Ein Segen für jedes Kind? Das liegt an uns.

Es liegt an uns. An Trainern, Betreuern und nicht zuletzt den Eltern. Entweder wir wecken die Begeisterung für das Spiel, Ehrgeiz und Eifer, dann profitiert das Kind auf vielfältige Weise von seinem Hobby. Oder wir scheitern. Dann bringt Schach dem Kind – nichts.

Mittlerweile ist es fast eineinhalb Jahre her, dass wir dieses Ergebnis unserer Schachstudie vom Bodensee veröffentlicht haben. Einerseits war es alarmierend: sieben von zehn Kindern könnten auch andere Sachen machen, vom Schach haben sie nichts außer vielleicht ein bisschen Spaß. Und den gibts auch anderswo.

Unsere nicht ganz ernst gemeinte „Studie“ vom Juli 2018. Was wir uns damals nur gedacht haben, hat sich jetzt bestätigt. Und ob es wirklich sieben von zehn Kindern sind, denen Schach nichts bringt, liegt allein an den Betreuern. Weckt Begeisterung und Lust auf Wettkampf bei zehn von zehn, dann ist Schach ein Segen für jedes Kind.

Andererseits: Drei von zehn Kindern dient Schach als konkurrenzlos guter Turbolader für die grauen Zellen, den Kindern nämlich, die ehrgeizig sind und Wettkampf suchen. Mehr noch: Schach lehrt sie soziale Kompetenz: Am Brett sind wir alle gleich. Es lehrt sie, mit Sieg und Niederlage umzugehen, unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen und mit deren Konsequenzen zurechtzukommen. Eine Schule für das Leben.

Nasa, Nuklearfusion und Kinderschach

Bevor ihr euch jetzt fragt, wie ihr es hinbekommt, dass euer Kind zu den dreien gehört und nicht zu den sieben, habt ihr natürlich jedes Recht zu fragen, ob denn die Bodenseestudie überhaupt aussagekräftig ist. Grundlage waren ja nur Beobachtungen unter 20 Kindern aus einem Dorfverein. Repräsentativ ist das nicht, es war nicht einmal eine richtige Studie. Um ehrlich zu sein: Wir waren uns selbst nicht sicher.

Das hat sich jetzt geändert. Doktor David Poston hat nämlich dasselbe herausgefunden wie wir, und seine Studie verdient diesen Namen. Im Hauptberuf beschäftigt sich Poston für die NASA mit Nuklearfusion. Außerdem liebt er Schach, er fördert Kinderschach, und ihn entzückt es, die segensreichen Auswirkungen unseres Spiels auf Kinderhirne und -persönlichkeiten zu sehen.

854 Kinder, sieben Jahre

Allerdings war sich Poston auch nicht ganz sicher. Vielleicht waren die Schachkinder ja schon schlau, bevor sie zum Schach kamen? Vielleicht zieht Schach einfach nur schlaue Kinder an und doofe nicht?

Macht Schach Kinder schlau, oder spielen schlaue Kinder Schach? Ein Henne-Ei-Problem.

Um sicher zu gehen, hat Poston eine Studie durchgeführt, die unsere ganz schön alt aussehen lässt. Sieben Jahre lang hat er sich 854 Kinder angeschaut, deren schulische Leistungen verfolgt und ihren schachlichen Weg noch dazu.

Wer beim Schach ziellos rumdaddelt, bei dem tut sich in der Schule nicht viel. Wer Turniere spielt, der wird in der Schule besser.

Zwar hat sich gezeigt, dass Schach eher schlaue Kinder anzieht, aber eine besondere Rolle spielt dieser Umstand nicht. Viel signifikanter ist, dass ehrgeizige Turnierspieler in der Schule besser werden, egal, ob sie vorher gute oder nicht so gute Schüler waren. Schachkinder, die einmal in der Woche im Schachclub oder in der Schach-AG herumdaddeln und ansonsten kein Interesse am Spiel haben, bleiben in der Schule so gut oder schlecht wie vorher.

Kein Druck, der hilft nie

Den Turbolader-Effekt für die grauen Zellen (und mutmaßlich auch für die Persönlichkeit, dazu gibt es keine Studie) hat Schach eben nur, wenn es ambitioniert betrieben wird. Und daraus ergibt sich im Sinne des Kinds eine Riesenverantwortung für Betreuer und Eltern. Entweder wir wecken Begeisterung und Eifer – oder nicht.

Es muss ja nicht von heute auf morgen passieren. Beim einen dauert es länger, bei der anderen erwacht der Ehrgeiz sofort. Die eine tut sich anfangs schwer, der andere erstürmt die Taktik-Leiter auf Anhieb. Außerdem ist Schach ein Kulturgut, die Regeln sollte jeder kennen, insofern: kein Druck, der hilft sowieso nicht, im Gegenteil.

Anfangs läuft Schach unter Allgemeinbildung und Freizeitvergnügen. Mittelfristig kann das nicht alles sein. Es hat ja so viel mehr zu bieten.

Die Fritz&Fertig-Reihe hat mittlerweile ein wenig Staub angesetzt, aber wenn gerade kein Betreuer zur Hand ist, der Begeisterung und Neugierde wecken kann, dann funktioniert sie immer noch als Einstieg für eine lebenslange Reise auf dem Schachozean.

9 Kommentare zu „Ein Segen für jedes Kind? Das liegt an uns.

  1. Die Frage, ob und in welchem Masse das Schach fördernd, ja eine Art „Lebensschule“ sein kann, ist ja „uralt“.
    (Ich habe seinerzeit ausführlich die – kontrovers diskutierte – Meta-Studie von Marion Bönsch-Kauke (Klüger durch Schach“) rezensiert: https://glarean-magazin.ch/2009/11/15/marion-boensch-kauke-klueger-durch-schach-forschung-und-studien/

    Als passionierte Schach-Adepten laufen wir aber zuweilen schon Gefahr, die Bretter, die für uns die Welt bedeuten, etwas gar missionierend ins psychologisch Positive zu würgen… 🙁

    Andererseits stimmts ja: Schach ist geil 😉
    Also: schönes Plädoyer hier für des Königs Spiel 🙂 Applaus!

  2. «Viel signifikanter ist, dass ehrgeizige Turnierspieler in der Schule besser werden, egal, ob sie vorher gute oder nicht so gute Schüler waren.»

    Für mich die zentrale Erkenntnis der Untersuchung, mMn aber auch ohne Studie logisch herleitbar. Wer (gesund) ehrgeizig ist und seine Schchergebnisse verbessern will, eignet sich zwangsläufig Fähigkeiten aus dem methodischen, wissenschaftlichen Arbeiten an. Egal, ob jetzt mit Hilfe von Büchern oder elektronischer Medien. Und erhält so auch vergleichsweise schnell positive Rückkoppelungen (Partiegewinne, Rating).

    Die Crux der Schulschach AG mal aufgedröselt (nach jahrelanger Erfahrung, aber natürlich ultimativ subjektiv):

    Meist nur 45-60 min in der Woche. Um die außerschachlichen Effekte zu erzielen, die dem Schach oft zugeschrieben werden, müsste man sich mMn mindestens 3x die Woche treffen.
    Sehr heterogene Gruppen
    Im Zusammenhang mit 2. zu große Gruppen (10+ Schüler).
    Ein überraschend hoher Anteil der Kinder hat in der AG zum ersten Mal überhaupt Berührung mit einem Brettspiel.
    Manche Eltern haben übersteigerte Erwartungen an diese 45-60 min/Woche.
    Gilt abgeschwächt auch für Schuldirektionen, wobei da der Aspekt eher in Richtung «wir bieten etwas besonderes, elitäres an» geht.

    PS. Ich selbst spiele seit über 40 Jahren Schach, betreue seit Jahren diverse Schach AG in Grund- und weiterführenden Schulen, maße mir jetzt aber nicht an, besonders gut im Bereich der Pädagogik zu sein.

    1. Und die von dir beschriebene Crux der Schulschach AG gilt ja auch für das Vereinsschach. Die Mehrheit der Kinder wird dort von ihren Eltern einmal pro Woche abgegeben, und dann glauben die Eltern, das allein brächte irgendetwas

      1. Jein. Wenn ja, dann aber nur in abgeschwächter Form. Zumindest in dem Verein, in dem ich spiele. Die Kinder/Jugendlichen dort trainieren 2x die Woche, spielen in Mannschaften und werden auch zu Einzelturnieren «gekarrt».

        Was richtig ist: es bedarf bei einigen Kindern (Alter 7-11) besonderer Geduld, diese an ernsthaftes Schachtraining heranzuführen. Aber der Anteil derer, die selbständig und freiwillig was machen, ist wesentlich höher.

        1. Klar, abgeschwächt. Aber was du beschreibst, wäre aus hiesiger Sicht schon das Paradies. 1xwöchentlich, komplett inhomogene Gruppe, keine Turniere in der Nähe.

  3. Hallo Conrad,

    hast Du Vorschläge für einen ratlosen Vater?

    Mein Sohn, 8, spielt seit 2 Jahren Schach, auch gern, entwickelt aber keinen Ehrgeiz obwohl Talent eigentlich vorhanden wäre.
    Er spielt online alles wild durcheinander (Blitz, Bullet, 960, Antichess, kurz alles, was angeboten wird) und die „Turniere“ (mitunter nur vier Spieler) dort haben für ihn sehr hohe Priorität.
    „Normale“ Partien 60+ spielt er viel zu schnell obwohl er ständig von überall hört, langsamer zu spielen.
    Im Verein ist er auch, da gibt es allerdings kaum Struktur, oft spielen die Kinder einfach irgendwas gegeneinander.
    Letztes Jahr waren wir auf einigen Turnieren, aber er stagniert eher, statt sich zu verbessern.

    1. 8! Das ist schon noch sehr jung. Allemal zu jung, um von „Stagnation“ zu sprechen, würde ich sagen. In dem Alter würde ich davon ausgehen, dass sich die Impulsivität von alleine legt. Ich (Dorfverein, keine Trainerausbildung, insofern Vorsicht vor meinen Ratschlägen) habe hier von Beginn an versucht, ein wenig Wettbewerb zu erzeugen und Anreize zu setzen. Die Kinder lieben Blitzturniere zB. Und sie lieben Eis. Also gibt’s für jeden individuelle Rating-Ziele für Taktik/Rapid auf Lichess, und wenn einer wieder ein Ziel erreicht hat, bringt der Coach zum Training ein Eis mit. Wegen mir sollen sie daheim Blitz/Bullt/Antischach spielen, wenns doch Spaß macht, aber ein Eis vom Coach kann man damit nicht gewinnen 😉 Macht dein Junge keine Taktik? Schachkinder lösen eigentlich gerne Rätsel, und die sind wichtig, dass sich ein Denkprozess ausbildet. Schachlicher Fortschritt, damit einhergehender steigender Schwierigkeitsgrad der Rätsel, hoffe ich, trägt dazu bei, die Impulsivität einzudämmen. Die Aufgaben sollen ja lösbar sein, aber nicht alle auf Anhieb. Ich bin zunehmend zum Fan der Stappen-Sachen geworden, die Aufgaben halte ich für klasse ausgewählt und gemischt. Gibt es auch als DVD, guck mal in diesen Beitrag:

      https://perlenvombodensee.de/2018/12/14/liebe-leidenschaft-und-rausgeschmissenes-geld/

      Das ist, was ich spontan und unstrukturiert anbieten kann 😉

      1. Nachtrag: Turniere sind wichtig, aber idealerweise mit einer Gruppe von Schachkindern, sodass sie sich untereinander vergleichen und ein wenig Wettbewerb entsteht. Mit dem Papa ist auch toll, aber ein fruchtbares Umfeld ist, glaube ich, mitentscheidend. Wenn da bei eurem Verein nur unstrukturierter Quatsch mit den Kindern gemacht wird, dann bring dich halt ein und hilf denen, ein bisschen zu steuern. Vereine sollten eh die Schacheltern viel mehr einbinden.

  4. Sorry Conrad, war erst im Urlaub und dann krank, daher die Antwort erst jetzt.

    Ich bin mir nicht sicher ob man durch eine Trainerausbildung automatisch ein besserer Trainer ist, würde aber einfach mal pauschal sagen: Nein.
    Ich begrüße Input von allen und behalte das Beste 😉

    Mein Sohn macht auch ein wenig Taktik – ich würde sagen das ist wo sein Talent liegt.
    Aber auch hier ist er etwas zu ungeduldig. Er mag Blitztactics und da geht es ja wieder nur um Geschwindigkeit und es wird eben nicht so wie in einer Partie bestraft wenn man sofort das erste zieht, was man sieht, anstatt noch eine Sekunde länger drüber nachzudenken.

    Hast Du positive Erfahrungen mit Belohnungen (Eis) gemacht? Ich dachte das wäre eher nur ein kurzfristiger Ansporn und irgendwie erinnert es mich an den Pawlowschen Hund 😉
    Ich frage mich ja immer noch, wie ich am besten die Eigenmotivation fördern kann – denn die ist die langfristigste.

    Zum Artikel: Schachkalender klingt interessant, mal schauen ob ich da nicht jetzt was günstig schießen kann.

    Zu Deinem Nachtrag. Er hat ja noch eine ältere Schwester, mit der er sich misst. Die ist aktuell stärker, da sie sich die Zeit nimmt tiefer zu denken. Sie hat den Ehrgeiz, den er bräuchte 😉 Bei ihm löst eine Niederlage oder auch Sticheleien aber nichts Besonderes aus.

    Und ich hatte auch schon mal gedacht mich irgendwo einzubringen, allerdings scheitert es an der Zeit, da neben den genannten zwei noch zwei weitere Kinder bei uns rumspringen (noch mehr Schachverrückte :-))

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