Der katalanische Schwitzkasten

Für Ian Nepomniachtchi war das ein megawichtiger Punkt. Die Frage ist jetzt, was macht Fabiano Caruana? Am Freitag hat er Schwarz gegen Nepomniachtchi, und er hat wohl den schlechteren Tiebreak. Fabi muss also mehr als einen Punkt aufholen. Wird er vier Runden vor Schluss im direkten Duell schon mit Schwarz volles Risiko gehen? Ich bin gespannt.

Nepomniachtchi würde es jetzt wahrscheinlich reichen, die restlichen Partien zu remisieren. Was natürlich leichter gesagt als getan ist. Aber mir fällt auf, dass von seiner Neigung zur Leichtfertigkeit bislang nichts zu sehen ist. Nepo hat versenkt, was er versenken konnte, und war ansonsten solide. Im Nachhinein ergibt auch das frühe Weißremis gegen Giri in der achten Runde Sinn. Nepo hat ja gegenüber Giri den besseren Tiebreak wegen seines Siegs in der ersten Hälfte, das gibt ihm ein Extra-Polster.

Exklusiv für die Perlen vom Bodensee beleuchtet IM Christof Sielecki das Geschehen in Jekaterinburg. | Collage: Franz Jittenmeier

Die Hauptfrage nach dieser zehnten Runde: Wie kann Alekseenko so früh so schlecht stehen? Eine solche Eröffnungsbehandlung des Schwarzen, ein derart schlechtes Eröffnungsresultat hätte mich in einer U12-Meisterschaft nicht gewundert, aber auf diesem Level fällt mir schwer zu verstehen, was da passiert ist. Darum habe ich ein bisschen geforscht.

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Was Nepo gespielt hat, war gegen Alekseenkos Repertoire clever gewählt. Gegen 1.d4 spielt Alekseenko hauptsächlich Slawisch, gegen 1.c4 hauptsächlich 1…e5, das hatte er sogar vor zwei jahren gegen Nepo auf dem Brett.

Am Boden zerstört: Kirill Alekseenko nach der Partie.

Weil 1.c4 bestimmt nicht der Zug war, mit dem Alekseenko in erster Linie gerechnet hat, wollte er wahrscheinlich nicht sein Standardrepertoire spielen, um einer gezielten Englisch-Vorbereitung auszuweichen. Er hat dann, so meine Interpretation, eine Reservevariante gespielt, etwas, das er vor sechs Jahren in Jugendturnieren zwei Mal auf dem Brett hatte.

Wer sich nicht auskennt, muss leiden

Es gibt also eine Historie, die Nepo gekannt hat, er kann es ohne Weiteres für wahrscheinlich gehalten haben, dass Alekseenko genau diese Ersatzvariante spielt, um 1…e5 zu vermeiden. Und diese Ersatzvariante kann für Schwarz sehr unangenehm werden, wenn er nicht genau weiß, was er tut.

Aus Amateursicht lässt sich anhand der Partie zeigen, wie giftig diese katalanischen Aufbauten sein können. Im Online-Schach erlebe ich das gelegentlich aus der weißen Perspektive. Schwarz stellt sich ein bisschen naiv hin, denkt, dass er den Lc8 schon noch irgendwie entwickelt, aber das passiert nie. Dieses Szenario ergibt sich speziell häufig, wenn Weiß d2-d4 zurückhält. Schwarze, die sich nicht auskennen, geraten dann leicht in diesen katalanischen Schwitzkasten. Für chess24 habe ich mal eine Videoserie über Englisch gemacht, im Kapitel über 1.c4 e6 kommt dieser Komplex vor.

In der Zugfolge der Partie Nepo-Alekseenko ziehen die sehr starken Großmeister mittlerweile fast ausschließlich 5…Ld7, das gilt als solide. Alternativ kannst du 5…Sbd7 6.Dxc4 c5 spielen, das ist die alte Hauptvariante, die funktioniert immer noch.

“Kein Grund, sich darauf einzulassen”

Was Alekseenko gespielt hat, gibt es auch, bis 8.Sc3 würde ich das als schwierig für Schwarz, aber noch als regulär bezeichnen, auch wenn die Ergebnisse schon klar für Weiß sprechen. Zum Beispiel gibt es eine Partie Ding-Carlsen von 2019, die so anfing. Carlsen hatte Probleme, Ding hat gewonnen.

Was nun, Kirill? Ian Nepomniachtchi ist jetzt der große Favorit, WM-Herausforderer von Magnus Carlsen zu werden. | Foto: Lennartr Ootes/FIDE

Schwarz muss hier schon superpräzise zu Werke gehen, es ist eine Borderline-Variante: Wenn du ganz genau spielst, kommst du aus der Nummer noch raus – aber vor allem gibt es überhaupt keinen Grund, sich darauf einzulassen. Und anstatt der erforderlichen Präzision war Alekseenko früh am Schwimmen. 8…Le7 ist schon nicht gut, da muss 8….Dc7 kommen. Nach 11…Dc7 stand er strategisch auf Verlust – auf WM-Kandidaten-Level, wohlgemerkt.

Gegen einen Supergroßmeister wird Schwarz in dieser Konfiguration seinen Lc8 nicht mehr entwickelt bekommen, er wird es überhaupt nicht schaffen, seine Truppen zu organisieren. Die Stellung ist verloren. Klingt harsch, ist aber so. Auf den ersten Blick mag es noch nicht so schrecklich erscheinen, aber wer etwas genauer reinguckt, der stellt fest, dass er für Schwarz keine guten Züge findet.

Kaum hatte Kirill Alekseenko aufgegeben, tauchten im Netz die ersten Reminiszenzen an das Kandidatenturnier 1962 auf, in dem die Sowjets Tigran Petrosian ins WM-Finale geschoben hatten. Wieder so ein Fall? Eher nicht. Im Interview nach der Partie wirkte Kirill Alekseenko authentisch angeschlagen und frustriert, und schachlich lässt sich zumindest erklären, wie aus einer Kombination von cleverer Vorbereitung einerseits und Erinnerungslücke andererseits so ein erstaunlich leichter Sieg auf WM-Kandidaten-Level entstehen kann.

Dass wir so etwas in einem Kandidatenturnier sehen, kann ich mir nur so erklären, dass Alekseenko in seinem Bestreben, Nepos Englisch-Vorbereitung aus dem Weg zu gehen, sich irgendwie vertan hat, sodass er in etwas hineingetaumelt ist, das sich als viel schlechter entpuppte, als er es haben wollte. Der Rest war dann einseitig.

Unter anderen Umständen mit anderen Beteiligten würde ich nicht so hart urteilen, aber hier geht es um ein WM-Match. Und der Leser möge sich diesen Kontrast vor Augen führen: Caruana zeigt supertiefe, ausgeklügelte Vorbereitung gegen MVLs Najdorf, absolutes Top-Level, und im selben Turnier spielt jemand, der steht nach elf Zügen platt gegen 1.c4, 2.g3. Dazwischen liegen gleich mehrere Welten.

Tabellenstand nach der 10. Runde via chess.com.
Paarungen der 11. Runde via chess24.

Am heutigen Donnerstag ist Ruhetag in Jekaterinburg.

Freitag um 13 Uhr geht es mit der 11. Runde und der zentralen Partie Nepomniachtchi-Caruana weiter. Liveübertragung hier.


Spätestens mit seiner Zusammenarbeit mit Magnus Carlsen und dessen Sekundant Peter Heine Nielsen avancierte IM Christof Sielecki zu einem der renommiertesten Schachautoren weltweit. Anfang dieser Woche erschien auf Chessable Sieleckis neuestes Werk über die Pirc-Verteidigung. Exklusiv für die Perlen vom Bodensee begleitet Sielecki das Kandidatenturnier in Jekaterinburg.

Nach dem großen Erfolg seines 1-e4-Repertoires zeigte Christof Sielecki im Nachfolgewerk auf, dass man Schachpartien auch mit einem Doppelschritt des d-Bauern beginnen kann. Basis des d4-Repertoires sind die Züge d4, Sf3 und g3 – so dass sich aus Sicht des Weißen ein katalanischer Schwitzkasten ergeben mag wie derjenige, in den jetzt Kirill Alekseenko geraten ist.
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Krennwurzn
Krennwurzn
8 Monate zuvor

Fakt ist 8. … Le7 hat laut meiner Datenbank kein Spieler über 2435 in dieser Stellung gespielt.

ABER Verschwörung ginge wohl doch zu weit – es war Nepos einziger Sieg aus seinen 4 Partien gegen seine Landsleute und +1 ist da wirklich nicht auffällig und schon gar nicht verdächtig.

Die Verschwörer könnten die Sache aber besser konstruieren: die Chinesen hassen die Amerikaner, denn gegen Nepo steht es da 0/2 und Ding hat Fabi geschlagen.

ODER halten wir es einfach: jeder spielt vor allem für SICH – und das ist gut so!!

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor
Reply to  Krennwurzn

Dass der Zug zuvor nicht auf hohem/höchstem Niveau gespielt wurde ist dabei eher nicht entscheidend: Weltklassespieler machen mitunter Eröffnungszüge, die zuvor nur von (im Vergleich zu ihnen) Patzern gespielt wurden – weil sie den Gegner überraschen wollen, weil die Hauptvariante ausgelutscht ist, …. . Schlecht muss es nicht sein, auch diese Spieler haben Computer. Ein Beispiel aus derselben Runde ist 10.c5!? im Sveshnikov mit 7.Sd5, MVL-Giri. Wenn man 2535 gegen elolos und 2515 gegen 2115 aus dem letzten Jahrtausend außen vor lässt, spielte das zuvor nur <2500, tendenziell vor vielen Jahren – Ausnahme Warmerdam-Tari anno 2019. Max Warmerdam ist zwar… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Zu Eröffnungsvorbereitung: für mich etwas zu viel Lob für Kasimdzhanov. Gegen MVL hatte es funktioniert, weil der Franzose das erlaubte. Objektiv war es dabei ein bisschen Semi-Bluff: ebenso forciert Remis wie bestehende Najdorf-Bauernraubvarianten. Tags darauf hatte Caruana Schwarz, und da hatte eher der Gegner, ein gewisser Kirill Alekseenko, “Ideen”. Dann wieder Weiß, und Team Caruana hatte kein Mittel gegen Ding Lirens wiederum vorhersehbaren Spanier (Marshall oder Anti-Marshall). Wenn Nepomniachtchi diese Variante tatsächlich antizipiert hatte, war es von ihm und seinem Team auch ein tiefes Konzept. Nepo spielt fast immer 1.e4, schon gelegentlich 1.c4 aber diesen oder einen recht ähnlichen Aufbau… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Und zum zweiten Teil von Conrad Schormanns Video: neben derzeitigen muss man auch “zukünftige” Tiebreaks berücksichtigen. Wenn Caruana morgen mit Schwarz gegen Nepomniachtchi gewinnt, hat er gegenüber ihm auch den besseren Tiebreak (zugleich Sieg im Mini-Match). Diesen Vorteil hat er bereits gegenüber MVL – demnach hätte er dann nicht unbedingt weiteren Nachholbedarf, sondern wäre bereits wieder Favorit auf den Turniersieg.

Nepo hat diesen Vorteil gegenüber Giri, und MVL gegenüber Nepo. Für ein WM-Match müsste Giri das Turnier wohl alleine gewinnen, oder jedenfalls in Runde 12 Caruana mit Schwarz besiegen.

cyronix
cyronix
8 Monate zuvor

Die Partie demonstriert gut wie schnell es im Schach abwärts gehen kann, obwohl man normale Züge spielt. Ohne Theoriekenntnisse geht da nicht viel.

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Für Konspirationstheorien muss man nicht bis Curacao 1962 zurückblicken, London 2013 reicht. Damals konnten einige Carlsen-Fans nicht akzeptieren, dass sich statt ihrem Liebling (zugleich “haushoher Favorit” und allgemeiner Fan- und Medienliebling) eventuell Kramnik für ein WM-Match gegen Anand qualifiziert. Damals war neben Russland auch “die gesamte Sowjetunion” verdächtig. Wenn damals etwas verdächtig war, dann aber Radjabovs total unnötige Endspielniederlage gegen Carlsen in der vorletzten Runde, nebst ziemlich fröhlicher Reaktion: “nun wird die letzte Runde spannend” – wäre auch bei weiterhin einem halben Punkt Vorsprung für Kramnik der Fall gewesen. Allerdings waren damals Amerikaner vielleicht weniger beteiligt: Nakamura hatte sich nicht… Weiterlesen »