Bruder Leichtfuß erstickt

Je näher wir dem Ende kommen, desto mehr müssen die anderen hoffen, dass Ian Nepomniachtchi doch noch einen Bruder-Leichtfuß-Rückfall erleidet. Aber davon war auch in der elften Runde nichts zu sehen. Nepo hat die Partie knallhart früh beendet. „Heute spielen wir nicht“, war die Ansage, die Fabiano Caruana aus Nepos Zügen herauslesen konnte.

Wer mit Weiß auf der ganz sicheren Seite sein will, der spielt wie Nepo schottisches Vierspringerspiel. Schwarz hat dann kaum Möglichkeiten, einer symmetrischen Stellung auszuweichen. Er kann zwar statt 7…d5 etwas mit …Te8 und …d6 versuchen, dann bleiben Figuren auf dem Brett, aber du stehst halt ein bisschen schlechter.

Und freiwillig schlechter stehen, ist ein Risiko: Wenn das schiefgeht, kassierst du eine Null und bist raus. Caruana hat ja nach der Partie gesagt, dass er die Zeit für derartiges Risiko noch nicht gekommen sieht. Aber dann muss er halt damit leben, dass Weiß jegliche schwarzen Versuche, eine Partie zu bekommen, erstickt. Aus Nepos Perspektive fand ich das professionell.

Ruslan Ponomariov ist neben Rustam Kasimdzhanov ein weiterer der Spieler, die fürs Rundenturnier in Dortmund im Juli zugesagt haben.

Persönlich mag ich allerdings nicht besonders, was Nepo gespielt hab. Deswegen habe ich noch in der Eröffnung diesen Tweet abgesetzt, der natürlich nicht ganz ernst gemeint war. Aber das Abspiel kann, wenn sich nicht gerade 2800er gegenübersitzen, tatsächlich für Weiß gefährlich werden. Weiß hat ja f3 gezogen, dadurch steht er ein bisschen locker, und wenn er sich noch ein, zwei Schlampigkeiten erlaubt, dann wird es plötzlich unangenehm.

Als ich getweetet habe „Caruana gewinnt“, dachte ich, dass mir schon niemand daraus einen Strick dreht, sollte er nicht gewinnen. Aber hätte er gewonnen, dann hätte ich an dem Tag eine Menge Spaß auf Twitter gehabt. So, wie es gelaufen ist, hatte ich den Spaß eher für mich: Caruana hat mit 9…Lg4 genauso gespielt, wie ich es in meinem „Fight like Caruana“-Repertoire empfohlen habe – bevor er jemals 9…Lg4 gespielt hatte. Weil es in einigen Varianten noch keine Caruana-Partien gab, musste ich fürs Repertoire etwas herauspicken, das er wahrscheinlich spielen würde. Bei 9…Lg4 habe ich richtig gelegen.

Giris Sieg war vielleicht die Partie des Spieltags, und sein Figurenopfer 23.Se4 ein besonderer Moment. Er hat das für so eine Entscheidung zügig gespielt, vier Minuten. Ding hatte zuvor 27 Minuten in 22…b6 investiert. Wahrscheinlich hat Giri während dieser Zeit schon ausgerechnet, wie er darauf reagiert.  

Anish Giri entwickelt sich in bemerkenswerter Weise. Diese Remis-Geschichte war natürlich immer heillos übertrieben. Man kann jetzt regelmäßig sehen, dass Giri alles andere als langweilig spielt. Und wenn es dann noch so schön funktioniert – gut für ihn. Ein WM-Match Giri-Carlsen wäre natürlich ein Tweet-Fest.

Fotocollage: Franz Jittenmeier

Für Amateure mag die Eröffnung ein wenig mysteriös erscheinen: Weiß zieht er Lb5-a4, zwei Züge später zieht er La4xc6. Und Schwarz entwickelt seinen Läufer erst nach e7, zwei Züge später fährt er ihn von e7 nach d6.

Der Hintergrund des weißen Manövers ist, dass er mit 6.Lxc6 in eine Art spanische Abtauschvariante anbietet, nachdem die schwarzen Figuren für die Abtauschvariante falsch stehen. Schwarz will dort seinen Läufer eher nicht auf e7 und seinen Springer nicht auf f6 stehen haben, deswegen der verzögerte Abtausch. Und deswegen auch der verzögerte Läuferzug nach d6. Dort steht der Läufer besser, nachdem Weiß auf c6 getauscht hat.

Danach ist es dann doch keine typische Abtauschvariante, in der Weiß ja in aller Regel d2-d4 zieht und auf seine Bauernmajorität am Königsflügel setzt. Weiß spielt stattdessen mit d3 (selten kann in dieser Struktur auch c2-c3 nebst d3-d4 eine Idee sein) und zielt dann meistens auf den einzigen Hebel, den er hat: f2-f4. Dagegen ist der schwarze Läufer auf d6 goldrichtig aufgestellt.

Abseits davon spielt Schwarz auf Kontrolle des Feldes d4. Idealerweise kommt er noch zu …c6-c5, dann …Sf6-d7-b8-c6 oder …Sf6-d7-f8-e6. Der Springer muss mit den schwarzen Feldern verbunden werden. Die Stellung ist verwandt mit einigen Rossolimo-Sizilianern, in der beide Seiten auf sehr wenige Hebel reduziert sind. Eigentlich spielt Schwarz dieses Springermanöver vor …Ld6. Das so früh zu ziehen wie Ding, ist ungewöhnlich.

Nicht alltäglich war auch das weiße Vorgehen, mit Sb3-a5 die schwarze lange Rochade zu provozieren. Vielleicht war das eines dieser kleinen Konzepte, die du brauchst, um auf diesem Level etwas zu erreichen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Anish Giri diesen Nadelstich schon vor der Partie für derartige Strukturen zurechtgelegt hatte.

Für Anish Giri wird jetzt seine Niederlage in der ersten Runde gegen Nepo immer bitterer. Zwar steht er der Tabelle nach einen halben Punkt hinter Nepo, aber effektiv ist es eben doch ein Punkt wegen der schlechteren Wertung. Im Prinzip muss Giri mit 2,5 Punkten aus 3 Partien abschließen, wenn er Nepo noch überholen will – das Ausbleiben eines Bruder-Leichtfuß-Rückfalls auf Seiten von Nepo vorausgesetzt.

Und vorausgesetzt, dass er am heutigen Samstag mit Schwarz gegen Caruana überlebt. Für Fabi gibt es jetzt keine Ausreden mehr, er muss seine Weißpartie gewinnen. An der Stelle stehen wir vor der Frage, was er eigentlich gegen Giris Sveshnikov machen will. Ob seine WM-Vorbereitung auf Magnus Carlsen 2018 noch etwas hergibt, das er jetzt benutzen kann?

Interessante Eröffnung in Grischuk-MVL. Was Schwarz dagegen spielt, …Lh6, sieht merkwürdig aus, aber ist wohl die beste Antwort, die einzige, die zu einer objektiv ausgeglichenen Stellung führt, in der aber eine Menge passieren kann. Insofern eine spannende Eröffnungswahl von Grischuk, die zu einer wilden Stellung geführt hat.

Seitdem Carlsen das System 2018 gegen Wojtaszek gespielt hat (kommentierte Partie hier und in der BodenseeBase), gibt es sogar ein wenig Theorie dazu – und ein Buch darüber, das der Autor Carsten Hansen „The Carlsen Variation“ genannt hat, obwohl Magnus das nur ein Mal gespielt hat. Cleveres Marketing. In dieser Hinsicht bin ich allerdings auch nicht ganz unschuldig, auch von mir gibt es ein „The Magnus Sicilian“ – Magnus Carlsens Sizilianisch-Repertoire aus der schwarzen Perspektive.

Beide wollten das Brett anzünden

Mit Carsten Hansen hatte ich vor einiger Zeit ein gemeinsames Projekt. Bei der Gelegenheit hat er mit davon erzählt, dass er an einem Sizilianisch-Buch über diese Variante arbeitet. Deswegen hatte ich auf der Agenda, dass Schwarz dieses auf den ersten Blick etwas krumm aussehende 6…Lh6 spielen muss.

Vielleicht bestand eine Art unausgesprochene Übereinkunft zwischen Grischuk und MVL: Ein Remis hätte beide Spieler nicht weitergebracht, also haben beide gemeinschaftlich versucht, das Brett anzuzünden. So konnte nicht passieren, was in Hauptvarianten gelegentlich passiert: Du musst am Ende der Theorie remis machen, weil es sich so zugespitzt hat, dass nichts anderes bleibt.

Generell finde ich dieses Dxd4-Abspiel als Überraschungswaffe empfehlenswert für Weiß, speziell auf Amateurlevel, wo eine gute Chance besteht, dass der Schwarze das noch nie gesehen hat. Schwarz hat natürlich andere Antworten als 2…d6, aber Najdorf-Spieler haben das nicht, sie sind Ziele für diese Variante. Wer Najdorf will, muss wie MVL 2…d6 oder 2…a6 spielen, sonst wirst du „gemoveordert“.

Tabellenstand nach 11 Runden via chess.com
Paarungen der 12. Runde via chess24

Am heutigen Samstag geht es um 13 Uhr mit der 12. Runde weiter. Liveübertragung hier.


Spätestens mit seiner Zusammenarbeit mit Magnus Carlsen und dessen Sekundant Peter Heine Nielsen avancierte IM Christof Sielecki zu einem der renommiertesten Schachautoren weltweit. Anfang dieser Woche erschien auf Chessable Sieleckis neuestes Werk über die Pirc-Verteidigung. Exklusiv für die Perlen vom Bodensee begleitet Sielecki das Kandidatenturnier in Jekaterinburg.

Fianchetto am Damenflügel, dann lang rochieren: die „Carlsen-Variante gegen Sizilianisch ist eine schöne Waffe, um arglose Schwarzspieler aus dem Konzept zu bringen.

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