Auf Augenhöhe mit der Weltklasse? Matthias Blübaums Kaltstart

Kein guter Start für Matthias Blübaum gegen „Iceman“ Nikita Vitiugov. Der deutsche Großmeister hatte sich vor dem Grenke-Turnier eine fast vierteljährliche Auszeit gegönnt, um ordentlich vorbereitet in die Duelle mit den Weltbesten zu gehen.

Ordentlich vorbereitet war er, das werden wir später sehen, aber aufgewärmt war er nicht. Blübaum legte einen klassischen Kaltstart hin.

Blübaum, Matthias (2.616) – Vitiugov, Nikita (2.735)
GrenkeChess Karlsruhe, 31. März 2018

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 Sf6 4. e3 Lf5 5. Sc3 e6 6. Sh4 Lg6 7. Bd2 Nbd7 8. Sxg6
hxg6 9. c5

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Ím Beitrag „Was sind eigentlich hässliche Züge?“ haben wir neulich unseren Schachfreund Arno fürchterlich gescholten, weil der in einer ähnlichen Stellung seinen c-Bauern vorschnellen ließ und sich damit jeglichen Spiels beraubte.

Hier ist c4-c5 ungewöhnlich, aber zu rechtfertigen. Weiß muss dem Schwarzen jetzt allerdings sehr schnell per b2-b4-b5(xc6) auf dem Damenflügel eine Schwäche andrehen, gegen die er spielen kann.

Üblich ist das weiße Konzept eher mit der Zugfolge 7.Sxg6 nebst 8.Tb1, danach c4-c5 und b2-b4. Man könnte argumentieren, dass Tb1 in Verbindung mit dem sofortigen Vormarsch am Damenflügel mehr Sinn ergibt als Ld2.

9…e5 10. b4 Le7 11. b5 O-O 12. Da4?

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Ein paar Minuten gespielt, und schon ein ernsthafter Fehler. Im Prinzip ist es richtig, gegen c6 zu drücken, aber Weiß öffnet sich für taktische Tricks, die darauf beruhen, dass er seinen König nicht so leicht aus dem Zentrum bekommt.

12… Te8?!

Richtige Idee, falsche Ausführung. Jetzt hat Weiß Zeit, die e-Linie zu schließen und einen König in Sicherheit zu bringen. Dennoch, die Initiative ist schon an Schwarz übergegangen.

(Nach 12… exd4 13. exd4 Lxc5! bekommt Weiß die offene e-Linie bitter zu spüren. Schwarz hat gewaltigen Angriff für die geopferte Figur.)

13. bxc6 bxc6 14. Le2 exd4 15. exd4 Sxc5! 16. dxc5 d4

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17. O-O

Die pragmatische und beste Entscheidung, die Figur zurückzugeben und den
König von der brandgefährlichen e-Linie zu holen.

(Sich an das Materialplus zu klammern, führt nach 17. Sd1 Lxc5 18. Kf1 Txe2! 19. Kxe2 Qe7+ 20. Kf1 Re8 zu unwiderstehlichem schwarzen Angriff.)

17… dxc3 18. Lxc3 Lxc5 19. Lf3 Tc8 20. Lxc6 Te2 21. Lf3?!

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Nach menschlichen Maßstäben der logische Zug, der der weißen Stellung ein wenig Stabilität zu geben scheint, indem er zumindest einen der wackeligen Läufer von der c-Linie nimmt. Nur erlaubt 21.Lf3 dem Schwarzen eine weitere kleine Kombination, die Blübaum natürlich gesehen hat – aber nicht deren Fortsetzung …24…Se4!

21… Txf2 22. Txf2 Lxf2+ 23. Kxf2 Txc3 24. Dxa7

Wenn Schwarz jetzt keine Taktik hat, ist Weiß dem Remis ein gutes Stück näher gekommen.

24… Ne4+!

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Er hat aber eine. Die Hauptidee ist, dass nach 25.Lxe4 Tc7! …Df6+ und …Dd4+ nebst Turmgewinn drohen. Und doch war 25. Lxe4 die einzige Chance auf weiteren Widerstand.

25. Kg1? Ta3!

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Lenkt die Dame von der lebenswichtigen Diagonalen g1-a7 ab. Nach 26.Dxa3 folgt …Dd8-d4+ nebst ersticktem Matt.

Blübaum gab auf, war mit 0/1 gestartet, und in den nächsten beiden Partien würde er sich mit Weltmeister Magnus Carlsen und dessen Herausforderer Fabiano Caruana auseinandersetzen müssen. Statt einem Durchbruch in die erweiterte Weltspitze drohte dem hoffnungsvollsten deutschen Großmeister ein Desaster.

0-1

Ach ja, und wer nicht weiß, was ein ersticktes Matt ist und wie das geht, der möchte vielleicht in diesem Beitrag über Taktiktraining das beliebteste Matt-Motiv aller Schachschüler kennenlernen.

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