Bye bye, Big Vlad

„Meine letzte Chance, nach dem Titel zu greifen“, sagte Vladimir Kramnik vor dem Kandidatenturnier 2018, für das er einen Freiplatz bekommen hatte. Heute erscheint diese Aussage in einem anderen Licht. Wahrscheinlich reifte schon seinerzeit der Entschluss in ihm, das professionelle Schach an den Nagel zu hängen. Als Kramnik jetzt in Wijk an Zee diesen Entschluss verkündete, sagte er, sein Rücktritt stehe schon lange fest. Er habe ihn nur noch nicht öffentlich machen wollen.

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Blickt er jetzt schon wehmütig zurück? Vladimir Kramnik beim vermeintlich letzten Turnier seiner Karriere in Wijk an Zee 2019. (Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess)

Vor fast 30 Jahren begann Vladimir Kramnik, Schritt für Schritt den Gipfel des Weltschachs zu erklimmen. Vor fast 20 Jahren kam er oben an. Kramniks Matchsieg 2000 gegen den hochfavorisierten Garry Kasparow, sein einstiger Lehrmeister, bescherte ihm den Titel, einen von zweien seinerzeit. Als er sieben Jahre später das WM-Match gegen Visvanathan Anand verlor, war damit der Titel wiedervereinigt. Allein diese zwei Stationen zeigen, in welchem Maß Kramnik die jüngere Schachgeschichte bestimmt hat.

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Heute fällt Vladimir Kramnik bei der Partieanalyse vor allem durch notorischen Optimismus auf. Als er die DVD „My path to the top“ aufnahm, war er objektiver. Mal augenzwinkernd, mal demütig und doch mit breiter Brust führt er anhand seiner Partien durch seine Geschichte: vom Jugendlichen, den einst Gary Kasparov in eine trinkfreudige (und doch unbezwingbare) russische Nationalmannschaft drückte, bis zum Weltklassespieler, der 2000 in London seinen einstigen Förderer besiegte.

Im Februar 2018 schien ja nicht einmal ausgeschlossen, dass Kramnik tatsächlich noch einmal nach der Krone greift. Nominell präsentierte sich das Feld im Kandidatenturnier derart ausgeglichen, dass jeder Teilnehmer sich Hoffnungen auf den Sieg machen durfte. Aber damals ahnte noch niemand, dass Kramnik seinen neuen, mehr als unternehmungslustigen Stil auch beim Kampf um höchste Ehren durchziehen würde. Für die Zuschauer war das zwar eine Freude, aber in der Tabelle stand am Ende manche Null, die dort nicht hätte stehen müssen.

Als filigraner Positionsspieler hat Vladimir Kramnik über Jahrzehnte das Schach geprägt. In den Ruhestand geht er nun als „betrunkener MG-Schütze“, der mal alles und jeden ummäht, dessen Schüsse aber ebenso regelmäßig nach hinten losgehen. „Ich bin halt ein alter Mann und will vor allem Spaß haben“, hat er noch während des Turniers in Wijk erklärt. Ergebnisse seien ihm nicht mehr so wichtig.

Wer hätte zu Zeiten von Kramniks Regentschaft gedacht, dass der kühle Kalkulator dereinst als kühner Haudrauf die Arena verlassen wird?

Wahrscheinlich wird er noch Bücher schreiben, aber hinterlassen hat uns Vladimir Kramnik jetzt schon allerhand. Auch eine persönlich angehauchte, ausführliche Betrachtung der Weltmeister vor ihm, die 2005 auf Russisch erschien und darum im Westen fast unbekannt ist. Zum Glück war ein ungenannter Schachfreund so freundlich, Kramniks Ausführungen ins Englische zu übertragen, und das inklusive Diagrammen und Partiefragmenten.

Und jetzt nehmt Euch bitte eine Viertelstunde Zeit, lehnt Euch zurück, macht es Euch bequem und genießt den Erkenntnisgewinn, der sich einstellen wird, sobald Ihr diesen Link anklickt:

Vladimir Kramnik: From Steinitz to Kasparov

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Auszug aus unserer Eröffnungsübersicht: Was Kramnik einst gegen Slawisch spielte, ist fast vergessen, funktioniert aber immer noch.

Auch auf dieser Seite, obwohl sie noch so jung ist, ist der Name „Kramnik“ naturgemäß dutzende Male gefallen. Erinnert sei am Tage seines Rücktritts an zwei Beiträge, in denen Kramnik im Mittelpunkt stand: einen vom Kandidatenturnier 2018, bei dem „Big Vlad“ mit den schwarzen Steinen Levon Aronian ohne Mühe und in Windeseile umpustete. Und eine Eröffnungsübersicht, bei dem wir eine alte Slawisch-Liebe von Kramnik ins moderne Schach überführen. Was Kramnik seinerzeit als gut empfand, ist heute immer noch gut, wenngleich fast vergessen, und kann dem Schwarzspieler als nützliche Alternative dienen, um solide zu sein und zugleich einen Berg von Theorie zu umschiffen:

Neuerung …Tg8: Kramnik pustet Aronian um

Slawisch spielen wie einst Vladimir Kramnik

2 Kommentare zu „Bye bye, Big Vlad

  1. Hallo ihr Lieben!

    Das ist wirklich mal ein Donnerschlag im Schach. Noch am Wochenende war ich persönlich in Wijk aan Zee und konnte ihn noch 2 x live erleben, davor etliche Male in Dortmund. Ich gebe unumwunden zu, dass ich schon ein wenig traurig bin, dass er jetzt so plötzlich die Bühne verlässt. Unzählige schöne und einfallsreiche Partien hat er in seiner tollen Schachkarriere gespielt und immer war es ein Genuss für mich, diese auch nachzuspielen….vor etlichen Jahren durfte ich einmal während der Schachtage, als die Großmeister noch an ihrem freien Tag blitzten gegen ihn spielen……Es geht nicht nur einer der größten Schachspieler , sondern auch eine große Persönlichkeit und feinsinniger Mensch von der Bühne, der eine nicht zu schliessende Lücke hinterlässt. Ich wünsche ihm von Herzen eine tolle ,glückliche Zeit in der Zukunft, dass er sich in irgendeiner Form weiter verwirklicht und seine neuen Herausforderungen leben kann, aber davon bin ich überzeugt. Alles Gute Vlad!!!!

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