Schwächen unter Druck setzen: ein kritischer Moment

Kritische Momente nimmt unser Autor Marcus Schmücker in seiner gleichnamigen Trainingsserie unter die Lupe. Heute anhand einer Partie aus der NRW-Liga, in dem es dem Spieler am Drücker nicht gelang, seinen Vorteil auszunutzen. Er hatte zwar eine Idee, aber er fand nicht den richtigen Plan, um die Schwächen seines Gegenspielers dauerhaft unter Druck zu setzen.

Marcus erklärt uns, wie es gegangen wäre, und das gleich doppelt. Den kritischen Moment der Partie sehen wir hier kommentiert, die ganze Partie mit weiteren Anmerkungen präsentiert er als Video auf seinem Youtube-Kanal. Das Partiefragment dieses Beitrags zum Nachspielen findest du ab sofort in der BodenseeBase.

Pawelzik, Malte – Kind, Bertram
NRW-Liga, März 2020

Wie soll Schwarz fortsetzen? Die Struktur spricht eindeutig für ihn, Weiß hat auch kein wirkliches Gegenspiel, daher steht Schwarz deutlich besser. Der Bauer c3 ist die Hauptschwäche im weißen Lager, aber auch der Bauer auf a3 ist anfällig.

So eine Feststellung ist schön und gut, aber in der Partie hilft die Erkenntnis, besser zu stehen, nur bedingt weiter. Ein Plan muss her, eine Idee, wie sich die weißen Schwächen unter Druck setzen lassen.

So ein Plan muss in dieser Stellung mit dem ins Auge fallenden Zug …Sd5 zusammenhängen: Weitere Kräfte müssen herangeführt werden, um den Druck zu erhöhen. Leider, siehe unten, scheitert unmittelbares …Sd5 taktisch. Außerdem sollte Schwarz sich hüten, zu viel Material vom Brett zu nehmen: Je mehr Figuren verschwinden, desto einfacher die Aufgabe des Verteidigers.

23… Rfe8!?

Bereitet …Sd5 kreativ vor. Ich weiß zwar nicht, ob Bertram alles gesehen hat, aber wir dürfen davon ausgehen.

(Wünschenswert ist 23… Nd5?, aber das scheitert taktisch: 24. Bxg7! Kxg7 25. Qxd5 Qxc3 (25… Qxd5 26. Rxd5 Rxc3 27. a4 =) 26. Qd4+ +=. Weiß ist seinen c-Bauern losgeworden, zudem haben sich noch die Leichtfiguren abgetauscht, und nun verschwinden auch noch die Damen. Die Stellung ist im Gleichgewicht.)

(23… Rfd8!? um …Sd5 vorzubereiten, sieht für mich wie die logische Fortsetzung aus.)

24. Re1

(Falls Weiß einen Nullzug macht, wird die Idee von …Tfe8 sichtbar, zum Beispiel 24. h3 Nd5! 25. Bxg7?? Das scheitert nun an 25… Kxg7 26. Qxd5 Re1+! 27. Kh2 Qxd5 28. Rxd5 Rxb1 und Schwarz gewinnt.)

24… Rxe1+ 25. Rxe1

25… Re8?

Ein klarer Fehler. Ein Turmpaar zu tauschen, war ok, denn Weiß hat danach nicht mehr viele dynamischen Möglichkeiten, während Schwarz noch weiter Druck ausüben kann mit (Dame und Turm+Springer). Gänzlich ohne Türme ist aber der Druck noch geringer, so gering sogar, dass Weiß keine Probleme mehr hat.

(25… Nd5! Schwarz sollte die Belagerung von c3 in Angriff nehmen. Die Verteidigung ist gar nicht so einfach. 26. Qc1! Deckt c3 taktisch, gestützt auf den aktiven Te1.

(26. Qc2? Jetzt kann Schwarz sich bedienen: 26… Nxc3 27. Bxc3 Qxc3 Der Trick 28. Re8+ (vgl. weiter unten) funktioniert nun nicht wegen 28… Kh7 29. Rxc8 Qe1#)

(26. Rc1?! Wäre der menschliche Zug, ist aber auch passiv. Schwarz kann weiter auf die Bauern drücken. Zwar ist noch kein klarer Weg zu erkennen, wie er einen erobern kann, aber Weiß ist zu passiver Verteidigung verdammt, während Schwarz versuchen kann, seine Stellung Schritt für Schritt auszubauen. So eine anhaltende Belagerung ist für den Verteidiger extrem unangenehm.)

26… Nxc3?? 27. Bxc3 Qxc3 28. Re8+! Kh7 29. Rxc8 und hier gibt es kein Matt auf e1.)

26. Rxe8+ Qxe8 27. Kf2 Qa4 28. Qb2 Nd5

Natürlich kann Schwarz noch weiter herumprobieren, aber die weißen Figuren decken alles zuverlässig. Zehn Züge später einigten sich die Kontrahenten auf remis.

Schwarz hatte den kritischen Moment ungenutzt verstreichen lassen.

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