Schach, Chili, Pfeffer und eine Tragödie

Als der angehende Weltmeister Magnus Carlsen die Red Hot Chili Peppers während des „Rock in Rio“-Festivals 2011 hinter den Kulissen besuchte, ergab sich ein Simultan gegen die komplette Band. Magnus gewann alle Partien, aber Bassist Flea verteidigte sich noch hartnäckig und kreativ, als seine Kollegen längst matt waren.

Bassist Flea kämpfte noch, als seine Kollegen längst matt waren. Letztlich musste auch er gratulieren.

Das Schachspiel umweht die Mitglieder der amerikanischen Funk- und Alternativrockband Red Hot Chili Peppers. Vor allem Flea (bürgerlich: Michael Peter Balzary) gilt als großer Anhänger des königlichen Spiels und bester Schachspieler der Band.

In den Songtexten der mit „Under The Bridge“ vom 1991 erschienen Album „Blood Sugar Sex Magic“ bekannt gewordenen Musiker taucht Schach gelegentlich auf. In „Catch my death“ heißt es beispielsweise:

Chess, let me play my best
When I do regress, let it all unwind,
Cause we’re never confined to board unless,
There’s a second guess…

Sänger Antony Kiedis verwendet in Interviews bildhafte Schachvergleiche zur Untermalung: „Wenn Baron von Münchhausen die vier Red Hot Chili Peppers auf ein Schachbrett gestellt hätte, dann wäre Rick Rubin (Produzenten-Legende, unter anderem Beastie Boys, Slayer, Johnny Cash) wohl der perfekte Schachspieler für dieses Brett.“ 

Zur großen Überraschung der Fans kam es jetzt zu einem fliegenden Wechsel in der Bandbesetzung – mit einem Gewinner und einem Verlierer in einem Drama griechischen Ausmaßes.

Wenn sich ihr Ex in deine Beziehung einschleicht

Vorhang auf: Du bist seit 2010 mit deiner – von vielen anderen umschwärmten – Traumfrau zusammen. Hast sie durch Zuverlässigkeit und jugendlichen Charme für dich gewonnen, nachdem sie von ihrer immergrünen großen Liebe, einer Art On-Off-Beziehung, wieder mal abserviert worden war.

Du päppelst sie auf, hältst sie solide in der Spur…

… ihr lebt in Harmonie ohne Stürme und Schwankungen. Gemeinsam kommt ihr in die Jahre, du wähnst dich ihrer sicher. Und wenn sie nicht gestorben sind… 

Aber der Traumfrau wird es allmählich fad. Sie träumt einfach immer weiter von ihrem verlebten Ex (leider geil!), und wenn der sie noch so oft hat sitzen lassen.

Bizarr, aber wahr: Irgendwann bekommst du mit, dass der alte Lover aus dem Poesiealbum der Erinnerungen im wahren Leben wiederaufersteht und sich peu à peu in ihren Alltag und somit in die eigene Beziehung einschleicht.

Klinghoffer hatte von Beginn an keinen leichten Stand

Du machst dich verrückt, reibst dich innerlich auf, aber kannst nichts gegen die Macht der fremdelnden Gefühle deiner Holden anstellen. Bis irgendwann das Unvermeidliche geschieht: Sie kickt dich vor die Tür. Sie ist jetzt lieber wieder mit ihrem Ex zusammen!

So ist es im übertragenen Sinne dem Gitarristen Josh Klinghoffer ergangen. 2010 war er dazugestoßen, neun Jahre durfte er mitzupfen und Hintergrundgesang beisteuern.

Von Beginn an hatte er keinen leichten Stand, ersetzte er doch den von vielen Fans kultisch verehrten und als Genie betrachteten John Frusciante.

Frusciante verließ die Band 2008 und lebte fortan ausgiebig seine Solo-Ambitionen aus. Schon 1988 bis 1992 war er eine tragende Säule der Band gewesen, die ihren Aufstieg maßgeblich Frusciantes kreativem Output verdankte.

Jetzt kehrt er erneut zurück, ein Festtag für die Fans, die hoffen, dass sich die Red Hot Chili Peppers mit Rückkehrer Frusciante und dessen ausgetüftelten Gitarren-Arrangements zu neuen Höhenflügen aufschwingen.

Todesanzeige mit dem eigenen Namen darauf

Des einen Freud, des anderen Leid: In der amerikanischen Heftausgabe des Musikmagazins Rolling Stone erzählt Josh Klinghoffer in einem erschütternden Bericht nun ausführlich über seinen Rauswurf. Dieser sei zwar im Frieden verlaufen, aber trotzdem äußerst traurig für den offensichtlich schwer Getroffenen („Vor fünf Jahren hätte ich mich noch umgebracht.“). 

Nachdem Klinghofer erfahren hatte, er ist raus, verging gerade mal eine Stunde bis zum offiziellen Abschieds-Statement der Band.

Bishop takes knight,
But I will put up quite a fight…

heißt es im Song „Long Progression“.

Klinghofer blieb keine Zeit, um seinen Job zu kämpfen. Das Statement der Band sah für ihn aus aus wie eine Todesanzeige mit seinem Namen darauf. Es habe die Handschrift des Bassisten getragen.

Gotta kill the queen

Jener bereits erwähnte Schachfreund Flea gilt seit jeher als guter Freund und kongenialer Klampfpartner des nun zurückgekehrten Frusciante. In ihrem Song „Fortune Faded“ vom 2003 erschienen Greatest Hits-Album heißt es:

They say in chess, you gotta kill the queen
And then you mate it
Oh I, do you?
A funny thing, the king who gets himself assassinated
Hey now, every time I lose
Altitude…

Und damit wären wir wieder bei der Gefühlslage von Josh Klinghoffer.

Um die Initiative zu bekommen, um langfristig an der Spitze seiner Disziplin zu bleiben, bedarf es gelegentlich eines Bauernopfers, das objektiv anrüchig sein mag. Schachspieler wissen das nicht erst seit 1986 (das Jahr, in dem die damals unbekannten Chili Peppers in einer Szene des Hollywood-Klassikers „Archie und Harry – Sie können’s nicht lassen“ mit Burt Lancaster und Kirk Douglas auftraten).

Beim WM-Match 1986 beschuldigte Garry Kasparow nach drei Niederlagen am Stück (Partien 17 bis 19) seinen zuvor untadeligen Sekundanten Jewgeni Wladimirow, als Spion für das gegnerische Team von Anatoli Karpow zu arbeiten. Wladimirow wurde gefeuert.

Dass diese Anschuldigung bis heute nicht bewiesen wurde und Kasparow außerdem dafür bekannt war, Gründe für seine Niederlagen gerne bei anderen zu suchen, steht auf einem anderen Blatt. Der Erfolg heiligt die Mittel. Kasparow stoppte den Abwärtstrend und verteidigte den Titel. Strategisch hatte er alles richtig gemacht. Menschlich, na ja.

„Rock in Rio“ mit Magnus Carlsen und den Red Hot Chili Peppers.

Dass die Red Hot Chili Peppers veritable Strategen sind, bekamen sie von höchster Stelle bestätigt, 2011 nämlich, als Magnus Carlsen die Band beim eingangs erwähnten Simultan über den Tisch zog. „Es hat Spaß gemacht, gegen solche Legenden zu spielen“, verbreitete Carlsen damals in einem Blog-Eintrag. „Ihr Schach ist ziemlich gut, sie spielen wohl regelmäßig, wenn sie auf Tour sind.“

Eine Setlist wie ein Best Of, dazu eine explosive Performance: Die Red Hot Chili Peppers am 23. August 2003 live am Slane Castle bei Dublin.

Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de

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