Blübaum, der Schelm

Mit einem Elo-Bestwert um die 2450 und zwei IM-Normen ist FIDE-Meister Reiner Odendahl von der Elberfelder Schachgesellschaft 1851 ein gefühlter IM, auch wenn es formal für den zweithöchsten Titel im Schach bislang nicht ganz gereicht hat. Logisch, dass so ein Spieler im Lauf der Jahre manch respektablen Erfolg erzielt hat. Der 55-Jährige war NRW-Meister, hat Caruana-Coach Rustam Kazimdzhanov einen halben und Großmeister Sergej Tivikaov einen ganzen Punkt abgenommen.

In der jüngeren Vergangenheit hat Odendahl sich darauf verlegt, auf den Schachbrettern im Bergischen Land (in dem es bestenfalls Hügel gibt, keine Berge) aufzuräumen: Stadtmeister von Erkrath 2018, Bezirksmeister Bergisch-Land 2017. All das sind schöne Erfolge, aber für die Nummer 3649 der Welt reichen sie kaum aus, um die Aufmerksamkeit des größten internationalen Youtube-Schachkanals zu wecken.

Dafür bedarf es des ultimativen Misserfolgs, des größten und gemeinsten und schmerzhaftesten Fehlers, den ein Schachspieler machen kann: in Gewinnstellung aufgeben.

Es geht übrigens noch schlimmer: vor laufender Kamera in Gewinnstellung aufgeben.

Schauen wir uns die Schlussstellung zwischen den Herren Francisco Vallejo Pons und Jaime Santos Latasa noch einmal an:

68.Th8+ verliert die Partie – außer natürlich, Schwarz gibt auf.

Bleibende Schäden hat dieser Aussetzer in Leon 2018 bei Schachfreund Santos Latasa übrigens nicht hinterlassen. Er ist in der Zwischenzeit GM geworden, sein Elo bewegt sich Richtung 2600.

In guter Gesellschaft

Auf der nicht mehr gepflegten, aber zum Glück noch existenten Schachkuriositäten-Seite vom Tim Krabbé sehen die Herren Odendahl und Santos Latasa, dass sie in guter Gesellschaft sind. Mit Viktor Kortschnoi hat einst ein ehemaliger WM-Finalist in Gewinnstellung aufgegeben, mit Klaus Darga ein ehemaliger Bundestrainer.

Würde Krabbé seine Seite noch pflegen, er hätte vergangene Woche nach dem Titled Tuesday seiner Liste einen weiteren Eintrag hinzufügen können. Beteiligt daran war die deutsche Nummer zwei Matthias Blübaum, der mit acht Punkten aus zehn Partien einen respektablen 16. Platz belegte, dafür allerdings ein wenig Glück benötigte.

Schacholympiade 2018, Einmarsch der Gladiatoren: Rasmus Svane (l.) und Matthias Blübaum auf dem Weg ans Brett. | Foto: FIDE

In der dritten Runde mit den schwarzen Steinen gegen den ukrainischen FM Konstantin Borsuk brachte Blübaum eine Variante des Nimzo-Inders aufs Brett, die unter seinen Landsleuten weit verbreitet ist. Rasmus Svane, Niclas Huschenbeth, Alexander Donchenko und Andreas Heimann hatten schon 4.Dc2 d5 5.cxd5 exd5 6.Lg5 h6 7.Lh4 g5 auf dem Brett, standen allerdings nicht schon ausgangs der Eröffnung im Eimer, so wie es Blübaum an diesem Dienstag widerfuhr.

Nach 33 Zügen stand es so:

Es war eine Blitzpartie, Schachfreund Borsuk hatte keine Zeit, genauer hinzuschauen, ansonsten hätte er bald festgestellt, dass nach 34.Db5+ der schwarze König in einer argen Zwickmühle steckt, die Schwarz die Dame kosten wird. Schachfreund Rechenknecht stellt gar fest, dass es sich um ein Matt in 21 handelt.

Borsuk zog stattdessen 34.Tg6, das ist nach maschinellem Ermessen ein Fehler, weil Schwarz sich nun per 34…Sc5!!= ins Remis retten kann: Schwarz deckt das kritische Feld b7 und droht …De1#. Weiß hat nichts Besseres als sich per 35.Db5+/36.Dc6+ ins Dauerschach zu begeben.

Blübaum zog stattdessen 34…Sd4

Sehr schwierig, sehr schön: Weiß am Zug gewinnt.

… und Borsuk gab auf!

Stattdessen kann er gewinnen, sehr schwierig, aber auch sehr schön. Wer gesehen hat, wie Weiß nach 33…Se6 hätte gewinnen können, der hat eine gewisse Chance, auch hier eine Ablenkung der besondere Art auszutüfteln, die die Partie zugunsten des Weißen entscheidet.

Wer lösen möchte, klickt aufs Diagramm.

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