Transparenz statt Herrschaftswissen: Gerhard Köhlers Botschaft an den DSB

Hauptamtlichkeit nicht im Präsidium, sondern bei der Organisation von Breitenschach regt Gerhard Köhler an. Wäre die Kostenentwicklung wiederkehrender Veranstaltungen transparent, würden Teilnehmerinnen und Teilnehmer Verständnis für einen separaten Organisationsbeitrag aufbringen. Und der wiederum könne eine halbe Stelle finanzieren.

Vor dem Hintergrund des „ehrenamtlich kaum zu leistenden“ Aufwands im Referendariat für Breitensport schlägt der Präsident des Vereins „Kinderschach in Deutschland“ und der Vorstand der Emanuel-Lasker-Gesellschaft eine solche Regelung vor, verbunden mit finanzieller Transparenz von Veranstaltungen, deren Fehlen der Unternehmer “überrascht” zur Kenntnis nimmt. Das und mehr steht in einem offenen Brief Köhlers an DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach.

Gerhard Köhler. | Foto: Schachstiftung GK

Niemals wieder sollten hauptamtliche Mitarbeiter mit ihrem Herrschaftswissen die Politik des Schachbunds bestimmen, mahnt der 67-Jährige – und betont die eigentliche DSB-Hierarchie: „Das ehrenamtliche Präsidium führt den Schachbund, und hauptamtliche Mitarbeiter sind kenntnisreiche Dienstleister.“ Das Lauterbach-Präsidium fordert er auf, „ein Präsidium der Ermöglicher“ zu werden, eines, das der Jugend finanziellen Spielraum und Eigenverantwortung gibt.

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Ein „besonderes Augenmerk“ wünscht sich Köhler auf Breitensport und Vereinen. „Ein Großteil unserer Mitglieder geht zwischen Jugend- und Seniorenalter verloren“, diagnostiziert er.

Tatsächlich geht der bei weitem größte Teil der Mitglieder beim Übergang von der Schule zu Hochschule/Beruf verloren. In den Erwachsenenjahrgängen danach ist die Mitgliederzahl etwa konstant (die zuletzt stark sinkende Tendenz bei den 41- bis 50-Jährigen fällt auf). Im Senioren- und Rentenalter finden einige Schachfreundinnen und -freunde, die nach der Schulzeit verloren gegangen waren, zum Verein zurück.

Gerhard Köhlers offener Brief:

Sehr verehrte Frau Präsidentin,
liebe Ingrid Lauterbach,

zunächst möchte ich Sie und Ihr neu gewähltes Team zur Wahl beglückwünschen. Sie übernehmen eine wichtige und zugleich reizvolle Aufgabe. Das deutsche Schach verdient es aus vielen Gründen, positiv sichtbar zu sein in unserer Gesellschaft. Es gibt viele Initiativen und ehrenamtliche Enthusiasten, die sich bereits heute täglich um den Schachsport verdient machen. Deren Engagement in Kindergärten, Horten, Schulen, Vereinen und Verbänden gilt es noch besser zu fördern. Ich möchte mit diesem Schreiben offen und transparent einige Anmerkungen über Schwerpunkte ihres von mir erhofften künftigen Wirkens erlauben.

Lassen Sie mich einige wenige mir wichtige Aspekte ansprechen: Zum einen bin ich als Unternehmer überrascht wie wenig finanziell transparent offenkundig bisherige Veranstaltungen des Deutschen Schachbundes waren. Transparenz ist jedoch nicht nur aus planerischen Gründen eine Notwendigkeit für ihr Präsidium und den Haushalt. Es ist zudem in Zeiten steigender Raummieten und sonstiger Kosten eine Notwendigkeit Teilnehmern die Kostenentwicklung offen zu legen. Nur bei hoher Transparenz wird beispielsweise für Veranstaltungen ein höherer Teilnehmerbeitrag akzeptiert.

Ein anderer wichtiger Aspekt in dem Zusammenhang ist, dass bei Ausscheiden von ehren- oder hauptamtlichen Mitarbeitern für die Organisation immer wichtiges Wissen verloren geht. Daher sollte von ihrem Präsidium mehr Transparenz gewagt werden: Neben dem Finanziellen könnte ein Reporting die Erfahrungen von jeder Veranstaltung für nachfolgende Referenten und Ausrichter durch kurze Berichte nutzbar gemacht werden. Auf Dauer entsteht bei zeitnaher öffentlicher Abrechnung jeder Veranstaltung recht schnell eine Wissensdatenbank, die zukünftigen Ausrichtern eine Orientierung geben kann und die Haushaltsplanungen erleichtert.

Grundsätzlich sollten vor allem hauptamtliche Mitarbeiter niemals wieder die Politik des Schachbundes durch Herrschaftswissen bestimmen können. Die angelegte Hierarchie ist eindeutig: Das ehrenamtliche Präsidium führt den Schachbund und hauptamtliche Mitarbeiter sind kenntnisreiche Dienstleister.

Ein anderes Anliegen von mir wird Sie vielleicht überraschen. Emanuel Lasker war eine herausragende Persönlichkeit und ist eine wichtige historische Person für die Entwicklung des Schachs in Deutschland gewesen. Es wäre jedoch für die strategische Ausrichtung eines Verbandes falsch auf einen neuen Weltmeister und einen sich daran anschließenden Schachboom zu hoffen. Natürlich wäre es ein freudiges Ereignis, wenn einer unserer Hoffnungsträger sich wie Emanuel Lasker an die Spitze der Schachwelt setzen könnte. Leider ist solch eine Entwicklung nicht planbar, sondern vor allem ein freudiges Ereignis. Ich möchte daher die Bedeutung des Verbreitens des Schachspiels als wichtigste Aufgabe der Entwicklung des Verbandes herausheben.

Wie Sie wissen engagiere ich mich im Verein Kinderschach in Deutschland, also für eine frühkindliche Beschäftigung mit unserem Spiel. Das mündet in der hervorragenden Jugendarbeit der Deutschen Schachjugend und der Landesschachjugenden. Mit Erstaunen habe ich der Presse entnommen und in Gesprächen erfahren, dass ausgerechnet die Jugend finanziell nicht ausreichend und eigenverantwortlich ausgestattet ist. Was ich höre, klingt nach Selbstbeschäftigung von Hauptamtlichen mit gegenseitigen Anträgen. Schachverwaltung ist sicher notwendig, sollte aber nicht zur Selbstbeschäftigung führen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Neuorganisation dieses Bereiches, seien Sie ein Präsidium der Ermöglicher.

Nach dem Jugend- und Juniorenalter fehlten für viele Mitglieder bis zum 50. Lebensjahr ausreichende Angebote. Vor längerer Zeit hat der Deutsche Schachbund mit der Deutschen Amateurmeisterschaft eine immer noch sehr erfolgreiche Serie etabliert. Dieser Bereich wird als Breitensport bezeichnet. Zum Glück wurde das wichtige Amt des Referenten für Breitensport inzwischen kommissarisch besetzt. Der Arbeitsaufwand, den die Vorgängerin im Amt geleistet hat, nachzulesen in ihrem Bericht, ist allerdings ehrenamtlich kaum zu leisten.

Ein Lösungsansatz für mehrfach pro Jahr stattfindende Veranstaltungen könnte es sein, in der Ausschreibung einen separaten Organisationsbeitrag in Höhe von zehn Euro auszuweisen, der bei 200 Teilnehmern und acht Veranstaltungen bereits 16 Tausend Euro erbringen und eine halbe Stelle finanzieren könnte – bei mehr Teilnehmern einer Veranstaltungsserie wäre der Beitrag des Einzelnen geringer. Ich denke transparent ausgewiesen haben die Teilnehmer Verständnis dafür. Der Schachbund sollte die Verwendung zu diesem Zweck der Organisation der Events garantieren.

Falls der Deutsche Schachbund mehr Mitarbeiter benötigt, dann ist es meines Erachtens sinnvoller, hier anzusetzen, als einen hauptamtlichen Präsidenten oder Vizepräsidenten zu engagieren. Ich hoffe also, dass Sie dem Breitensport und den Vereinen ein besonderes Augenmerk widmen, denn ein Großteil unserer Mitglieder geht zwischen Jugend- und Seniorenalter verloren.

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Team im Namen der Emanuel Lasker Gesellschaft und der Schachstiftung GK gGmbH gutes Gelingen und viel Erfolg.

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Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
11 Monate zuvor

Endlich ein Statement/offener Brief im Bezug auf Leistungsschach und Breitensport.
Herr Köhler hat auch erkannt das man nicht von oben nach unten sondern von unten nach oben zielstreben aufbauen sollte.
Ohne den zahlreichen Unterbau (verlässliche Beitragszahler) funktioniert auch kein nationaler Spitzensport/Leistungssport.
Herr Köhler hat vollkommen recht das ein WM -Titel nicht planbar ist.
Somit ist der Focus einschl. persönliche Förderung eines Hoffnungsträgers vollkommen daneben mit dem Blick aufs Ganze und das geld verpulvert.

Jim Knopf
Jim Knopf
11 Monate zuvor

Im Sinne der von Dr. Köhler eingeforderten Transparenz hätte er zwei Punkte erwähnen sollen, die vermutlich zum Anforderungsprofil der von ihm vorgeschlagenen neuen DSAM-Stelle gehören sollen: Wohnsitz in Dresden und ein Doktortitel in Mathematik.