Europameisterschaft: die Wand stand

Der unter Beobachtern verbreitete Terminus “Beton-Dieter” ist noch nicht in der deutschen Nationalmannschaft angekommen. Rasmus Svane offenbarte jetzt nach dem 3:1-Auftaktsieg über die Slowakei, was die Großmeisterkollegen sagen: “die Wand”. Auch das ein schönes Bild: Liviu Dieter Nisipeanu, die Wand, von der alles abprallt, was die Gegner werfen.

Das Match gegen die Slowakei lief nicht nicht lange, da sahen Nisipeanus Mitspieler mit Sorge, dass die Wand am ersten Brett Risse bekommen hatte. Nisipeanu steckte in Schwierigkeiten, er landete bald in einem Endspiel mit Minusbauer, in dem es einzig darum ging, den halben Punkt zu retten. Aber das gelang. Der slowakische Großmeister Jergus Pechak klopfte und ruckelte, aber ihm fehlte der Vorschlaghammer, der die deutsche Wand hätte einreißen können.

Die Wand stand: Jergus Pechak (l.) versus Liviu Dieter Nisipeanu. | Foto via Schachbund

Nicht alles lief glatt am ersten Spieltag der Europameisterschaft, aber letztlich stimmten die Ergebnisse. 3:1 für die Herren gegen die Slowakei, 3:1 für die Damen gegen die Schweiz. Für die Herren dürfte es heute gegen Dänemark deutlich schwieriger werden, die Damen werden gegen Norwegen als nominell klare Favoritinnen ins Match gehen. Bei den Herren steigt jetzt Vincent Keymer in den Wettbewerb ein, bei den Damen wird erstmals Elisabeth Pähtz das erste Brett besetzen. Um 15 Uhr geht’s los.

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Eigentlich war Nisipeanus Eröffnung sogar gut gelaufen. Nach der unscheinbar aussehenden Fast-Neuerung 8…h6, das dem weißen Läufer den Weg nach g5 versperrt, war die Maschine zunehmend einverstanden mit dem schwarzen Spiel. Spätestens als dann das plausibel aussehende, aber konkret anrüchige 17…a5?! auf dem Brett stand, war sie es nicht mehr. Gleichwohl, auch mit Mehrbauern kam Weiß nie in die Nähe gewinnträchtigen Vorteils. Am Ende hatte gar Schwarz trotz des Materialdefizits wieder das Heft in der Hand.

An den andere Brettern lief es recht glatt. Alexander Donchenko verwaltete erst eine für ihn günstige Isolani-Stellung, transformierte dann die Struktur weiter zu seinen Gunsten, und spätestens als 27.Dg4 auf dem Brett stand, bedurfte es seitens der Beobachter keiner maschinellen Hilfe mehr, um zu sehen, dass sich nun bei Schwarz Material verabschieden sollte und die Dinge ihren immer günstigeren Gang gehen werden.

Auch Matthias Blübaums Franzose lief gut. Wie unlängst bei der Europameisterschaft bekam er wieder ein günstiges Endspiel mit Druck gegen die weiße Damenflügelmajorität aufs Brett, auch wenn es dieses Mal nicht zum vollen Punkt reichte. Den allerdings machte Rasmus Svane, dessen Gegner schlicht versäumte, sich zu wehren. Und nur auf drei Reihen herumzustehen, bringt selten den halben Punkt.

Ähnlich wie bei den Herren begann das Match der Damen als Zitterpartie. Hanna Marie Klek am zweiten Brett war die Eröffnung misslungen, es drohte eine Null, und die drei Kolleginnen standen unter dem Druck, die zum Mannschaftssieg nötigen 2,5 Punkte einzusammeln.

Auch das gelang, es wurden sogar drei Punkte. Jana Schneider am dritten Brett überspielte ihre Gegnerin strategisch, dann setzte sie ein hübsches taktisches Finale obendrauf:

Bei Melanie Lubbe hatte sich angesichts entgegengesetzer Rochaden und eines früh vorpreschenden weißen h-Bauern ein Hauen und Stechen angekündigt. Letztlich haute und stach nur die Deutsche, auch hier gekrönt von einem feinen taktischen Ausheber:

Am Ende bewies Josefine Heinemann, dass sie am ersten Brett Elisabeth Pähtz trefflich zu vertreten vermag. Für eine saubere Partie belohnte sie sich mit einem ganzen Punkt, der den letztlich deutlichen 3:1-Sieg sicherstellte.

Speziell den Herren steht heute ein erstes echtes Kräftemessen bevor. Auf dänischer Seite werden vier veritable Großmeister sitzen, darunter der dänische Wunderknabe Jonas Buhl Bjerre, auf dem im hohen Norden ähnliche Erwartungen lasten wie hierzulande demjenigen, der ihm heute gegenübersitzt.

Vincent Keymer kann sich bei seinem Nebenmann Alexander Donchenko erkundigen, was zu tun ist, um gegen Bjerre mit den weißen Steinen gewinnträchtigen Vorteil herauszuspielen. Donchenko hat das gerade erst beim Grand Swiss demonstriert:

Bericht zum EM-Auftakt beim Schachbund

(Titelfoto: Arne Jachmann/DSB)

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