DSB-Kongress: der 14-Euro-Chor, der Weihnachtsmann und eine “saubere Lösung”

Der Jahresbeitrag von Vereinsspielerinnen und -spielern an den DSB steigt ein weiteres Mal, von 10 über 13 auf jetzt 14 Euro. Das hat der außerordentliche DSB-Kongress am 11. Mai mit knapper Mehrheit beschlossen. Eine Reihe von Delegierten hatte eindringlich appelliert, den Beitrag zu erhöhen, um die finanzielle Not zu mildern. Die ebenfalls beantragte Umlage von 1 Euro wurde abgelehnt.

Seit zwei Jahren ist es beschlossen, jetzt bekam Ulrich Stock den Deutschen Schachpreis.

Warum das DSB-Präsidium im ersten Jahr seiner Tätigkeit keine wahrnehmbaren Versuche gezeigt hat, Erträge zu generieren, kam allenfalls am Rande zur Sprache. Trotz seiner finanziellen Not verschenkt der DSB FIDE-Identifikationsnummern an Vereinslose, verkauft keine DWZ-Lizenzen an Vereinslose, wirbt nicht um Spenden und kaum um Sponsoren. Alle seine Leistungen hat der Verband derweil auf ein Minimum zusammengestrichen. Am härtesten betroffen sind die Kader, diejenigen der 95.000, die am besten spielen können.

Vereinsspielerinnen und -spieler, die ab sofort mehr Beitrag zahlen als zuvor, können dieses Jahr und wahrscheinlich künftig das Abstimmungsverhalten ihrer Kongressvertreter:innen nicht mehr einsehen. Auf Anregung des Präsidiums stimmt der DSB-Kongress fortan generell geheim ab (mehr dazu weiter unten).

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Die Debatte um den höheren Beitrag entspann sich zwischen zwei etwa gleich starken Lagern, die beide in Extremen schwelgten, anstatt sich konstruktiv der Perspektive ihres Spitzenverbands anzunehmen. Auf der einen Seite sah Bayern-Chef Peter Eberl im Erhöhungsantrag eine „Weihnachtswunschliste“, Niedersachsen-Chef Michael S. Langer identifizierte eine „Vollversorgungsmentalität“. Auf der Gegenseite ertönte ein Kanon von Klageliedern über radikal gestrichene Förderung, Etats und Projekte, über das Fehlen von Handlungsfähigkeit und Gestaltungsspielraum, über den „Rasenmäher“, den das Präsidium über alles habe fahren lassen, was Geld kostet.

Aufzeichnung des Kongresses.

Eine Nummer kleiner wäre auf beiden Seiten angemessen gewesen. Weder lässt sich mit 14 Euro ein schönes Weihnachtsgeschenk kaufen, noch war die Lage auf dem prekären Stand von 2023/24 eingefroren.

Als über 200.000 Euro schwerer Kostenmühlstein hängt dem DSB nur in diesem Jahr das aus dem Ruder gelaufene IT-Projekt um den Hals. Für die viel teurer als geplant ausgefallenen EDV-Einkäufe werden auch in kommenden Jahren Zahlungen fällig, aber schon 2025 laut DSB-Planung „nur noch“ gut 56.000 Euro.

Wie viel genau das Jahr für Jahr abzuzahlende IT-Abenteuer bis 2027 kosten wird, lässt sich zumindest anhand vom DSB veröffentlichter Unterlagen nicht beziffern. Vielleicht kommen wir mit 400.000 Euro aus (statt der ursprünglich angepeilten 100.000), vielleicht schlagen wir in der Nähe von 500.000 auf. Sicher ist, der größte Einmalbatzen wird Ende 2024 bezahlt sein.

Deswegen wäre 2025 auch bei 13 Euro Beitrag ein sechsstelliger Betrag frei geworden und die Not gelindert. Dank Erhöhung kommen jetzt noch einmal rund 70.000 Euro Beitragseinnahmen dazu.

Ein Gleichstellungsbericht sollte als Basis für alles Weitere eine empirische Bestandsaufnahme beinhalten. Er sollte nicht allein daraus bestehen.

Als ob sie die Diagnose „Vollversorgungsmentalität“ rechtfertigen wollten, stimmten zwei Altgediente in den Chor der 14-Euro-Sänger ein. Herbert Bastian, ehemaliger DSB-Präsident mit Faible fürs Mäzenatentum, verwies auf das nahende 150-jährige Jubiläum, das wir doch bitte schön feiern wollen. Klaus Deventer, ehemaliger Vizepräsident und Anti-Cheating-Chef, verwies auf den zuletzt zweimal ausgefallenen Schachgipfel, den wir doch bitte etablieren wollen.

Bastian hätten erläutern können, dass ein großes Jubiläum der klassische Anlass schlechthin ist, sich einen Sponsor zu suchen. Der könnte als DSB-Partner bei allen Veranstaltungen, Initiativen und Veröffentlichungen rund ums Jubiläum sichtbar sein. Deventer hätte erläutern können, dass der Schachgipfel als Produkt konzipiert war und als solches einen Neustart verdient (aber diesmal richtig, ohne Scheinwelt, ohne Fantasiezahlen, mit akquirierten Sponsoren anstatt mit erfundenen). Mit ihrer vereinten Gravitas hätten die beiden verdienten Funktionäre das Präsidium und den Kongress mit einem einfachen, aber beim organisierten Schach kaum bekannten Konzept vertraut machen können:

Die uns anvertrauten Beiträge sind das letzte Mittel, um etwas zu bezahlen.

Stattdessen suggerierten beide das Gegenteil, statt Aufbruch gab es klassische Funktionärsdenke: Bastian und Deventer plädierten mit dem 14-Euro-Chor für eine neuerliche Beitragserhöhung, damit wir Jubiläum und Gipfel mit dem Geld der Vereinsspielerinnen und -spieler ausrichten können.

Die neuere Geschichte der DSB-Kongresse und ihres Versagens lässt sich unter anderem an den verkorksten Prioritäten vieler Delegierter festmachen. Wo sich Abgründe auftun, wollen sie es nicht genau wissen, und wo es nicht viel zu sehen gibt, zählen sie Erbsen. Womöglich markiert der Kongress 2024 zumindest in dieser Hinsicht eine Wende zum Erträglichen.

Ob 13- oder 14-Euro-Befürworter, eine Mehrheit der Anwesenden fand den Vortrag des Präsidiums unzureichend und dünn. Die Delegierten wollen künftig genauer wissen, was die DSB-Spitze wofür ausgeben will, was unterm Strich steht, was der Plan ist. Transparenz und Nachvollziehbarkeit nicht nur auf dem Papier, auch bei Rede und Antwort sind fürs nächste Mal eingefordert.

An einem Tag, an dem viel über Geld geredet wurde, wollte Andreas Jagodzinsky einmal mehr erörtern, ob die mutmaßlich fünfstellige Abfindung des DSB an Marcus Fenner so stehen bleiben soll. Ergebnis: Sie soll.

Schwer erträglich, nicht nur für die hessische Delegierte Friederike Tampe, war die neuerliche Debatte um offene vs. geheime Abstimmung, die den Kongress eröffnete. Bis Samstag, 11. Mai 2024, galt, dass im DSB-Kongress offen und namentlich abgestimmt wird – oder geheim, wenn das jemand explizit beantragt.

Für beide Optionen gibt es Gründe, für die erste zwei sehr gute: Transparenz gegenüber denjenigen, die die/der Delegierte vertritt, und Verantwortung für Entscheidungen. Wer mit seinem Namen für seine Entscheidung stehen muss, der wird bemüht sein, eine gute, informierte Entscheidung zu treffen. Wer seine Mitglieder über sein Abstimmungsverhalten informieren muss, der auch.

Unter Umständen sind geheime Abstimmungen angezeigt: wenn Beeinflussung oder Druck im Raum stehen.

Ohnehin schleppt der DSB-Kongress in Sachen Abstimmungsverhalten eine Geschichte mit sich herum, die ein limitiertes Demokratieverständnis spiegelt. Allzu oft gab es in vergangenen Jahren geheime Abstimmungen aus dem einzigen Grund, jemanden Missliebiges abwählen oder anzählen zu können, ohne namentlich dafür stehen zu müssen. Wer den führenden Spezialisten in dieser Disziplin sucht, schaue sich an der Spitze des Landesverbands NRW um.

Wenn es nach Ingrid Lauterbach und Guido Springer geht, muss beim DSB künftig niemand mehr mit seinem Namen für seine Entscheidungen stehen. In der Sache, generell geheim abzustimmen, sind sich die Präsidentin und ihr Vize einig.

Ihre Begründungen unterscheiden sich. Ingrid Lauterbach führte „Datenschutz“ an. In dieser Hinsicht seien geheime Abstimmungen eine „saubere Lösung“. Bedenken anderer Natur ließ sie nicht durchblicken.

Der Zusammenhang zwischen Datenschutz und Abstimmungsverhalten erschloss sich nicht allen Beteiligten und Beobachtern.

Guido Springer stört, dass die Delegierten eines öffentlichen Kongresses dauerhaft mit ihrem Namen für ihre Entscheidungen stehen müssen. Er fürchtet „Diffamierung“ und kündigte an, zu jeder der kommenden Abstimmungen „geheim“ zu beantragen, sollte das nötig sein. Der Kongress fügte sich.

Wer wissen möchte, wie seine oder ihre Vertreter im Kongress abgestimmt haben, guckt künftig in die Röhre.

Neben der bestimmenden Debatte um die Beitragserhöhung verbrachte der DSB-Kongress einen wesentlichen Teil der Sitzung damit, Papier zu produzieren: Es gibt jetzt eine Mitgliederverwaltungsordnung und zwei neu gefasste Turnierordnungen. Eine Deutsche Meisterschaft der Frauen (die diesen Namen verdient) gibt es weiterhin nicht. Niemand hatte beantragt, sie einzuführen.

Nach dem Kongress ist vor dem Kongress. Erst kommt der Hauptausschuss, wahrscheinlich im November, und in einem Jahr ist wieder Wahl beim DSB. Schon jetzt ist nicht zu übersehen, dass Leute zumindest sondieren, sich vielleicht schon in Stellung bringen. Wer 2025 gewählt wird, führt die Schachverwaltung ins 150-Jährige.

“Jeder liest Perlen, nicht jeder findet sie gut”:
Thorsten Cmiel zum Kongress

“Züge von Selbstbedienung”:
Kongressbericht Niedersachsen

“Präsidium sagt die Unwahrheit”:
Kongressbericht Berlin

(Titelfoto via DSB)

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Uwe Böhm
Uwe Böhm
7 Tage zuvor

Zunächst wäre einmal festzustellen, welche Aufgaben der DSB unbedingt erfüllen soll und was das dann kostet. Das ist dann grundsätzlich über die Mitgliedsbeiträge zu finanzieren und nicht über einen Sponsor. Wenn der abspringen sollte, dann hätte man ansonsten ein Problem. Sicherlich kann man Dinge auch kritisch betrachten. Ein Beispiel ist die Bestellung von FIDE-IDs für Vereinslose auf Verbandskosten. Das muss sicher nicht sein. Wenn aber jemand selbst dafür bezahlt hat und dann in einem Verein Mitglied wird, so sollte demjenigen der Betrag zurückerstattet werden. Was soll denn die Vermarktung der DWZ an Vereinslose sein? Wer zahlt denn dafür? Was soll… Weiterlesen »