Überstürzt ins Verderben

Jetzt droht die lange Rochade: 0-0-0. Am heutigen Montag wird Alexander Donchenko in der dritten Runde des Tata Steel Chess mit den schwarzen Steinen auf den WM-Kandidaten Anish Giri treffen. Die dritte Null in Folge und damit ein veritabler Fehlstart wäre keine große Überraschung.

So, what?

Donchenko ist nicht nach Wijk gefahren, um als nomineller Außenseiter und Superturnier-Greenhorn das mit Weltklassespielern gespickte Feld zu dominieren. Er ist dort, um zu lernen, um Praxis gegen die Elite zu bekommen und um idealerweise Signale an die Ausrichter weiterer Superturniere zu senden: Hier ist jemand, den einzuladen sich lohnt, weil er den Kampf mit den Besten nicht scheut, ihn sucht sogar, und für attraktive Partien bürgt.

Letzteres hat in der Partie der zweiten Runde gegen Fabiano Caruana funktioniert. Leider nicht so, wie sich das Donchenko vorgestellt hatte. Eine Frage weniger der schachlichen Klasse als der inneren Balance. Getrieben von seinem Vorhaben, dem Weltranglistenzweiten einen scharfen, zweischneidigen Kampf zu liefern, wollte Alexander Donchenko mehr erzwingen, als die Stellung hergab.

Für den geopferten Bauern hat Weiß Kompensation – und das langfristig. Das Läuferpaar bleibt ein Trumpf, und der schwarze König als das Ziel der weißen Operationen wird nicht aus dem Zentrum verschwinden. Spielt Schwarz nämlich …0-0, folgt h2-h4-h5 nebst Matt, während der weiße König auf Sicht sicher ist. Dem Schwarzen wird es trotz seiner vorgerückten Bauern nicht so bald gelingen, am Damenflügel Linien gegen den weißen König zu öffnen.

Kurz: Weiß muss nichts überstürzen. Er kann erstmal g4-g5 spielen und den Radius der schwarzen Leichtfiguren einschränken. Er kann auch in Ruhe Kb1 nebst Lc1 spielen, seinen König noch sicherer hinstellen und seinem d-Turm die Linie öffnen. Was immer er tut, die Kompensation wird bleiben, die Partie wird offen sein.

Letztlich war es eine wertvolle Lehrstunde. | Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess

Es wäre absurd anzunehmen, dass ein Spieler von der Klasse Alexander Donchenkos nicht versteht, was sogar einem Patzer aus der Bodenseeliga einleuchtet. Und das führt uns zu Faktoren wie der fehlenden Erfahrung und der inneren Balance.

Weiß sollte nicht, aber er kann es hier überstürzen: e3-e4-e5-e6 (und am Ende hängt g6) lässt sich unmittelbar durchziehen, ohne dass Schwarz etwas dagegen unternehmen könnte. Der Sturm des e-Bauern sieht aggressiv aus und war wahrscheinlich so verlockend, dass der nach aggressiven Lösungen suchende Donchenko nach 37-minütigem Nachdenken nicht widerstehen konnte.

Spätestens zwei Züge später wird ihm aufgegangen sein, dass er sich auf den Weg ins Verderben begeben hat, ein Weg ohne Rückkehr. …Dd5 liegt in der Luft, und mit einem Mal ist die schwarze Phalanx am Damenflügel erheblich bedrohlicher als die weiße auf der anderen Seite des Brettes.

Gleich mehrere Kommentatoren mit ihren Engines erklären uns heute, dass Weiß hier De4 hätte spielen sollen, um Schlimmstes zu verhindern. Als ob es eine gute Idee wäre, sich per Damentausch in ein annähernd hoffnungsloses Endspiel mit Minusbauer zu begeben. Nein, Weiß hat längst „A“ gesagt, nun sagt er via e5-e6 „B“ und bricht alle Brücken ab.

Alexander Donchenko 2.0 mit der Erfahrung des einen oder anderen Superturniers hätte gar nicht erst „A“ gesagt. Er hätte die Finger vom e-Bauern gelassen, ein wenig verstärkt, optimiert und laviert, er wäre stabil genug gewesen, der erstbesten Versuchung zu widerstehen. Dem Alexander Donchenko 1.0 in Wijk 2021 fehlte diese Balance. Er wollte bei der ersten Gelegenheit zeigen, dass er auch gegen die Nummer zwei der Welt nicht zurücksteckt.

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