Wer verteidigt die Rechte der Delinquenten?

Eine kontroverse Entscheidung ist derzeit die Disqualifikation der beiden Sieger im A-Turnier bei der DISAM, also der 1. Deutsche Internet-Schach-Amateuermeisterschaft, wie es typisch sperrig heißt. Leider versäumt es der Deutsche Schachbund erneut, ausreichende Transparenz bei einer Entscheidung herzustellen.

Selbst wenn dieses Turnier nur eine Erfindung in Zeiten der Corona-Krise ist. Der Deutsche Schachbund hat ein Turnier ausgeschrieben und ist damit alleinverantwortlich. Als Partner für die Umsetzung hat sich der Schachbund für einen kommerziellen Anbieter entschieden: den deutschen Marktführer und Infrastrukturanbieter Chessbase.

Dass Schachspieler gerne kostenlose Leistungen beziehen, ist seit jeher bekannt. Ein Turnier lässt sich aber nur mit einem gewissen Vorlauf organisieren und es ist auch im Vorfeld bereits sicherzustellen, dass kein Spieler unter fremder Identität auftritt. Wenn also Spieler einen Account bei dem Anbieter vorweisen müssen, dann ist das verständlich. Das war transparent und steht in der Ausschreibung – im Übrigen auch die geringen Kosten.

Betrug bei der DISAM? Wie der DSB und Chessbase kommunizieren

Bei Chessbase findet sich vom hauseigenen Organisator Martin Fischer in seinem Artikel folgende kurze Passage zu dem Ereignis des Anstoßes:

»Leider blieb auch diese erfolgreiche Veranstaltung von den Gefahren der Online-Turniere, dem Spielen mit Engine-Unterstützung, nicht verschont. Die beiden Top-Platzierten des A-Finales wurden disqualifiziert und sind in der Tabelle nicht berücksichtigt.«

Leider sind auch die Hinweise des Deutschen Schachbundes nicht detaillierter. Es werden eher Allgemeinplätze verwendet. Zum Cheating und zu den Problemen eines Onlineturniers im Besonderen:

»Die beiden erstplazierten Spieler wurden disqualifiziert, nachdem die Prüfsoftware bei der nachträglichen Analyse der Partien Alarm schlug.«

»Cheating ist im Onlineschach die Zuhilfenahme von Software für die Ermittlung des besten Zuges in einer Stellung. Um diesen Betrug festzustellen, läßt ChessBase zum einen während der Partie eine Prüfsoftware mitlaufen. Bei wichtigen Turnieren werden die Partien zudem im Nachhinein einer gründlichen Kontrolle unterzogen. Wenn die Übereinstimmung der gespielten mit den maschinell berechneten Zügen besonders hoch ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, das die Partie von einem oder beiden Spielern mit Hilfe einer Software gespielt wurde.«

»Zum anderen erhöht sich bei einer längeren Bedenkzeit die Gefahr des Betrugs durch die Zuhilfenahme einer Schachsoftware oder einer dritten Person. In den eigenen vier Wänden fühlen sich viele (zurecht) unbeobachtet und die Hemmschwelle für die Verwendung von Hilfe sinkt auf ein Minimum. Fernschachspieler, die bekanntlich mehrere Tage Zeit pro Zug haben, umgehen dieses Dilemma schon seit Jahrzehnten konsequent, indem jede Hilfe erlaubt ist! Früher waren das Theoriebücher und heute sind es Schachengines und das gewaltige, in elektronischen Datenbanken angesammelte Wissen.«

Was will uns der Schachbund damit sagen?

Glaubt uns, wir sind seriös und haben zwei Betrüger entlarvt. Das kann es nicht sein. Das ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit und es ist unfair gegenüber den zwei Ertappten.

„Überrascht von der Einfachheit der gegnerischen Fehler“: Thorsten Cmiel. | Foto: ChessBase

Es mag sogar gute Gründe geben, weshalb der Deutsche Schachbund und Chessbase hier nicht genauer informieren. Aber dann müsste man zumindest diese Gründe offenlegen. Was hat die Anti-Cheating-Software entdeckt? Was versteht der Deutsche Schachbund unter „gründlicher Kontrolle“? Tatsächlich gibt es geeignete Methoden, um eine zu große Nähe zu Engines beispielsweise zu entdecken. Und vermutlich gibt es in den Partien der vermeintlichen Cheater mehrere solcher Indizien. Es gibt sehr intelligente Prüfverfahren, so hat man mir es mal erklärt, auf die auch der Weltschachbund FIDE inzwischen zurückgreift. Gut so.

Vermutlich gibt es sogar viele gut nachvollziehbare Gründe der Anbieter von solchen Prüfverfahren, die Informationen dazu nicht breit öffentlich zu diskutieren und damit künftigen Betrügern im Wettlauf um Doping im Schach keine Handbreit zu helfen.

Die Rolle des DSB

Der Deutsche Schachbund als Veranstalter jedoch muss für größtmögliche Transparenz bei seinen Entscheidungen sorgen. Dazu gehört, im Zweifel ebenfalls die Rechte der „Gehängten“ zu berücksichtigen. Es ist nicht damit getan, die Namen aus der Liste der Sieger zu streichen.

Der Deutsche Schachbund muss dringend darüber aufklären, wie sich der zuständige Turnierleiter oder ein offizielles Gremium der Schachorganisation mit dem Thema konkret auseinander gesetzt hat. Hat man die Ergebnisse der Softwareprüfung hinterfragt? Mit welcher Genauigkeit lässt sich Betrug mit den eingesetzten Hilfsmitteln identifizieren? Wurden die Spieler von wem befragt, bevor das korrigierte Ergebnis veröffentlicht wurde? Gab es eine schriftliche Anhörung?

Ein Blick in die Ausschreibung bringt übrigens folgende Passage zutage:

»Während der Turnierteilnahme ist der Einsatz von Schach-Software für das Finden eines Zuges verboten. Ein Verstoß führt zum Turnierausschluss. Während des Spiels werden alle Partien von ChessBase durch eine mitlaufende Software überprüft. Kommt der jeweilige Turnierleiter auf Grund dieser Überprüfung zu der Überzeugung, dass mit Hilfe einer Engine gespielt wird, so entscheidet er über den Ausschluss des Spielers aus dem laufenden Turnier. Diese Entscheidung ist endgültig. Nach Abschluss des Turniers werden alle Partien noch einmal überprüft. Kommt der Turnierleiter auf Grund des Ergebnisses dieser Überprüfung zu der Überzeugung, dass mit Hilfe einer Engine gespielt wurde, so entscheidet er über einen Ausschluss aus dem Turnier. Diese Entscheidung ist endgültig.«

Die beiden „Täter“ sind also „endgültig“ disqualifiziert und können sich laut Ausschreibung nicht mehr dagegen wehren. Außer es findet sich ein streitbarer Rechtsanwalt, der die vermutliche Sinnlosigkeit dieser Passagen von der Endgültigkeit vor einem ordentlichen Gericht nachweist.

Ich habe mir inzwischen einige Partien der „Täter“ angesehen und war überrascht über die Qualität (Einfachheit) gegnerischer Fehler in manchen Partien. Es bleiben somit zumindest Zweifel.

Die beiden jugendlichen vermeintlichen Delinquenten haben Rechte und die gilt es in bester liberaler Tradition ebenfalls zu verteidigen. Auch wenn ich zumindest bislang nicht an ihre Unschuld glaube. Dem Deutschen Schachbund misstraue ich ebenfalls, mindestens solange das Präsidium das für den Schachbund inzwischen typische niedrige Transparenzniveau bei seinen Entscheidungen beibehält.

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