Strategisches Geplänkel II

Antwort 14:

Nummer 14 war eine Fangfrage. Wichtig ist zu verstehen, dass der Springer mit nur einem Zug kein gutes Feld erreichen kann. Das gilt auch für das natürliche Feld c3, auf dem wir in der Eröffnung unseren Springer meistens guten Gewissens abstellen können. Hier nicht.

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c3 ist eine Sackgasse, der Springer stünde ohne Wirkung herum, weil der schwarze Bauer auf c6 sämtliche Felder im schwarzen Lager kontrolliert, auf denen der Springer lästig werden könnte.

(Für Profis: Die schwarze Struktur illustriert ein Konzept, das in den 1920er-Jahren der lettische Schachmeister Aaron Nimzowitsch (1886-1935) erstmals formuliert hat: Oft sind Doppelbauern statisch stark und dynamisch schwach. Hier ist die verdoppelte c7/c6-Kombo in erster Linie statisch stark, weil sie zentrale Felder kontrolliert und die Aktivität des weißen Springers eindämmt. Dynamisch schwach mögen die Bauern auch sein (mehr dazu in Antwort 13), aber Schwarz hat gar nicht vor, sie zu bewegen. Für den Moment soll sein Damenflügel so stehenbleiben, wie er ist. Alles unter Kontrolle.

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Nimzowitschs legendäres Strategie-Lehrbuch “Mein System” hat Generationen von Schachspielern Grundlagen vermittelt und sie ein Leben lang begleitet. Seinerzeit markierte das Buch einen revolutionären Meilenstein, weil viele der darin beschriebenen Konzepte unbekannt waren. Aus heutiger Perspektive sind manche von Nimzowitschs Ausführungen mit Vorsicht zu genießen, aber das Doppelbauer-Konzept “statisch stark, dynamisch schwach” trifft den Nagel auf den Kopf.)

Würde Weiß seinen Springer fragen, wohin er sich orientieren will, dann würde der ihm wahrscheinlich fürs erste das Feld e3 nennen. Von dort aus böten sich die meisten Perspektiven, am ehesten ein Sprung nach f5 nebst weiterem Vorgehen am Königsflügel.

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Aber das ist nicht in Stein gemeißelt. Vielleicht endet der Springer auch auf a5, um den dynamisch schwachen schwarzen Damenflügel aufzuweichen. Oder auf g4. Wer weiß das schon, das hängt auch davon ab, wie Schwarz weiter vorgeht, und ob Hebel wie f2-f4 oder d3-d4 Teil unseres Plans sind. Hauptsache, wir stellen sicher, dass unser Gaul flexibel bleibt, anstatt ihn auf c3 verkümmern zu lassen.


Antwort 15:

Soll er doch kommen mit seinem b-Bauern. …b5-b4 würde uns in die Karten spielen.

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Noch einmal die Kernaussagen von Antwort 12:

  • Auf c3 steht unser Springer eh bescheiden.
  • Die schwarze Bauernmasse am Damenflügel ist dynamisch schwach.

Und schon ist klar, dass uns schwarzes Vorgehen am Damenflügel nicht bedroht, im Gegenteil. Speziell nach dem Zug …b5-b4 käme zur dynamischen sogar eine statische Schwäche der schwarzen Bauernmasse, ein Struktur-Desaster. Alles, was wir zu tun hätten, wäre, einen “ewigen Springer” auf c4 einzupflanzen. Der wäre von Schwarz nicht zu vertreiben und würde höchst wirksam ins schwarze Lager strahlen, so lange wir das wollen. Schwarz würde niemals Durchbrüche am Damenflügel erzielen können, er wäre dazu verdammt, passiv seinen Laden irgendwie zusammenzuhalten.

Dazu käme die nun deutlich spürbare Schwäche des schwarzen Läufers. Die Stellung wäre blockiert, die schwarzen Bauern auf schwarzen Feldern festgelegt und der Läufer zu Passivität verdammt. Ein Musterbeispiel dafür, wie in blockierten Stellungen die Springer den Läufern überlegen sind.


Antwort 16:

Wenn wir dem Gegner etwas wegnehmen können, dann lohnt es sich stets, genauer hinzuschauen. In diesem Fall bedienen wir uns mit Vergnügen auf e5 und planen, uns weiter durchzufressen.

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Von e5 aus bedroht unser Springer schließlich seinen Bauern c6, und den nehmen wir gerne auch noch mit. Nach 18.Sg4xe5 Le7-f6 19.Se5xc6 Lf6xb2 haben wir einen Bauern gewonnen.

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(Für Profis) Wer genau rechnet, der findet jetzt anstatt der profanen Lösung 20.Ta1-a2 (was unseren a3-Bauern deckt) mit weißem Vorteil das raffiniertere 20.Ta1-b1!. Nach 20…Lb2xa3 21.Tb1-b3 hat der schwarze Läufer keine Felder mehr, 21…b5-b4 ist erzwungen (21…La3-b4 22.c2-c3 verliert eine Figur). Nun wird unser Springer genüsslich nach c4 zurückkehren, sich auf a3 bedienen, und wenig später wird dem Schwarzen auf der a-Linie ein weiterer Bauer verloren gehen. Weiß gewinnt.

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[…] Phänomen kennt Ihr, seitdem wir im Beitrag „strategisches Geplänkel“ erörtert haben, auf welche Weise Doppelbauern oft „statisch stark“ (und dynamisch […]

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[…] Hier geht’s zu den Antworten […]

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[…] ihm beim ersten Lesen nicht aufgegangen war. Zum Beispiel jene Passage über Doppelbauern, die oft „statisch stark“ und „dynamisch schwach“ sind. Anfängern erschließt sich das nicht, starke Spieler nicken erstaunt, weil sie das in dieser […]

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[…] Seite war noch ganz neu und ausschließlich als Trainingswerkzeug gedacht, erschien im Beitrag „Strategisches Geplänkel“ dieses Diagramm zu einer Partie von […]