Letzte Abzweigung zur Gemeinsamkeit

Fast bis zum bitteren Ende habe ich am Wochenende an der online durchgeführten Mitgliederversammlung der Deutschen Schachjugend teilgenommen. „Schreckliche“ Sitzungen habe ich schon oft erlebt. Seit Sonntag habe ich eine neue Nummer eins auf dieser unnötigen Liste.

Noch im vergangenen Frühjahr in Freiburg erlebte ich die DSJ so, wie ich sie kennen- und vor allem schätzen gelernt habe: kreativ, aktiv und Inhalte diskutierend. Seinerzeit ist mir kein anderer Vertreter eines Landesverbands aufgefallen, der sich für die Arbeit der DSJ interessierte. Vermutlich war ich der einzige. Und nach diesem Wochenende habe ich Anlass, ketzerisch festzustellen, dass das im Sinne der Schachjugend wahrscheinlich gut so war.  

In diesem Jahr interessierten sich viele. Und wie. Der Landesverband, der die Eigenständigkeit seiner Schachjugend seit Jahren als Vorbild herausstellt, war sogar durch Präsident und Vizepräsident des Verbandes der “Großen” mit Stimmrecht vertreten. Irgendwie nicht mein Humor!

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Und sie haben mit anderen “Erwachsenen” der Jugend dann mal gezeigt, was im Leben wirklich wichtig ist: Formalia, Verträge, nicht zu erteilende Entlastungen und ganz viele die Formalien betreffende Redebeiträge. Sechs Stunden für einen Kassenprüfbericht habe ich in 20 Jahren DSB noch nicht erlebt. Einer der jungen Vertreter sprach das nach endlosen Momenten auch an. Ich hoffe, dass er uns trotz seiner spürbaren Enttäuschung in der ehrenamtlichen Arbeit erhalten bleibt.

Foto: Frank Hoppe/Deutscher Schachbund

Zum aus meiner Sicht heikelsten Thema der Versammlung: Entlastet wurden Malte Ibs und Rafael Müdder trotz gegenlautender Antragstellung. Wenn auch mit vielen, aus meiner Sicht nicht gerechtfertigten Gegenstimmen.

Wenn ich meinen Unmut ausdrücken will, kann ich einfach anders wählen. Entlastung zu verweigern, ohne real justiziable Sachverhalte anzuführen, ist aus meiner Sicht ein No-Go. Im DSB ist es seit 2002 ein fast schon standardisiertes Vorgehen. Jetzt haben diejenigen, die das gut finden, es bei der DSJ eingeführt.

Zur Wahl: Herzlichen Glückwunsch, Niklas! Ich wünsche Dir wirklich im Sinne der Sache, die DSJ wird gebraucht, alles Gute und viel Erfolg bei Deiner Arbeit. Es wird schwierig, diese nun in zwei Hälften (131:129) geteilte Struktur zu einen. Umso schwieriger wird es, da die Gewinnerseite auch noch an der letzen möglichen Abzweigung Richtung Gemeinsamkeit, der Wahl zur stellvertretenden Kassenprüferin, ihre Mehrheit plakativ demonstrierte.

Stichwort Kassenprüferin. Es ist einmalig, dass eine Organisation einen Compliance-Beauftragten (mit sehr weitgehenden Befugnissen) einsetzt und quasi zeitgleich eine erst neun Tage zuvor ausgeschiedene ehemalige Mitarbeiterin zur Kassenprüferin wählt. Satiremagazine hätten sich das nicht ausdenken können.

Heute fand die Wahl zum neuen Vorsitzenden der DSJ statt. Niklas Rickmann setzte sich hauchdünn durch. Wir bedanken uns…

Gepostet von Bayerische Schachjugend am Samstag, 8. Mai 2021

Noch ein bisschen Begleitmusik:

  • Malte Ibs wurde nach Jahren ehrenamtlicher Arbeit abgewählt. Die Schachjugend, die diese Abwahl federführend forciert hat, dankt ihm dann abschließend via Facebook für seine Lebensleistung. Mann, Mann…
  • Onlinesitzungen sind manchmal gefährlich. Ich habe bisher noch nie so viel pseudoversachlichte und unterdrückte Aggression ausstrahlende Sitzungsmomente erlebt. Ich hoffe, dass sich die eine oder andere Baustelle im richtigen Leben und Miteinander wieder schließen lässt.

Ich bedanke mich an dieser Stelle mit Nachdruck für die vielen Jahre ehrenamtlicher Arbeit von Malte Ibs für die Schachjugend. Mein Dank gilt auch Rafael Müdder.

Unlängst im Interview mit dieser Seite sagte ich, ich sei „ratlos“. Heute bin ich vor allem von Sorge erfüllt.

Der DSJ wünsche ich, dass sie wieder zu inhaltlicher, kreativer und nachhaltiger Arbeit zurückfinden kann. Wir brauchen im deutschen Schach eine starke Jugend.

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Daniel Hendrich
Daniel Hendrich
1 Jahr zuvor

Hallo Herr Langer,
auf welches Alter würden Sie denn das Teilnahmerecht bei einer Jugendversammlung beschränken?
Wären Sie dann auch davon betroffen?
Glauben Sie denn wirklich, es wurde so lange über den Kassenbericht diskutiert, weil in diesem Bereich so gut gearbeitet wurde?
Sollte man so „unnötige“ Dinge wie eine Entlastung (und am besten auch gleich die Wahlen…) lieber ganz abschaffen?

Last edited 1 Jahr zuvor by Daniel Hendrich
Michael S. Langer
Michael S. Langer
1 Jahr zuvor

Hallo Herr Hendrich! Ich spreche mich für keine Altersbeschränkung aus! Die, die sich in ihrer Landesschachjugend direkt im oder aktiv für den Vorstand engagieren, sollten in der MV abstimmen können. Zur Entlastung: Real justiziabel verwertbare Aspekte können und müssen bei der Entscheidung über eine Entlastung berücksichtigt werden. Solche Aspekte wurden auf mehrfache Nachfrage hin am letzten WE nicht vorgetragen. Ich selbst war Gast ohne Stimmrecht. Viele Grüße!

P.S. Sechs Stunden sind zu lang und weisen auf ein Verlaufen in Details hin.

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
1 Jahr zuvor

Hallo Herr Langer, ich stimme Ihnen zu, sechs Stunden sind deutlich zu lang. Stattdessen (wenn ich dabei gewesen wäre) hätte ich nach spätestens 1 h folgenden Vorschlag gemacht: Entweder man sagt, die Restpunkte sind Penuts und werden im Nachgang schriftlich geklärt oder man lagert die Kassenentlastung aus und eine noch zu bestimmende Arbeitsgruppe bearbeitet die LOP. So machen das zumindest Profis. Da man das komplett anders gemacht hat, gehe ich davon aus, dass die Anzahl der Profis, insbesondere unter den neu hinzugekommenen Ü50ern, sehr überschaubar war. Ich hoffe, dass der AKLV die Sache bei der DSB-MV etwas besser hinbekommt. Bei… Weiterlesen »

Nürnberger
Nürnberger
1 Jahr zuvor

Immerhin war ein hessisches Vorstandsmitglied des Niedersächsischen Schachverband durchaus an der Eskalation beteiligt.

Besserwisser
Besserwisser
1 Jahr zuvor

Die Verselbstständigung der Deutschen Schachjugend zum e.V. musste zwangsläufig dazu führen, dass mit dem direkten Kontakt zu Finanzamt und Registergericht Formalien in den Vorderung geraten. Die beanstandeten Unregelmäßigkeiten haben nicht die Kassenprüfer zu vertreten, sondern die für die Kassenführung Verantwortlichen. Jede andere Betrachtungsweise vertauscht Ursache und Wirkung. Auf Entlastung besteht kein Rechtsanspruch; ich kann nicht erkennen, was daran zu kritisieren ist, wenn die Versammlung sich die Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen gegenüber den Verantwortlichen zumindest vorbehalten möchte. Was an der Bestellung der durch Sachkunde ausgewiesenen Kassenprüferin Satire sein soll, erschließt sich mir nicht. Offenkundig bevorzugt der Autor, der selber etliche eigene Etattöpfe… Weiterlesen »

Last edited 1 Jahr zuvor by Besserwisser
Jan Jettel
1 Jahr zuvor
Reply to  Besserwisser

Daß die Kassenprüferin Sachkenntnis hat, sollte selbstverständlich sein. Dennoch verstößt es mindestens gegen den Geist ernstgemeinter Compliance-Anstrengungen, wenn hier eine direkt in die Abläufe involvierte Person auf einmal zum Kassenprüfer bestellt wird.
Kassenprüfer müssen unabhängig und unbelastet sein. Das ist sie als ehemalige Mitarbeiterin nicht. Dadurch werden leider alle ihre zukünftigen Prüfergebnisse angreifbar, selbst wenn sie inhaltlich einwandfrei sein sollten.
Gerade weil sich um die Finanzen der DSJ so viel Streit entzündet hat, hätte man hier unbedingt eine bessere Lösung finden sollen.

Gerhard Streich
Gerhard Streich
1 Jahr zuvor
Reply to  Besserwisser

Offenkundig bevorzugt der Autor ein Leben, das auf sportlichen Werten beruht; allen voran Freundschaft. Das passt nicht zum Lebensstil von Besserwissern und Korinthenkackern, die sich dann glücklich fühlen, wenn sie anderen ihre Pedanterie aufzwingen können. Rechthaberei ist deren Lebenselixier. Ein fehlender Kassenbeleg bringt sie in Hochform, Kameradschaft ist etwas für Romantiker. Dem Vernehmen nach war die Online-Sitzung eine Horrorshow oder Realsatire oder beides. Pädagogisch wertvoll? Nein! Förderung des Schachspiels? Nein! Wer bereitet diesem Spuk im Deutschen Schachbund ein Ende?

Matthias Seibt
Matthias Seibt
1 Jahr zuvor

Formalia sind kein Selbstzweck. Sie haben nur dienende Funktion. Die (Inhalte der) Arbeit ist (sind) der Selbstzweck.
Eine verweigerte Entlastung führt zum Verlust der Gemeinnützigkeit.
Selbst bei absolut inkorrekter Kassenführung sollte man gut überlegen, ob man die Entlastung verweigert. Ohne Gemeinnützigkeit wird es viel schwieriger für die Arbeit.

Besserwisser
Besserwisser
1 Jahr zuvor
Reply to  Matthias Seibt

“Eine verweigerte Entlastung führt zum Verlust der Gemeinnützigkeit.”
Nein, das stimmt nicht.

Gerhard Streich
Gerhard Streich
1 Jahr zuvor
Reply to  Matthias Seibt

Formalia sind wie Beton. Es kommt drauf an, was man draus macht. Dazu möchte ich dir eine Geschichte erzählen: Vor ein paar Jahren nahm ich als Gast an einer Vorstandssitzung teil. Zu Beginn wurde über eine Stunde lang über einen Fehlbetrag in der Kasse diskutiert. Es ging um rund 200 Euro. Der Kassierer, ein verdientes Mitglied, das seit Jahrzehnten einen Namen in der Schachszene hatte, war schwer erkrankt und deshalb nicht ansprechbar. Was tun? Es wurde ernsthaft erwogen, diesen Schachfreund dafür haftbar zu machen. Die Argumente gingen hin und her. Ich empfand das Szenario als megapeinlich. Wenn ich etwas zu… Weiterlesen »