarz.

MVL hatte gegen 3.h4 schon verschiedene Konzepte versucht, auch das, was wir in der Partie gegen Ding gesehen haben. Das war alles vorbereitet, und Schwarz war nach meiner Einschätzung in Ordnung. Ein interessanter Moment war noch, mit 11…Lxc3 den stolzen Lg7 auf der langen Diagonalen aufzugeben, um sich danach schwarzfeldrig aufzubauen. Das war alles gut – bis eben 15.Sd4 auf dem Brett stand.

Nicht vor der Zeitkontrolle die Stellung verändern: Ding Liren ließ Maxime Vachier-Lagrave ins Remis entkommen. | Fotos: Lennart Ootes/FIDE

Grischuk gegen Nepo hat ebenfalls den Umstand illustriert, dass es gegen Grünfeld nicht so leicht ist für die Weißen. 9.h3 erschüttert bestimmt nicht den Grünfeld, aber es ist fast ein neuer Zug in einer Stellung, die es schon mehrere tausend Mal gegeben hatte. Die Partie war dann lange in der Waage und nie außerhalb der Remisbreite. Interessant war natürlich der Moment, in dem Grischuk auf f7 genommen hat.

Aus Nepos Perspektive würde ich sagen, dass er schon noch eine Partie gewinnen muss, wenn er am Ende der Herausforderer sein will. Gegen Grischuk kam er für einen Partiegewinn nicht infrage. Aber ich glaube kaum, dass „plus 2“ für den Turniersieg reichen werden, „plus 3“ müssen es schon sein.

Für mich war vor dem Wiederanpfiff des Turniers Anish Giri der Geheimfavorit. Er war zuletzt gut in Form, das hat er in der neunten Runde gegen Wang Hao bestätigt, eine sehr gute, souveräne Partie. Überrascht hat mich Wang Haos 17…c5. Das ist in diesen Stellungen fast nie gut.

„Ich stehe hier, komm doch“

In meinem 1.d4-Repertoire empfehle ich ja solche Abspiele für Weiß, nicht diese Variante, aber diesen Stellungstyp. Ich empfehle das genau aus diesem Grund: Schwarz hat eigentlich gar keinen Hebel – außer …c5, was fast immer schlecht ist und zu ungeduldig. Natürlich hat auch Weiß nicht besonders viel, aber Schwarz muss sich in aller Regel darauf beschränken zu stehen, er kann nichts tun außer stehenzubleiben.

Aus Schwarzer Sicht ist das eine Karjakin-Variante. Der sagt dann: „Ich bin der Verteidigungsminister, ich stehe hier, komm doch.“ So kann man das spielen. Viel machen kann man nicht.

Oft ist es erstaunlich, wie schlecht die schwarze Stellung trotz der symmetrischen Struktur nach …c5 plötzlich wird. Das hängt allein mit der viel besseren weißen Figurenstellung zusammen, den Se5 bekommt Schwarz da nicht weg, und mit den weißen Perspektiven am Damenflügel. Auch in dieser Partie wurde es schnell unangenehm.

Nur ein kleiner Zug und eine kleine Idee, aber sehr schön fand ich Anishs 16.h3. In der Partie kam es dazu nicht, aber Weiß bekommt dadurch die Option Kh2 und Tg1 dazu. Damit ließe sich eventuell ein schwarzes …g6 provozieren, und Weiß hätte ein weiteres Ziel, gegen das er arbeiten kann. Und schwarzes …f6 gegen den lästigen Se5 wäre noch mehr erschwert.

Caruana Alekseenko Giri 2021 FIDE Candidates
Alekseenko, Giri, Caruana (v.l.)

Caruana hat sich in dieser neunten Runde die Chance auf den zweiten vollen Punkt in Folge offenbart. Warum hat er nicht mit 26…Sxa4 den Bauern auf a4 genommen, das wäre diese Chance gewesen, wie er hinterher selbst gesagt hat. Mich würde noch interessieren, was genau ihm daran nicht gefallen hat. (27.Sh2 habe ihm nicht gefallen, sagte Caruana später, war aber auch der Meinung, er hätte auf a4 nehmen sollen, Anm. d. Red.)

Ich kann allerdings verstehen, dass er für gut gehalten hat, was stattdessen aufs Brett kam. Und an der Stelle kommt der Gegner ins Spiel. Wie Alekseenko die Partie gehalten und in ein ausgeglichenes Endspiel geführt hat, das war allererste Sahne, ganz stark.

„Kaum zu verstehen. Wahnsinn.“

Mysteriös fand ich die Eröffnung. Mit 1.e4 e5 kenne ich mich eigentlich aus, aber die Entwicklungen im Italiener sind ein wenig an mir vorbeigegangen. Ich verstehe diese Zugfolgen schlichtweg nicht. Wie in dieser Partie. Der Computer besteht darauf, dass 9…Sc6-e7 der beste Zug ist. Weißes 10.d3-d4 ist dann gut. Und dann muss Schwarz 10…Se7-c6 spielen, um auszugleichen. Angeblich ist stattdessen 10…Sg6 nicht gut – wegen 11.Ld3! Ein ganz normaler Zug in einer Stellung, die ganz normal aussieht.

Das verstehe, wer will, aber es ist wohl so, die Maschine hat immer Recht. Das zu verstehen, ist weit über meinem Horizont, dafür müsste ich mich mal lange hinsetzen, um die Konzepte dahinter zu begreifen.

Die Jungs in Jekaterinburg kennen und verstehen das alles, die beschäftigen sich in x Abspielen mit diesen Details und können das alles abrufen. Und es geht ja noch weiter, 11.a4 ist auch ein Maschinenzug, der Computer zeigt es, warum auch immer, als klar besten Zug an. Solche im Detail ausgeknobelten und durchanalysierten Sachen haben die WM-Kandidaten parat. Deren Teams beschäftigen sich bis ins Kleinste damit, um Stellungen zu finden, in denen gängige Konzepte aus irgendwelchen Gründen nicht greifen und die eine oder andere Seite einen konkreten Zug machen muss, der kaum zu verstehen ist. Wahnsinn.

Tabelle via chess.com.
Paarungen der 10. Runde via chess24.

Am heutigen Mittwoch um 13 Uhr geht es weiter mit der 10. Runde. Liveübertragung hier.


Spätestens mit seiner Zusammenarbeit mit Magnus Carlsen und dessen Sekundant Peter Heine Nielsen avancierte IM Christof Sielecki zu einem der renommiertesten Schachautoren weltweit. Anfang dieser Woche erschien auf Chessable Sieleckis neuestes Werk über die Pirc-Verteidigung. Exklusiv für die Perlen vom Bodensee begleitet Sielecki das Kandidatenturnier in Jekaterinburg.

Nach dem großen Erfolg seines 1-e4-Repertoires zeigte Christof Sielecki im Nachfolgewerk auf, dass man Partien auch mit einem Doppelschritt des d-Bauern beginnen kann.
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