Frührentner gegen Edelzocker

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Veselin Topalow (Illustration:  Willum Morsch/@WillumTM)

Der Beste der Welt ist der Bulgare Veselin Topalow längst nicht mehr, aber er bleibt einer der spektakulärsten Spieler. Anlässlich des Superturniers im aserbaidschanischen Schamkir kam der im Halbruhestand befindliche Exweltmeister jetzt zurück – und wie.

Topalow ist am Brett ein Garant für Dynamik und Zweischneidiges. Wenn so einem Spieler der ähnlich gestrickte aserbaidschanische Edelzocker Shakh Mamedyarow gegenübersitzt, dann fliegen die Fetzen, dann werden Brücken abgebrochen. Das Duell der beiden in der vierten Runde enttäuschte nicht. Die erste Chance, einen Bauern für Angriff zu opfern, nutzte Topalow, und in diesem Stil ging es beiderseits weiter, bis die Partie ein abruptes, überraschendes Ende fand.

(Die kommentierte Partie zum Nachspielen ist Teil der BodenseeBase.)

Topalow, Veselin (2.749) – Mamedyarow, Shakhriyar (2.814)

Schamkir Chess 2018, 4. Runde

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Sxe4

Keine Überraschung. Der offene Spanier ist seit langem ein substanzieller Teil von Mamedyarows Schwarzrepertoire gegen 1.e4.

6. d4 b5 7. Lb3 d5 8. dxe5 Le6

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Die Grundstellung, in der Weiß zwischen einer Reihe plausibler Fortsetzungen wählen kann. Die Struktur zeigt schon die generelle Idee beider Seiten an. Weiß wird seine Majorität am Königsflügel ins Rollen bringen wollen, Schwarz seine am Damenflügel.

Der Lb3 beißt auf Granit, er wird über c2 zurück ins Spiel kommen, zum Königsflügel schauen und den Se4 befragen, denn den will Weiß nicht dauerhaft in seiner Bretthälfte eingepflanzt sehen. Der Sc6 wird sich derweil meistens auf der Route c6-a5-c4 bewegen und seinen c7-Bauern mobil machen. Erforscht wird diese Stellung schon seit langem. Unter anderem die Herren Zukertort und Blackburne hatten sie 1887 auf dem Brett.

9. Le3 Le7 10. c3 O-O 11. Sbd2 Sxd2 12. Dxd2 Sa5 13. Lc2 Sc4 14. Dd3 g6

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15. Lh6

Eine offene Frage nach der Partie ist, ob Mamedyarows Vorbereitung gegriffen hat oder nach hinten losging. Einerseits sagte der Lokalmatador, dass er 15.Lc1 für den Hauptzug hält, obwohl die Ergebnisse im Nah- und Fernschach deutlich für 15.Lh6 sprechen. Andererseits wird der Weltranglistenzweite sich auch in der Folge an maschinelle Empfehlungen halten, was dafür spricht, dass er die Variante daheim angeschaut hatte. So oder so, es ist kaum Topalows Stil, kleinmütig einen Bauern zu decken, wenn er ihn opfern und dafür Initiative bekommen kann.

Neu ist diese Chose jedenfalls nicht. Schon in der Partie Yates-Gunsberg 1914 geschah 15.Lh6.

15… Sxb2

Nimmt die Herausforderung an.

(15… Te8 ist die Alternative, die den Turm rettet, ohne den Springer ins Abseits zu manövrieren.)

16. De2

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16… Te8

„Komm doch“, sagt Schwarz und schickt sich an, den Mehrbauern zu behalten.

(16… c5 schlug Topalow nach der Partie vor. Für die Qualität bekommt Schwarz das Läuferpaar und eine mobile Bauernmasse im Zentrum/am Damenflügel. 17. Lxg6 fxg6 18. Lxf8 Dxf8 19. Dxb2 mit Kompensation laut Topalow.)

17. Sd4

Logisch. Der f-Bauer muss marschieren.

(17. Lxg6?! hxg6 18. Dxb2 würde den Bauern zurückgewinnen, aber jede Initiative aufgeben und die Koordination noch dazu.)

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17… Ld7

Klar der beste Zug nach Engine-Einschätzung und ein deutliches Indiz, dass Mamedyarov an dieser Stelle noch wusste, was er tat. Schwarz will den weißfeldrigen Läufer auf dem Brett behalten, …c5 mit Tempo spielen und den Springer rausschmeißen.

(17… Nc4 spielte Schachfreund Gunsberg vor über 100 Jahren und wurde ziemlich bald am Königsflügel überrollt.)

18. f4

Jetzt noch f5, dann e6, dann mattsetzen. Aber beim Schach wird abwechselnd gezogen.

18… c5 19. Sf3

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Der Plan f4-f5 und e5-e6 bleibt auf der Agenda, aber ohne Unterstützung von einem Springer auf d4 muss sich Weiß kurzfristig andere Ziele suchen.

19…Db6 20. Df2 d4

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Greift der Gegner am Flügel an, gehe im Zentrum vor, heißt es.

21. Lg5

Weiß findet neue Ziele: die schwarzen Felder rund um den schwarzen König sind anfällig, und das wird Topalow in der Folge betonen. Allerdings um den Preis eines weiteren Bauern.

21… dxc3 

Spätestens jetzt ist offensichtlich, wie sehr die Partie auf des Messers Schneide steht. Entweder der weiße Angriff schlägt durch, oder Schwarz gewinnt mit vier gegen einen Bauern am Damenflügel.

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22. Dh4

(22. Lxe7 Txe7 hatten beide Spieler erwogen. Mamedyarow sah, dass nach 23. Sg5 (23. f5 war eine Alternative, die Topalow erwogen hatte, aber er schätzte richtig ein, dass dem weißen Angriff die Kraft fehlt.) 23… f5 24. Lb3+ Kg7 Weiß nicht recht weiterkommt. Der Einschlag 25. Nxh7 sieht verlockend aus, führt aber zu nichts. Schwarz steht besser.)

22… c4+ 23. Kh1 Lf8!

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Ein starker Verteidigungszug zur rechten Zeit. Schwarz hält den Hüter seiner schwarzen Felder auf dem Brett, während der Lg5 nun in erster Linie dem Springer im Wege steht, der gerne zur Unterstützung herbeeilen würde.

24. f5 Sd3

Bringt den Sb2 zurück ins Spiel und, wichtiger, schließt den Lc2 vom Angriff
aus. Weiß kommt nur mit der Brechstange weiter.

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25. e6! Lxe6!

Nur so! Schwarz hat so viele weiße Bauern eingesammelt, dass er guten Gewissens eine Figur ins Geschäft stecken kann, um den weißen Angriff zu stoppen.

(25… fxe6? 26. fxg6 könnte Schwarz nicht überleben.)

26. fxe6 Txe6

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27. Tad1

Konkret geht es nicht weiter, also kommt die einzige unbeschäftigte Figur ins
Spiel.

(27. Sd4 nebst 28.Txf7 hatte Topalow geplant, aber gerade rechtzeitig fiel ihm auf, dass 27…Td6 dem Schwarzen das entscheidende Tempo gewinnt. Der Springer muss ziehen, weil 28. Txf7 h6 zu einer schwarzen Gewinnstellung führt.)

27… Tae8

Gibt noch einen Bauern zurück, um maximal zu mobilisieren.

28. Lxd3 cxd3 29. Txd3

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Das Schlachtgetümmel hat sich ein wenig gelichtet. Die weiße Angriffswelle hat der Schwarze abgewehrt und kann nun danach trachten, selbst aktiv zu werden.

29… Te4?!

Scheinaktivität, die womöglich schon den Vorteil verschenkt.

{Er hätte sofort am Damenflügel loslaufen sollen. Nach 29… b4 30. Ld8 Db5 31. Sg5 h6 scheitert 32. Sxe6 Dxd3 33. Df6 an 33…Qxf1+! 34. Qxf1 Rxe6 und Schwarz sollte trotz Minusdame gewinnen. Mamedyarow sah diese Variante, sah aber auch, dass Weiß im 32. Zug eine Reihe anderer Möglichkeiten hat.)

30. Lf4!

Sich in eine Fesselung zu begeben, sieht heikel aus, aber in erster Linie hat Weiß jetzt endlich die Option Sg5 zur Verfügung.

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30…Le7

Spielt weiter auf Gewinn, hält die Stellung unklar.

(30… h6 31. Txc3 g5 32. Sxg5 hxg5 33. Dxg5+ ist ausgeglichen.)

31. Dg3 b4 32. Sg5 Lxg5 33. Lxg5 De6 34. h3

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Ein Luftloch kann nicht schaden angesichts des Umstands, dass Schwarz jetzt und in der Zukunft beliebig …Te1 ziehen kann.

Was ist nun der Plan für Schwarz, welches die beste Materialkonfiguration auf dem Brett? Mamedyarow entschied sich, die Damen herauszutauschen, und das mag ein Schritt in die falsche Richtung gewesen sein. Ab hier beginnt Schwarz zu driften.

34…De5?!

Aufs Brett kam der Zug nie, aber die weiße Option Td7 ist stets eine starke Drohung. Mit einer Dame auf e6 wäre auf der siebten Reihe nie etwas angebrannt.

(In aller Ruhe 34… a5 war möglich. Für den Moment droht Weiß nichts, aber je weiter die schwarzen Bauern am Damenflügel marschieren, desto dringender muss Weiß Spiel organisieren.)

(34… Dxa2? geht nicht. Nach 35. Td7 steht Weiß auf Gewinn.)

35. Kh2 Dxg3+ 36. Kxg3

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Die Drohung Td7 bleibt überaus lästig, und sie veranlasste Schwarz zu drastischen Maßnahmen.

36…h6

(36… Te1 37. Txe1 Txe1 38. Lf6 Te8 fühlt sich nicht schön an für Schwarz, aber hält wahrscheinlich. Schwarz wird darauf abzielen, dass er am Ende ein Endspiel T vs. T+L erreicht.)

37. Lxh6 Te1 38. Tf6 T1e6 39. Tf2 Te2 40. Td5 Txf2 41. Kxf2 f6 42. Le3

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Nach der Zeitkontrolle steht plötzlich ein Endspiel auf dem Brett, in dem Schwarz nicht weiterkommt und in der Folge vor allem zuschauen wird, wie der Weiße seine Mehrbauern nach und nach einsammelt. Gleichwohl kam Mamedyarows Resignation sehr früh. Wahrscheinlich wollte er einfach nur, dass es vorbei ist, nachdem ihm die Partie in den vergangenen Zügen so arg entglitten war.

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