Keine Elopunkte für König Pepe – eine Turniergeschichte

Pfingstmontag, 20. Mai 2013. Der spanische IM Jose „Pepe“ Cuenca führt beim 4. Oeffinger Open vor der letzten Runde mit einem ganzen Punkt Vorsprung. Eine Woche vorher hat er die offene Stuttgarter Stadtmeisterschaft gewonnen. Kompromisslos, ohne Gefangene zu machen: sechs Siege und eine Niederlage. Wird er diesmal mit einem schnellen Remis den ersten Platz und das damit verbundene Preisgeld absichern? Genau das frage ich ihn, als wir uns vor der Festhalle an der Grillstation begegnen. Er verneint: „Ich will noch mehr Elopunkte dazugewinnen.“

Dass das Turnier gar nicht nach Elo ausgewertet wird, wusste ich als Mitglied der veranstaltenden Schachfreunde Oeffingen natürlich. Hätte ich es ihm sagen und damit in den Lauf der Geschichte bzw. seinen Gedankenprozess eingreifen sollen? Ich tat es nicht und wartete gespannt auf den Beginn der Partie gegen seinen (Vor-) Namenskollegen und Oeffinger-Open Stammgast Josef „Jose“ Gabriel (Vater von Großmeister Christian Gabriel):

https://youtu.be/CFmOvREmQNw

Kleiner Zeitsprung in die Gegenwart:

„Kommst du diesmal nicht zu unserm Open? Wir haben den Teilnehmerrekord von 2017 überboten, und unser neuer Schirmherr Sami Khedira hat gerade mit einer launigen Rede das Turnier eröffnet. Jetzt sitze ich im Turnierleiterkabuff und warte auf das Eintrudeln der ersten Ergebnisse.“

Mit seinem Anruf am Freitagabend vor Pfingsten hatte mich mein Freund und Vereinskollege Jörg Schembera kalt erwischt. Beim Dösen auf dem Sofa war ich durch sein Telefonklingeln unsanft geweckt worden. Leicht orientierungslos fragte ich, worum es bei seinem Anruf überhaupt ginge. „Na, es ist Pfingstwochenende, unser 11. Oeffinger Schachopen läuft seit soeben und ich wunder mich, weil du nicht aufgetaucht bist – zum Mitspielen, oder zumindest als Aufbauhelfer. Hier ist mächtig was los, wir mussten sogar Zusatztische aufstellen, um alle unterzubringen.“

Allmählich wurde ich wach, war aber immer noch genügend gehandicapt, so dass ich ihm in unserem Telefonat die Initiative überlassen musste. „Wie, Oeffinger Schachopen? Das findet doch gar nicht statt?“, entgegnetet ich. „Doch, hier läuft alles prima – komm vorbei und schau’s dir an“, phantasierte er weiter in sein Handy hinein. „Aber wir haben doch immer noch Corona und Veranstaltungs- und Versammlungsverbote und Kontaktbeschränkungen – oder hab ich was verpasst?“ „Was für Corona? Wir spielen ganz normal Schach, ohne Einschränkungen. Und die Leute rennen uns die Bude ein, alle wollen dringend wieder an die Bretter!“ Ich wollte ihm kein Wort glauben, aber da er so beharrlich bei seiner Geschichte blieb, beschlichen mich Zweifel.

Wehmütige Plauderstimmung

War es tatsächlich möglich, dass ich das Ende der Pandemie verschlafen hatte?

Natürlich nicht – mein Anrufer hatte lediglich zufällig genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, um mich mit seinem Scherz vorübergehend verbal mattzusetzen. Tatsächlich war Jörg gerade in unserem seit Beginn des Lockdown-“Light“ Anfang November 2020 verwaisten Vereinsraum mit Aufräumen beschäftigt. In seiner wehmütigen Stimmung hatte er mich angerufen, um jemanden zum Quatschen und zum Schwelgen in Turnier-Erinnerungen zu haben. „Eigentlich wäre jetzt genau der Zeitpunkt, an dem das Open eröffnet würde. Und ich würde auf die ersten beendeten Partien warten“, meinte er.

Wir palawerten noch ein bisschen und vereinbarten einen neuen Telefontermin, an dem ich wacher sein würde und wir uns für diesen dabei spontan geplanten Artilel über die bisher stattgefundenen zehn Auflagen des Oeffinger Opens unterhalten wollten. 

Jörg Schembera (links) und Klaus-Peter Kliem (M.), anfangs der „Mann am Computer. Schembera hofft, dass das Oeffinger Open zu Pfingsten 2022 wieder stattfinden kann. | Alle Fotos: Schachfreunde Öffingen

Jörg Schembera ist der Vorsitzende der Schachfreunde Oeffingen (Stadtteil von Fellbach, ca. 10 Kilometer nordöstlich vom Stuttgarter Stadtzentrum), für die ich seit 2011 spiele. Wir sind also Mannschaftskollegen, haben aber auch außerhalb des Vereins schon viele gemeinsame Schach-Aktionen gestartet, zum Beispiel die zentrale Bundesligaendrunde 2014 in Eppingen besucht oder das Kandidatenturnier 2018 in Berlin. Beim Oeffinger Open ist er Turnierorganisator und Turnierleiter. Ich selber habe beim Oeffinger Open nur selten mitgespielt, da ich zu dieser Jahreszeit meistens Probleme mit Pollen habe.

Hier die Essenz unseres zweites Gesprächs:

Hallo, Jörg. Da ich damals noch kein Oeffinger Spieler war: Wie kam das erste Open zustande?

Zu unserem 50. Vereinsjubiläum wollten wir etwas Besonderes machen. Dazu hat sich ein Open angeboten. Ich hatte es zuvor immer bedauert, dass das einst beliebte Schmidener Open eingestellt worden war (Oeffingen und Schmiden sind benachbarte Stadtteile innerhalb der Stadt Fellbach. Beide Stadtteile haben eigene Schachvereine, den SK Schmiden-Cannstatt in der Oberliga Württemberg und die Schachfreunde Oeffingen in der Bezirksliga Stuttgart, Anm. d. Autors). Die treibende Kraft dieses Turniers war Günther Bisco. Nach seinem Tod gab es das Schmidener Turnier nicht mehr.

Den Spielern in Fellbach und Umgebung nach dem Wegfall des Schmidener Opens ein neues Turnier anzubieten, das war neben unserem Jubiläum ein zusätzlicher Ansporn für ein eigenes Turnier. Als bestmöglicher Termin hat sich aufgrund des zusätzlichen Feiertages Pfingsten angeboten. Außerdem war es übers Pfingstwochenende kein Problem, die Oeffinger Festhalle zu bekommen.

Ganz ideal war es freilich nicht, da ausgerechnet eine Woche vor dem Pfingstwochenende immer die Stuttgarter Stadtmeisterschaft stattfindet und manche Open-Freunde nicht zwei Turniere so kurz hintereinander spielen wollen. Außerdem war an Pfingsten parallel immer das Reutlinger Open und in unseren ersten Jahren auch noch das Crailsheimer Open. Andererseits dachten wir, dass diese Städte weit weg genug sind, sodass wir dann noch den Stuttgarter Einzugsbereich für uns haben sowie das Heilbronner Unterland.

Wie wurde das erste Turnier im Jahr 2010 angenommen?

Für unsere Vorstellungen war es sehr gut. Wir hatten 64 Teilnehmer und viele zusätzliche Besucher und Zuschauer. Wir sahen Möglichkeiten, die Teilnehmerzahl künftig noch zu steigern. Die Turnierausrichtung machte uns allen so viel Spaß, dass wir beschlossen haben, es im Jahr darauf zu wiederholen.

Und lief beim Start gleich alles rund? 

Von den Organisation und von der Turnierleitung her ja. Klaus-Peter Kliem war unser Mann am Computer und mein damaliger Mitstreiter in der Turnierleitung. Er hat sich super in das Turnierprogramm SwissChess eingearbeitet und die Grundlage geschaffen, dass ich nach seinem Ausstieg nach 2014 das Turnier selbstständig weiterführen konnte. Ab 2015 war unser Manfred Rößler mit in der Turnierleitung, und ich habe von Klaus-Peter den Computer „übernommen“.  

Um zu deiner Frage zurückzukommen: Allerdings gab es gleich beim ersten Turnier einen kleinen Eklat. Es gab 2010 einen Doppelsieg. Wir haben nach Buchholz und Buchholzsumme die Feinwertung gemacht. In beiden Kategorien hatten zwei Spieler identische Werte. Wir haben die Preise für die vorderen Positionen dann nach dem Hort-System gerecht aufgeteilt, einer der beiden Co-Sieger fühlte sich jedoch benachteiligt und bestand darauf, dass er alleiniger Erster sei, da er doch eine höhere Buchholzzahl habe, als der andere Co-Sieger. Was er dabei nicht bedachte war, dass es bei jedem Spieler eine Streichwertung gab. Nach den ausgeschriebenen Kriterien lagen also zwei Spieler gemeinsam auf Platz eins. Wir haben uns mit ihm dann nicht auf Diskussionen eingelassen, wonach der Spieler zu mir sagte, er würde nie wieder zu unserem Turnier kommen. Das hat er dann auch wahrgemacht.

Wie ging es in den Jahren danach weiter?

In den ersten Jahren hatten wir immer ähnliche Teilnehmerzahlen. 2012 waren es dann mal nur 45 Teilnehmer, wodurch sich ein kleines finanzielles Defizite ergab. Das haben allerdings freiwillige Spender aus dem Verein aufgefangen.

Die Helfer (v.l.) Peter Eggert und Uli Wittke an der Grillstation, wo sich auch Schiedsrichter Klaus Bornschein (r.) eingefunden hat, um sich mit einem belegten Brötchen zu stärken.

Trotzdem keine ideale Voraussetzung, um das Turnier weiterzuführen.

Ja. Unser Ehrenvorsitzender Uli Wittke hat dann stark darauf gedrängt, dass wir weitermachen. Er war die treibende Kraft für die Fortsetzung, argumentierte, wir müssen Werbung fürs Schach machen. Als das sehen wir das Turnier auch: als Werbung fürs Schach.

Ab dem Folgejahr ging die Teilnehmerzahl auch tatsächlich beständig nach oben mit dem Rekord von 103 Teilnehmern im Jahr 2017. Ein toller Nebeneffekt war, dass das Turnier auch unseren Verein ein bisschen bekannter für neue Spieler gemacht hat. Im Jahr 2012 spielten wir noch in der Kreisliga Stuttgart, inzwischen sind wir ein etablierter Bezirksligist und wären vor einigen Jahren fast in die Landesliga aufgestiegen, Du hast ja selber mitgewirkt.

Hat sich das Turnier von da an gerechnet?

Der Außenverkauf, Getränke, Kuchen, belegte Brötchen und die Sachen vom Grill, hat dazu beigetragen, dass wir danach nie mehr Verluste gemacht haben. Wir haben sogar ein bisschen was verdient, weil alle Helfer ehrenamtlich mitschaffen. Am Startgeld haben wir nie etwas verdient. Das haben wir stets mehr oder weniger komplett als Preisgeld an die Spieler ausgeschüttet.

Was waren für Dich die Highlights der ersten Turnierjahre?

2012 freute es mich, als völlig überraschend die inzwischen verstorbene württembergische Schachlegende Dr. Gerhard Fahnenschmidt mitspielte. Er ließ sich im Rollstuhl zum Turnier bringen, hatte extra eine tägliche An- und Abreise organisiert. Dr. Fahnenschmidt spielte früher für Sindelfingen am ersten Brett in der Bundesliga. Unser Turnier war eines der letzten, die er gespielt hat.

Erst im Nachhinein kann man richtig einschätzen, dass die Teilnahme und der Turniersieg vom heute durch chess 24 populär gewordenen, damals noch unbekannten Jose „Pepe“ Cuenca 2013 ein Höhepunkt war. Vor der letzten Runde hatte er einen ganzen Punkt Vorsprung und hätte sich mit einem Remis zum Turniersieg austrudeln lassen können. Trotzdem hat er in der siebten Runde seine Partie gegen Josef Gabriel von den Stuttgarter Schachfreunden, gegen den er freilich Favorit war, vorbildlich ausgekämpft und wurde mit einem weiteren Sieg belohnt. Respekt, durch diesen Biss wurde er später Großmeister und zusätzlich durch seine lebhafte Art auch als Kommentator bei chess 24 eine große Nummer. Als bisher einziger Spieler hat er das Oeffinger Open mit sieben aus sieben gewonnen.

Pepe Cuenca (links) gewann gegen Josef Gabriel nicht die erhofften Elopunkte, aber die Partie und das Turnier – und das mit 7/7.

Was bedeutete eigentlich das mit „Schirmherr Sami Khedira“ neulich am Telefon – warum hast du den explizit erwähnt?

Das war von mir nicht als Witz gedacht. Er ist Fußballweltmeister, der berühmteste Sohn Oeffingens und hier immer noch gut verwurzelt. Kürzlich beendete er seine Fußballkarriere. Vielleicht hat Sami ja von nun an mehr Zeit und wir können ihn als Schirmherrn gewinnen. Mit seinem seinen Vater habe ich vor vielen Jahren mal für einige Wochen beruflich zusammengearbeitet. Vielleicht werde ich vor dem nächsten Turnier die Fühler ausstrecken. Ich weiß nicht, ob Sami Schachspielen kann – wenn er will, kann ich es ihm ansonsten gern beibringen.

(wird fortgesetzt)

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