Jüngster Top-100-Spieler der Welt

Rein sportlich sollte aus deutscher Sicht heute beim Grand Swiss in Riga die Begegnung zwischen Alexander Donchenko und Levon Aronian im Zentrum des Interesses stehen. Nach seiner Punkteteilung gegen den russischen 2700er Daniil Dubov darf sich Alexander Donchenko nun mit einem Giganten des Weltschachs messen. Nach einer überaus erfolgreichen fünften Runde stehen jetzt alle deutschen Herren bei “plus eins” und bekommen entsprechend gewichtige Gegner vorgesetzt.

Die heutige Partie von Elisabeth Pähtz gegen die Chinesin Jiner Zhu ist zwar nach Elo ein paar hundert Punkte darunter anzusiedeln, nach Tabellenstand aber weit darüber: Zum Bergfest beim Frauen-Grand-Swiss ist für Co-Tabellenführerin Pähtz inklusive Qualifikation fürs Kandidatenturnier noch alles drin.

via Schachbund

Liveübertragung (ab 13 Uhr):

auf chess.com
auf chess24

Pähtz’ Endspielsieg über Lela Javakhishvili in der fünften Runde.

Ein Ticket fürs Kandidatenturnier der Frauen, derer vier für den Grand Prix der Frauen sind in Riga zu vergeben. Nach ihrem Schwarzsieg über die Georgierin Lela Javakhishvili ist Pähtz, nominell die Nummer elf des Felds, Teil des Quintetts, das mit vier Punkten aus fünf Partien vorne liegt. Alles ist drin.

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Für die Berlinerin gibt es noch einen weiteren Preis zu gewinnen: den ersehnten GM-Titel. Den dafür notwendigen Elo jenseits der 2500 hatte sie schon, zwei der drei dafür nötigen GM-Normen hat sie auch schon. Für dritte hat es bislang nie gereicht, oft sehr knapp, zum Beispiel vor drei Jahren auf der Isle of Man, wo gleich mehrere deutsche Normkandidaten ganz nahe dran waren und dann doch scheiterten:

In Riga steht Pähtz nach fünf Partien bei einer Performance von 2693. Sollte nach neun Partien vorne weiterhin die “26” stehen, das wäre die finale Norm und der GM-Titel.

Vincent Keymer beim Grand Swiss in Riga. | Foto: Anna Shtourman/FIDE

Solche Rechenspiele braucht Vincent Keymer längst nicht mehr. In seinem Fall stellt sich diese Frage: Wie gut ist dieser Junge jetzt schon? Für sein souveränes Schwarzremis gegen den polnischen Weltklassemann, Anand-Sekundanten und Eröffnungsfuchs Radoslaw Wojtaszek brauchte Keymer ganze 15 Minuten Bedenkzeit.

Zur Belohnung ist Schachfreund Keymer jetzt erstmals Mitglied der Top 100 der Welt, als 16-Jähriger (gerade noch) der jüngste Top-100-Spieler auf dem Planeten Erde.

Auch im Fall Dmitrij Kollars stellt sich die Frage, wie gut er ist und wo das Ende seiner Elo-Fahnenstange verortet sein mag. Sicher nicht bei seinen aktuellen 2621. Mit Europameister Anton Demchenko machte Kollars das, was zwei Runden zuvor Pavel Ponkratov mit ihm gemacht hatte: Drücken, kneten, pressen, bis der Gegner einknickt:

Bei Alexander Donchenko ist zumindest klar, dass er sehr, sehr gut ist, so gut, dass es nicht vermessen wäre, die 2700 anzupeilen. Aber wahrscheinlich wäre es in der fünften Runde vermessen gewesen, Andrei Esipenkos Einladung zu einem einseitigen Handgemenge anzunehmen:

An der Tabellenspitze im offenen Turnier haben jetzt zwei Routiniers zum bis dahin alleine führenden Jüngling aufgeschlossen. Der Grand Swiss aus internationaler Perspektive (Klick aufs Bild):

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Jens Bosbach
Jens Bosbach
1 Monat zuvor

Ich würde die Statistikdebatte gerne um einen Punkt erweitern: Phantastisch, was der Junge leistet! Dass er bereits in dem Alter als Deutscher überhaupt um die TOP 100 kreist, finde ich sensationell. Danke an Conrad Schormann, dass er auf die erreichte Marke hingewiesen hat.

Philipp
Philipp
1 Monat zuvor

Der GM Titel ist Pähtz jetzt sicher, selbst wenn sie das letzte Spiel verliert hat sie noch eine Performance von 2604.
Wurde auch mal Zeit das sie den Titel endlich bekommt, Glückwunsch.

Raymund Stolze
Raymund Stolze
1 Monat zuvor

Zur Belohnung ist Schachfreund Keymer jetzt erstmals Mitglied der Top 100 der Welt, als 16-Jähriger (gerade noch) der jüngste Top-100-Spieler auf dem Planeten Erde. Lieber Herr Schormann, mich würde schon die Quelle für Ihre Behauptung interessieren, dass Vincent Keymer der jüngste Top-100-Spieler der Welt ist. Ich habe da meine berechtigten Zweifel. Auf der aktuellen live-Ratingliste, letzter Update 2.11.21 um 14:11 Uhr [Link https://2700chess.com/ ], gibt es jedenfalls unter den Top 100 mit Alexander Donschenko {Rang 95/ Elo 2752,2], Matthias Blübaum [Rang 98/2551,5] und Liviu-Dieter Nisipeanu [Rang 100/2651,0] drei DSB-Aktive, aber Vincent Keymer habe ich nicht entdecken können. Nisipeanu genießt dabei… Weiterlesen »

Kommentator
Kommentator
1 Monat zuvor

“Die Live-Liste ist eine volatile Angelegenheit, heute ist Vincent mit 2648 knapp nicht in den Top 100. Das kann sich morgen wieder ändern”
Also mit anderen Worten: Die Live-Liste ist reine Newstickeritis (zumindest gilt dies zu einem Zeitpunkt, an dem sich noch diverse Änderungen bis zur nächsten offiziellen Liste ergeben können – in drei Wochen kann man schon eher etwas damit anfangen).

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor
Reply to  Kommentator

Ich hatte denselben Gedanken wie mein alter (Internet-)Bekannter Raymund Stolze, aber dachte mir schon dass es eine Momentaufnahme war. Im Nachhinein hätte Conrad Schormann das im “pünktlich geschriebenen” Artikel direkt mit einem Screenshot dokumentieren können und vielleicht müssen. Nachdem die deutschen Spieler in Riga weiterhin den Gleichschritt üben (gestern haben Donchenko, Bluebaum, Keymer und Kollars alle verloren) ist die aktuelle Momentaufnahme: Nisipeanu (spielt nicht beim Grand Swiss) #98, Donchenko #100 (Naiditsch übrigens nach schlechtem Ergebnis in der spanischen Liga auch wieder außerhalb der top100). Das kann sich morgen wieder ändern, bzw. genauer gesagt heute ab 16:00. Neben “Newstickeritis” haben Live-Ratings… Weiterlesen »