Donchenko: Revanche gegen MVL?

Der Status der USA als Schachnation der 2800er ist nicht organisch gewachsen, sondern eingekauft: Caruana, So, Dominguez, zuletzt Aronian. Nun muss der gebürtige Texaner Jeffery Xiong damit leben, dass aus diesem Sonderstatus eine besondere Anspruchshaltung gegenüber den eigenen Nachwuchsleuten erwachsen ist.

Jeffery Xiong. | Fotos: Anna Shtourman/FIDE

Kurz vor seinem 21. Geburtstag steht Xiong bei veritablen 2700 Elo, Extraklasse – eigentlich. Trotzdem wurde am Rande der jüngst beendeten US-Meisterschaften immer wieder angemerkt, es sei Zeit für den nächsten Schritt. Xiong könne ja nicht ewig bei 2700 verharren. Vom Junioren-Weltmeister 2016 wird erwartet, dass er sich baldmöglichst in der Riege der Caruanas, Sos und Aronians einreiht.

Seine US-Meisterschaft 2021 verlief in dieser Hinsicht ernüchternd. Mit 4,5/11 landete Xiong am Rande des Tabellenendes, während ganz oben Fabiano Caruana, Wesley So und ein anderer Youngster den Sieg unter sich ausmachten: Samuel Sevian, ebenfalls bald 21 Jahre alt, aber der Elozahl nach deutlich hinter Xiong einzuordnen.

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Letzterer hat nun das Grand Swiss vor der Brust, eine weitere Gelegenheit, internationale Spitzenklasse nachzuweisen. Dort traf Xiong in der zweiten Runde auf den deutschen Top-Junioren Vincent Keymer, der sich in seiner schachlichen Heimat mit keinerlei Ungeduld und überzogenen Ansprüchen konfrontiert sieht.

Seit der Erfindung der Elo-Zahl vor einem halben Jahrhundert gab es in Deutschland mit Arkadij Naiditsch genau einen Spieler, der die 2700 zu überschreiten vermochte. Nun schauen wir frohgemut zu, wie sich der 16-Jährige aus Saulheim aufmacht, als Zweiter diese Hürde zu nehmen.

Als Zwischenstation steht der Sprung in die Top 100 der Welt an – und unmittelbar bevor?! Nach Keymers Sieg über Xiong fehlt nicht mehr viel, ein Sieg, der zumindest auf diese wilde Weise ohne einen derart couragierten Vortrag des Gegners nicht möglich gewesen wäre. Xiong wollte mit den schwarzen Steinen den ganzen Punkt, das war die Grundlage für ein wildes Handgemenge, das mit einem in einem Dauerschach gefangenen weißen König unentschieden hätte enden können/sollen.

Keymers Sieg war Teil der zweiten aus deutscher Sicht überragenden Grand-Swiss-Runde in Folge. Wieder gab es vier Punkte aus fünf Partien.

Elisabeth Pähtz ist im Frauen-Grand-Swiss nun Teil der Führungsriege, die mit 100 Prozent dasteht. Ihr Schwarzsieg zeichnete sich schon nach dem hübschen 16…e4! ab.

Alexander Donchenko war mit der gleichen Schwarz-Attitüde ans Brett gekommen wie Jeffery Xiong. Ein Zugwiederholung-Remisangebot lehnte der Gießener ab – 18…h5 – und sicherte sich den vollen Punkt:

In der dritten Runde steht Donchenko nun vor einer schönen Aufgabe. Es wartet der französische WM-Kandidat Maxime Vachier-Lagrave, Vierter der Setzliste in Riga. Und mit dem hat Donchenko seit dem Turnier in Wijk an Zee noch eine Rechnung offen:

Die Herren stehen nun kollektiv bei 1,5/2.

Am heutigen Freitag ab 13 Uhr geht es weiter. Die Paarungen (via chess-results.com):

45GMDonchenko AlexanderGER2648GMVachier-Lagrave MaximeFRA27634
11GMYu YangyiCHN2704GMBluebaum MatthiasGER264052
21GMKryvoruchko YuriyUKR2686GMKeymer VincentGER263065
31GMPonkratov PavelRUS2659GMKollars DmitrijGER262177
12IMPaehtz ElisabethGER247522GMLei TingjieCHN25057

Liveübertragung:

auf chess.com
auf chess24

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Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

Wobei Nakamura (kam als Zweijähriger in die USA) ebenso wenig “eingekauft” wurde wie Alexander Donchenko – geboren in Moskau, seit dem vierten Lebensjahr in Gießen. Bei Xiong wird nun “gebürtiger Texaner” explizit erwähnt.

schwichtd
schwichtd
1 Monat zuvor

Danke.

Frank
Frank
1 Monat zuvor

Einige der US-Spitzenspieler sind klar eingekauft (Wesley So, Leinier Dominguez, neuerdings Aronian) und zwar wohl zum überwiegenden Teil von Mega-Sponsor Rex Sinquefield. Caruana, wie auch Hikaru Nakamura) sind es aber nicht. Caruana ist gebürtiger US-Bürger, er ist wie Bobby Fischer in Brooklyn geboren, er hat nur eine geraume Zeitlang in Europa gelebt und gespielt.

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor
Reply to  Frank

Bei Caruana hat Conrad Schormann aus meiner Sicht recht. Er ist zwar in Miami geboren und wohnte dann in Brooklyn, aber danach ging er nach Europa und entwickelte sich da mit Förderung des italienischen Schachverbands vom Talent (das durchbricht oder auch nicht) zum Weltklassespieler. Das weckte Sinquefields Interesse, dann folgte Caruana dem Lockruf des Geldes und das wurde als Heimkehr des verlorenen Sohns verkauft. In einem Jahr hatte Caruana in Wijk aan Zee mir gegenüber einen erneuten Verbandswechsel kategorisch ausgeschlossen, im Jahr darauf sagte er “I owe a lot to Italy but it was time to go home”. Das “I… Weiterlesen »