Der geheimnisvolle Schachdoktor

Ich bin Baujahr 1968. Das Match des Jahrhunderts habe ich also nicht verfolgt (verfolgen können). Sehr wohl aber habe ich davon etwas mitbekommen. Das war auch nicht schwierig. Im Gegenteil: Die WM und damit Schach waren in aller Munde.

Ich bekam nur mit, dass da ungeheuer kluge Leute etwas ungeheuer Wichtiges taten, und dass man das wohl Schach nennt. Das war erst einmal alles, denn in meiner Familie spielte niemand Schach.

In den Sommerferien fuhr ich mit den Großeltern in die Steiermark nach Riegersburg. Auf dem Gut der Familie Mader konnte ich nach Herzenslust toben und spielen. Jedenfalls bis es eines Tages hieß: Ab morgen musst du leise sein, dann kommt der Herr Doktor, der Schachspieler auf Ferien! Herrjeh: Doktor *und* Schachspieler! So jemand musste ja direkt nach Gott, auf jeden Fall noch vor Jesus kommen!

Die Nase am Fenster plattgedrückt

Der Herr Doktor kam, baute in der Sitzgruppe sein Schachbrett und seine Bücher auf, steckte sich eine Pfeife ins bärtige Gesicht, schaute lange und intensiv durch seine Brille mal auf das Brett, dann wieder in das Buch, und machte dann irgendwann irgendwelche sicher sehr bedeutsamen Bewegungen mit den Figuren. DAS also ist dieses Schach!

Helmut Pfleger, wie ihn der Karikaturist
Frank Stiefel sieht.

Ich verstand überhaupt nichts, war aber völlig fasziniert davon, wie dieser offenbar sehr wichtige Mensch (Sie wissen schon, Österreich: “Grüß Gott, Herr Doktor!”, “Bitte sehr, Herr Doktor!”, “Sehr wohl, Herr Doktor” …) sich stundenlang völlig in die kleinen Figürchen vertiefen konnte und drückte mir die Nase am Fenster platt, um ja nichts zu verpassen.

In späteren Jahren fuhr ich dann mit einer Jugendgruppe in die Ferien. Die hatten reichlich Spielmaterial im Gepäck, und dabei waren natürlich auch Schachspiele. Ich beobachtete wieder fasziniert, wie die älteren Jugendlichen und/oder Betreuer dort spielten: Irgendetwas Magisches musste von diesem Brett und den Figürchen ausgehen, denn die Spieler konnte stundenlang darin versinken, während um sie herum eine Horde Kinder tobte. Auch schienen die Figuren auf magische Art mit ihnen zu sprechen, denn die Spieler konnten die Figuren scheinbar stundenlang anschauen, ehe sie dann nur eine einzige Figuren ein wenig anders stellten, nur um sie dann wieder stundenlang an zu schauen.

Irgendwann traute ich mich und fragte, ob das sehr kompliziert sei. “Nein, soo kompliziert nun auch wieder nicht” hieß es, und jemand erklärte mir, wie man die Figuren bewegt! Ich saugte alles in mich auf und irgendwann spielte ich meine erste Partie – und war maßlos enttäuscht! Soo kompliziert war es nun wirklich nicht, die Figuren des anderen zu schlagen, geheimnisvoll war schon gar nichts. Und nachdem der Reiz des Neuen verflogen war, war es sogar, tja, langweilig!

Zugbegleiter Helmut Pfleger im TV, eingerahmt von Claus Spahn (l.) und Vlastimil Hort.

Schach war also nichts für mich, und ich vergaß es eigentlich schnell wieder. Dennoch, immer wenn ich irgendwo Schachspieler sah, kam die Faszination zurück: Ich erinnerte mich immer wieder an jenen Schach spielenden Doktor in Riegersburg, und wie magisch mich das alles in seinen Bann zog.

Irgendwann dann geschah es: Das TV lief im Hintergrund, und ich bekam nur auf einem halben Ohr mit, wie die Ansagerin (die gute alte Zeit) verkündete, dass nun ein Schachkurs für die ganze Familie von Großmeister Doktor Helmut Pfleger ausgestrahlt würde. Ich blickte auf, und meine Augen wurden noch größer: Der sieht ja so aus wie der geheimnisvolle Schach spielende Doktor in Riegersburg! Und nicht nur das: Er brachte mir im TV *Schach* bei.

Der wahre Praeceptor Germaniae

Zu meiner Verblüffung bestand das Spiel nämlich gar daraus, die Figuren des anderen zu schlagen, sondern es galt, den gegnerischen König matt zu setzen! Und als ob das an sich nicht schon kompliziert genug war, musste man dabei gleichzeitig zusehen, nicht selbst matt gesetzt zu werden. Junge, Junge: Das hier war aber mal alles andere als langweilig! In der WDR-Sendereihe “Schach der Großmeister” erläuterte der Herr Doktor nun, was das Geheimnisvolle ist, weswegen die Spieler stundenlang die Figuren anstarren, was diese ihnen sagen, und was sie denken. Ich verpasste keine Sendung!

Dr. Helmut Pfleger. | Foto: ChessBase

So wie mir ging es damals tausenden von Menschen: Helmut Pfleger erklärte ihnen nicht nur das Spiel, er brachte es ihnen auf unterhaltsame Art näher, und gab ihnen den Schlüssel zu dieser faszinierenden Welt der 64 Felder! Deswegen ist und bleibt er für mich der einzig wahre “Praeceptor Germaniae”, der Lehrmeister der Deutschen!

Ein Rätsel blieb über die Jahre ungelöst: Wer war der Schach spielende Doktor in Riegersburg? Hornbrille, Pfeife, Schachspieler und Doktor: Das traf seinerzeit auf “Zugbegleiter” Helmut Pfleger wie auf “den Doc” Robert Hübner zu.

Ganz gleich, wer auch immer in Riegersburg war: Es war Helmut Pfleger, der bei mir (und mutmaßlich tausenden anderen) den Grundstein für eine lebenslange Freude machende Beschäftigung legte. Dafür, lieber Helmut Pfleger, meinen allerherzlichsten Dank, und alles Gute zum Geburtstag!

Unermüdlich setzt sich Helmut Pfleger für die Verbreitung unseres Spiels ein, nicht nur als TV-Schachonkel, auch als Autor in der Zeit. Diese Sammlung seiner amüsant-geistreichen Schachkolumnen ist schon die zweite ihrer Art.
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