Dinara Wagner: “Wir planen hier unsere Zukunft, also spiele ich für Deutschland”

Russische Meisterin U20, Dritte bei der Weltmeisterschaft U20 – als 17-Jährige! Dann die Zäsur: ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, das ihre Schachkarriere für einige Jahre auf Eis legte. Jetzt ist Dinara Wagner (vormals: Dinara Dordzhieva) wieder da – als deutsche Nationalspielerin.

Die 23-Jährige, geboren in Elista (Kalmückien), lebt und studiert seit dem vergangenen Jahr in Heidelberg. Anfang Dezember 2021 hat sie den deutschen Großmeister Dennis Wagner geheiratet. Gäbe es eine Deutsche Meisterschaft der Ehepaare, mit ihren kombiniert fast 5000 Elopunkten wären Wagners als stärkstes Schachehepaar im Lande die großen Favoriten.

Neue Heimat: Dinara und Dennis Wagner am Heidelberger Schloss. | Foto: privat

Im Interview spricht Dinara Wagner über ihren Sieg beim Masters, ihre Nominierung für die Nationalmannschaft und ihre schachliche Ambition. Außerdem erzählt sie ihre Geschichte: Wie aus der fünffachen russischen Mädchenmeisterin namens Dordzhieva die deutsche Nationalspielerin Wagner wurde und wie sie und der deutsche Großmeister Dennis Wagner einander gefunden haben. Dennis Wagner war während des Gesprächs zugegen, weitestgehend als Zuhörer, aber nicht ausschließlich.

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Dinara, mit deinem Einstieg ins deutsche Schach hast du gleich einmal ein Ausrufezeichen gesetzt: Du hast das Turnier der stärksten deutschen Spielerinnen gewonnen, das Masters.

Ein schwieriges Turnier mit starken Gegnerinnen. So einen Wettbewerb zu gewinnen, macht mich glücklich, das ist ja nicht selbstverständlich. Der Erfolg hat außerdem dazu beigetragen, dass ich ins deutsche Team für die Schacholympiade gekommen bin…

…das stand zum Zeitpunkt des Masters noch nicht fest?

Nein, ich war ja ganz neu und gerade erst ins Blickfeld des Bundestrainers geraten. Meine Nominierung verdanke ich ganz wesentlich meinem Sieg in Darmstadt.

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Den du eher nicht einplanen konntest. Die Spielstärke der Teilnehmerinnen lag ja nahe beieinander.

Ich hatte schon gedacht, dass ich eine der Favoritinnen sein sollte. Als ich dann gleich zu Beginn gegen Hanna-Marie Klek gewann, bin ich noch ein wenig optimistischer geworden.

Starker Einstand: Wie Dinara Wagner zum Auftakt des Masters 2022 in Darmstadt die Titelverteidigerin Hanna-Marie Klek besiegte.

Am Ende brauchtest du trotzdem ein wenig Glück. Ohne Jana Schneiders spanischen Unfall gegen Lara Schulze hätte es nicht gereicht.

Stimmt, das war glücklich für mich. Ich hatte in der vorletzten Runde als hohe Elofavoritin gegen Brigitte Burchardt nur remisiert und musste annehmen, damit sei ich aus dem Rennen um den ersten Platz. Jana brauchte in der letzten Runde ja nur ein Remis für den Turniersieg. Aber am Ende hat es doch für mich gereicht.

Spanischer Unfall: Jana Schneider nahm den vergifteten Bauern auf e4, verlor die Partie und ermöglichte Dinara Wagner, noch an ihr vorbeizuziehen und das Turnier zu gewinnen.

Und Bundestrainer Yuri Yakovich hat dich für die Nationalmannschaft nominiert.

Bundestrainer Yuri Yakovich. | via DSB

Erstmal hat er gefragt, ob ich am Trainingslager teilnehmen würde und ob ich gegebenenfalls die Möglichkeit hätte, vor der Schacholympiade noch ein Turnier zu spielen. Beides habe ich zugesagt. Er meinte dann, er brauche jetzt ein wenig Zeit nachzudenken. Einige Tage später bekamen die anderen Spielerinnen und ich seine E-Mail, in der stand, ich sei für die Nationalmannschaft nominiert.

Elisabeth Pähtz hat neulich gesagt, die Mannschaft sei stark und voller Perspektive, vielleicht das hoffnungsvollste deutsche Team jemals. Was, glaubst du, ist für euch möglich?

Wir sind stark, das sehe ich auch so. Am ersten Brett sind wir sehr gut und solide besetzt. An den anderen Brettern ist es fast egal, wie wir aufstellen, jede Reihenfolge würde funktionieren. Was wir am Ende daraus machen, werden wir sehen.

Wirst du dich im Team erst akklimatisieren müssen?

Das glaube ich nicht. Mit Josefine Heinemann bin ich befreundet, Elisabeth kenne ich seit einiger Zeit von anderen Turnieren, und mit Jana spiele ich in der Frauenbundesliga in einer Mannschaft. Die anderen habe ich beim Masters besser kennengelernt, wir sind gut miteinander ausgekommen. Ich bin mir sicher, dass es in unserem Team von Anfang bis Ende harmonisch zugehen wird.

Dein Föderationswechsel wurde offiziell, kurz nachdem der Krieg begonnen hatte. Hatte das eine mit dem anderen zu tun?

Die Föderation zu wechseln, hatte ich bereits Anfang Februar beantragt. Ich lebte schon seit einem halben Jahr in Deutschland und hatte hier geheiratet. Dennis und ich planen unsere Zukunft in Deutschland, da ist es nur logisch, dass ich für Deutschland Schach spiele. Der Wechselprozess zog sich allerdings länger hin, wahrscheinlich war es nicht die einfachste Zeit für einen Föderationswechsel. Der deutsche Verband hat mir sehr geholfen und sich um alle anfallenden Fragen gekümmert.  

Du stammst aus der kalmückischen Hauptstadt Elista, wo Schach recht populär ist. Wie bist du zum Schach gekommen?

Mein Opa war ein großer Schachfan. Als ich fünf war, hat er mir gezeigt, wie die Figuren ziehen. Mich hat das sofort gefesselt. Ein Jahr später hat mich meine Oma zum Schachclub geschickt, wo ich in meiner Altersklasse sofort zu den Besten gehörte. Ich hatte wohl Talent. (lacht)

Du hast in Russland quasi auf Anhieb auf nationaler Ebene gespielt.

Als Sechsjährige habe ich an meiner ersten russischen U8-Meisterschaft teilgenommen. Ich bin 13. geworden, das war schon recht gut. Mein erster großer Erfolg war 2009 der Sieg bei der russischen Meisterschaft U10. Als sich solche Erfolge einstellten, haben meine Eltern meine Schachkarriere nach Kräften unterstützt, dafür werde ich ihnen immer dankbar sein.

“Mein erster großer Erfolg”: Dinara nach dem Gewinn ihrer ersten russischen Meisterschaft in der U10 (links). Rechts: Dinara am Brett bei der russischen U8-Meisterschaft. | Fotos: privat

Stand eine Karriere als Profischachspielerin im Raum?

Das spielte damals keine Rolle. Meine Eltern haben gemerkt, wie sehr ich Schach liebe, also haben sie mir diesen Weg geebnet. Auch ich habe daran als Kind keinen Gedanken verschwendet. Wenn du zehn Jahre jung bist, weißt du nicht, wer du bist, wer du wirst und wie sich die Dinge entwickeln werden. Ich habe einfach gerne Schach gespielt.

Das hat sich offenbar in den Jahren danach nicht geändert.

Und es hat mir 2016 ein Dilemma beschert, als ich mit 17 die Schule beendete und vor dem Wechsel zur Universität stand. Was sollte ich tun? Weiter ins Schach investieren und wirklich ein Profi werden – oder meine Energie und Zeit ins Studium stecken? Schon während der Schulzeit war es manchmal schwierig gewesen, Schach und Schule unter einen Hut zu bringen. Auf der Universität würde das unmöglich sein. Ich habe mich letztlich fürs Studium entschieden und die beste russische Wirtschaftshochschule in Moskau besucht. Mein Bachelor-Studium habe ich 2020 gut beendet, aber das brachte fürs Schach eine Zwangspause mit sich.

Die dein Eloprofil klar anzeigt: Steiler Aufstieg bis 2015/16, danach Stagnation.

2015 stand ich zum ersten Mal über 2300. 2016 war wahrscheinlich mein erfolgreichstes Jahr. Ich habe die russische U20 gewonnen und bin in Indien Dritte bei der U20-Weltmeisterschaft geworden. Dann begann das Studium, und die Elozahl stagnierte.

Stagnation ab 2015/16: Dinara Wagners Elokurve. | via Wikipedia

Was ist nach dem Ende des Studiums passiert?

Ich wollte eine Auszeit nehmen, ein freies Jahr. Der Plan war zu reisen und Turniere zu spielen. Dann kam Corona, und mein Plan ging nicht auf. 2021 habe ich den Masterstudiengang in Heidelberg begonnen.

Wo auch Dennis Physik studierte. Wie habt Ihr einander gefunden?

Kennengelernt haben wir uns 2016 in Indien bei der Juniorenweltmeisterschaft…

2018 auf der Isle of Man spielte Dennis Wagner den mehrfachen WM-Kandidaten Levon Aronian dermaßen an die Wand, dass der sich am Ende nur noch mit einem Bluff zu helfen wusste.

Dennis: …das könnte ein Faktor für die Schacholympiade sein: Du hast Indien-Erfahrung.

…ja, ich bin in jeder Hinsicht vorbereitet (lacht).

Hat es in Indien schon zwischen euch gefunkt?

Wir mochten einander, haben gerne miteinander geredet, das war es eigentlich. 2019 in Riga haben wir uns wiedergesehen…

Dennis: …und ein bisschen mehr miteinander geredet als 2016…

…und schließlich Telefonnummern ausgetauscht.  

Dennis: Ein Paar sind wir seit Anfang 2020. Beim Aeroflot Open 2020 in Moskau haben wir uns wiedergesehen. Danach begannen mit der Pandemie harte Monate für uns. Wir konnten einander nicht begegnen.

Wir haben jeden Tag geskypet oder telefoniert!

Dennis: Im August 2020 wurde es dann besser. Dinara ist zum ersten Mal nach Heidelberg gekommen, um sich hier umzuschauen. Es gefiel ihr sehr, und wir fassten den Plan, dass sie hier ihren Master macht. Seit September 2021 leben wir hier zusammen.

Und die Hochzeit? War auch die Teil des Plans?

Ja, seitdem ich Dennis in Heidelberg besucht hatte. Anfang Dezember 2021 haben wir geheiratet. Ich hatte mir sehr gewünscht, dass meine Eltern dabei sind. Das hat leider nicht geklappt, sie haben keine Visa bekommen.  

“Für die Hochzeit leider keine Visa bekommen”: Dinara Wagner (2.v.l.) mit Familie – links Vater Mergen, rechts Mutter Maya und die zweitälteste Schwester Darima. | Foto: privat

Wie geht es mit deinem Schach weiter? Mehr als ein Hobby?

Bestimmt! „Hobby“ trifft es nicht, mein Anspruch ist schon ein professioneller. Nachdem ich mein erstes Semester in Heidelberg jetzt beendet habe, werde ich das zweite etwas langsamer angehen lassen und mich wieder auf Schach konzentrieren. Ich will mich ja auf die Schacholympiade vorbereiten. Wahrscheinlich wird auch das Semester danach schachlastig, ich habe keine Eile mit dem Studium.

Gute Nachrichten fürs deutsche Schach.

Mir kommt entgegen, dass ein Studium in Deutschland viel flexibler ist als in Russland, wo du zum Beispiel verpflichtet bist, alle Prüfungen abzulegen. Hier kann ich es mir einteilen.

Und für dein Schach hast du rund um die Uhr Zugriff auf einen starken Großmeister.

Beim Masters hat mich Dennis auf jede Partie vorbereitet. Darum haben meine Eröffnungen in fast jeder Partie gut funktioniert. Generell hilft mir Dennis mit seinen Eröffnungsdateien, aber manchmal läuft es auch andersherum, dann bedient er sich erfolgreich aus meinem Repertoire.

Ein Beispiel dafür hast du für die Leser dieses Interviews vorbereitet.

Ja, eine Partie aus der österreichischen Bundesliga, ein schöner Sieg über die italienische Spitzenspielerin Marina Brunello. Dieselbe Variante hatte Dennis bei der Europameisterschaft gegen den irischen IM Conor Murphy auf dem Brett, wir sehen es gleich in den Kommentaren zur Partie.

Exklusiv für die Perlen-Leser kommentiert Dinara Wagner einen Sieg über die italienische Spitzenspielerin Marina Brunello in der österreichischen Bundesliga. Diese Partie war ihre letzte vor dem German Masters – und als solche ein schöner Mutmacher vor dem Turnier der stärksten deutschen Schachspielerinnen.
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Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
5 Monate zuvor

Ein sehr sympathisches Ehepaar wenn ich mir die Anmerkung erlauben darf.
Wünsche eine steile Schachkarriere und privat sowie beruflich viel Erfolg für die Zukunft.

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