Schachmonopol mit norwegischem Botschafter

Jetzt ist es amtlich. Chess.com, die mit weitem Abstand größte Schach-Website, hat die „Play Magnus Group“ übernommen. Das verkündeten alle Beteiligten am Mittwoch in einem gemeinsamen Stream, in dem sie einen Ausblick auf das gaben, was 2023 und darüber hinaus zu erwarten ist. „Botschafter“ des neuen Unternehmens wird Magnus Carlsen.

Ankündigungen von chess,com sind mindestens “huge”, Neuerungen stets “exciting” und oft noch “amazing” dazu.

Abgezeichnet hatte sich die Übernahme schon vor knapp vier Monaten. Diese Seite berichtete am 26. August:

Zwar war der Vorstand der norwegischen Gruppe einhellig darauf eingeschworen, zwar stimmten Aufsichtsbehörden bald zu – aber die notwendige 90-Prozent-Mehrheit der Play-Magnus-Aktionäre zunächst nicht. Erst jetzt ist die Übernahme offiziell abgeschlossen. Sie fällt auf ein signifikantes Datum der jüngsten Unternehmensgeschichte. Gerade erst hat chess.com die Zahl von 100 Millionen Mitgliedern erreicht. Diese Duplizität der Ereignisse sei reiner Zufall, teilt das Unternehmen mit.

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In der kurzen Zeit ihres Bestehens hat sich die Play-Magnus-Gruppe in erster Linie durch Käufe bestehender Unternehmen vergrößert. Jetzt versammeln sich mit der Übernahme die originären Angebote ebenso wie die Zukäufe als neue Marken unter dem chess.com-Dach: die Meltwater Champions Chess Tour, Chessable, Chess24, AimChess, Play Magnus, Magnus Academy, Everyman Chess, New In Chess, iChess.net,  GingerGM. Wie deren Zukunft aussieht, erscheint teilweise ungeklärt, in anderen Fällen ist es abzusehen.

Wo die Kunden bislang zwischen zwei Produkten wählen konnten, wo die Zuschauer bislang zwei Turniere verfolgen konnten, mag es künftig keine Auswahl mehr geben. Unter anderem die Flaggschiffturniere beider Unternehmen werden von dieser Folge der Vereinigung betroffen sein, die „Meltwater Champions Chess Tour“ und die „Global Championship“. 2023 sollen diese beiden eine einheitliche Serie bilden. Die soll freilich viel besser sein als alles, zwischen dem es bislang eine Wahl gab, indem sie das Beste der beiden bisherigen Serien vereint.

Ob wirklich irgendwann jemand bessere Angebote macht, bessere Produkte entwickelt, bessere Ideen hat und dafür sorgt, dass beim Schach Wettbewerb das neue Monopol ablöst? Zumindest mittelfristig ist das nicht abzusehen.

Das beginnt beim auszuschüttenden Preisgeld: zwei Millionen Dollar, mehr als jemals in einer Schach-Turnierserie zu gewinnen war. Das Geld soll während der sechs Hauptturniere und dem Finale nicht nur unter Spitzenprofis verteilt werden. Nach Unternehmensangaben sind Qualifikationsrunden geplant, die allen offenstehen. Am 6. Februar 2023 soll die Serie beginnen.

Für Vincent Keymer eröffnete die “Meltwater Champions Chess Tour” mehrere Gelegenheiten, sich mit Weltklassespielern zu messen, zum Beispiel mit Shakriyar Mamedyarov.

Unter den Teilnehmern: der neue Unternehmensbotschafter Magnus Carlsen, der sich gerade erst im Finale der „Speed Chess Championship“ ein denkwürdiges, von mehr als 200.000 Zuschauern verfolgtes Finale mit Hikaru Nakamura geliefert hat. Carlsen wird auch bei der Neuauflage der „PRO Chess League“ mit von der Partie sein, ebenfalls bei weiteren Wettbewerben. Schon seit Ankündigung der Übernahme im August hat Carlsen wieder regelmäßig auf chess.com gespielt, im „Titled Tuesday“. In den Jahren davor hatte Carlsen als Lichess-Stammspieler die Seite gemieden, deren Gesicht er nun ist.

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Magnus Carlsen vs. Hikaru Nakamura. Dieses Duell wird 2023 auf chess.com häufig zu sehen sein. Zuletzt beim Finale der Speed Chess Championship schauten live mehr als 200.000 Menschen zu.
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Anton
Anton
1 Monat zuvor

Magnus ist zumindest wenn es um Duck-Chess geht sehr ehrlich und offen. Dieses amerikatypische “Das ist alles so toll” ist für einen mürrischen Deutschen wie ich einer bin, unerträglich. PMG hat sich völlig verspekuliert in ihrer Geschäftspolitik. Sie haben es über viele Jahre nicht geschafft chess24 als eine Plattform zu gestalten, auf der die Menschen gerne Schach spielen. Das hat sich gerächt. Die Topleute der PMG haben trotzdem abgesahnt. Habe mal wo gelesen was sie alles so verdient haben. Leider kein Link mehr dafür. Waren für viele deutlich über 100.000 im Jahr. Alles ohne Aktienoptionen etc.. Jetzt haben wir im… Weiterlesen »

Ludger Keitlinghaus
Ludger Keitlinghaus
1 Monat zuvor

Nicht schlecht für “Chess.com”, bei dem (der?) ich 1997 und kurz nach der Gründung einige Zeit ein wenig die Klötzchen schob, die bekannte Online-Enzyklopädie berichtet von 400+ Mitarbeitern.Bemerkenswert auch die Übernahme der ‘Play Magnus Group’ :

-> https://playmagnusgroup.com/about/

Mit freundlichen Grüßen und vielen Dank für diesen Bericht
Ludger Keitlinghaus

cyronix
cyronix
30 Tage zuvor

chess.com, also vom jetzigen betreiber, gibt es meines wissens nach erst seit 2007 und ist eigentlich erst seit 2010 als Platform konkurrenzfähig geworden … steckt wohl auch viel Geld dahinter … aber man muss ihnen lassen, dass sie das Schach gekonnt vermarktet haben in den letzten Jahren