Wie ich fast mein zweites Autogramm von Garri Kasparow bekam

Als Jochen Jansen eine Geschichte mit dem Titel „Wie ich fast mein zweites Autogramm von Garri Kasparow bekam“ vorschlug, dachte der Schreiber dieser Zeilen sogleich an seine persönliche Kasparow-Episode: „Wie ich fast mit Garri Kasparow eine Suppe ausgelöffelt hätte“. Die Suppengeschichte haben wir einst auf Youtube verwurstet:

„Wie ich fast mit Garri Kasparow eine Suppe ausgelöffelt hätte“: Der Betrachter verzeihe den bescheidenen Ton und die simple Optik dieses Videos, das zu den allerersten auf unserem Kanal zählte. Ein ordentliches Mikrofon gab es seinerzeit noch nicht im Perlen-Büro.

Jansens Zweittitel „Don’t mess with the beast from Baku“ deckt sich trefflich mit den Erfahrungen, die wir am Buffet gemacht haben. Don’t mess with him, don’t löffel with him, sprich ihn am besten gar nicht erst an 😉

Jochen Jansen hat das Wort:

Don’t mess with the Beast from Baku

Von Jochen Jansen
(Text und Fotos)

Sie lesen richtig: Es geht hier um mein *zweites* Autogramm des ewigen Schachweltmeisters, denn ich bin bereits seit gut 25 Jahren (oder mehr) im Besitz eines solchen. Damals gab es am Karlsgraben in Aachen noch einen Schachladen. Dessen Besitzer hatte seinerzeit offenbar die Möglichkeit, Garri Kasparow am Rande eines Turniers persönlich zu treffen und nahm zu dieser Gelegenheit clevererweise ein paar aufrollbare Schachbretter mit, um sich diese signieren zu lassen. Und einen dieser Rollpläne konnte ich mir seinerzeit sichern!

Gespielt wurde darauf nie, zu wertvoll die Signatur.

Natürlich wurde darauf nie gespielt: Nein, der wurde schön in einem Rahmen aufgehangen. Jedes Mal, wenn mein Blick auf das Autogramm fiel, fragte ich mich, wie das wohl ist, wenn man mit jemanden wie Garri Kasparow (damals ja das unbestrittene Alpha und Omega des Schachs) Aug’ in Aug’ steht: Ist er wirklich so einschüchternd, wie immer berichtet wurde (wird)? Ist er tatsächlich “das Biest aus Baku”, wie immer geschrieben wurde, oder ist das alles nur PR? Die Gelegenheit, eben das herauszufinden, ergab sich dann im Sommer 2016:

Der aus Mönchengladbach stammende Großmeister Ilja Zaragatski fragte auf Facebook ins öffentliche Rund, ob jemand Interesse hätte an Karten für einen Vortrag von Garri Kasparow in Mönchengladbach. Er selbst sei leider verhindert. Ahm, Moment: Garri Kasparov? In Mönchengladbach?? Zu einem Vortrag??? Aber ja doch, der Vortrag sei abends, nach seiner Simultanvorstellung dort….  WIE JETZT: GARRI KASPAROW SPIELT QUASI VOR DER HAUSTÜR SCHACH? Tatsächlich: Garri Kasparow sollte in der Reihe “Pioniere der Welt” einen Vortrag halten, und da lag es natürlich auf der Hand, zu der Gelegenheit auch eine Simultanvorstellung zu organisieren. Und zack, hatte ich mir eine Karte fürs Simultan gesichert!

Kasparow in Mönchengladbach

Am 2. Juni 2016 war es dann soweit: In der Kaiser-Friedrich-Halle sollte am Nachmittag um 14 Uhr das Simultan mit dem größten aller Schachspieler beginnen. Ich war schon gegen Mittag vor Ort und konnte so während des Aufbaus einen Blick in den Spielsaal werfen und die Leute vor Ort über den geplanten Ablauf befragen, um den möglichst besten Platz zu finden.

Was würde der Meister sagen, wenn er dieses Diagramm sieht? Perlen-Autor Jochen Jansen mit dem Papier, auf dem beinahe Garri Kasparow unterzeichnet hätte.

Und ich war vorbereitet: Ich hatte mir ein Poster gedruckt mit der Stellung nach dem 16. Zug aus der 16. Partie in der WM gegen Karpow vom 15. Oktober 1985 in Moskau: 16 … Sd3! Darauf wollte ich mir ein Autogramm holen, und ich war überdies sehr gespannt, ob die Wahl meines Motives wohl irgendeine Reaktion vom Schachgott würde provozieren können. Mit einem weiteren Schachfreund, der ebenso wie ich viel zu früh angereist war, nahm ich im angrenzenden Restaurant ein kleines Mittagessen zu mir. Die Zeit bis zum Einlass vertrieben wir uns mit Schachgesprächen.

Im Spielsaal hatte ich mir einen Platz schräg hinter dem Tisch des jüngsten Teilnehmers ausgesucht, weil ich so hoffte, an seiner Schulter vorbei direkt über das Brett Kasparow sehen zu können. Zudem war es von diesem Platz aus gut möglich, den gesamten Saal zu überblicken. Wir hatten eine ausgezeichnete Sicht auf die Monitorwand mit den aktuellen Stellungen und Zügen. Wir waren auch keinen Augenblick zu früh im Spielsaal: Kaum hatten wir Platz genommen, füllte sich der Saal rasch.

Bevor es losging erklärte jemand vom Veranstalter den Ablauf, bat um Ruhe während der Spiele, und bat vor allem die Autogrammjäger davon abzusehen, Herrn Kasparow vor dem Spiel zu behelligen, da er sich konzentrieren müsse. Nach dem Spiel würde er gerne für Fotos und Autogramme zur Verfügung stehen. Na, dann…

Er ist unter uns

Irgendwann war er einfach da. Ohne dass jemand etwas mitbekommen hatte, stand er da am Rande des Spielsaales: Garri Kimowitsch Kasparow! Ruhig und emotionslos stand er da, während das Raunen und Tuscheln der Zuschauer immer lauter wurde. Irgendwann bemerkte dann auch der Veranstalter, dass der Star des Tages anwesend war und fing mit seiner Begrüßung an, die der Schachweltmeister ebenso ruhig und emotionslos (von seinem Dolmetscher übersetzt) über sich ergehen ließ.

Freundlich-jovial: Großer Presserummel um jemanden, der anfangs so gar nicht wie ein Biest wirkte. (Alle Fotos: Jochen Jansen)

Dann ging es mit großem Rummel von TV und Presse an die Bretter, und schlagartig änderte sich sein Ausdruck: Die Augen leuchteten auf, und er strahlte über das ganze Gesicht, als er seinen Gegnern die Hand reichte. Nein, das hatte wirklich nichts Einschüchterndes oder gar etwas von einem Biest. Im Gegenteil: Hier sah man jemanden, der Schach nicht nur liebte, sondern ganz offensichtlich auch lebt! Dieser freundlich-joviale Gesichtausdruck ändert sich nach der erste Runde an den Brettern schnell: Jetzt war er hochkonzentriert, auch wenn er die Eröffnungszüge noch quasi im Vorbeimarsch erledigte.

Und ja: Meine Platzwahl erwies als goldrichtig! Aus weniger als drei Metern Entfernung schaute ich Garri Kasparow beim Schachspiel ins Antlitz! Auch die Wahl des Gegners war goldrichtig: Obwohl der vor mir sitzende Simon Bartels mit seinen elf Jahren der mit Abstand jüngste Teilnehmer war, verbrachte der Weltmeister hier immer recht viel Zeit an seinem Brett. Und wir konnten hier hautnah erleben, wie der Weltmeister seinen berühmt-berüchtigten Ausdruck annahm: Die “neutrale Konzentration” war dem typisch grimmigen, kampfeslustig herausfordernd-lauernden Blick gewichen.

Klein-Simon wehrte sich tapfer.

Ja, das kann in der Tat sehr einschüchtern, mein lieber Herr Gesangsverein! Nicht jedoch den kleinen Simon, der dem Weltmeister bereits knapp 20 Züge abgetrotzt hatte (sehr zur Freude auch seiner Eltern, die direkt hinter mir saßen). So mancher Spieler hier war schon vom Weltmeister erledigt worden, doch Simon spielte unbeeindruckt weiter. Mittlerweile wurden die Denkpausen des Weltmeisters am Brett vor uns immer länger: Die Weltmeister verzog das Gesicht, kratzte sich am Kinn, dann am Hinterkopf, dann beides gleichzeitig, eher er seinen Zug machte. Noch länger stand Kasparow nur an einem Brett, und das gehörte dem Kulturdezernenten der Stadt Mönchengladbach, Gerd Fischer, einem der Mitorganisatoren dieses Events. Hier nun verfinsterte sich das Gesicht des Weltmeisters zusehends.

Betrug?

Schließlich brach es aus ihm heraus: “Betrug” wetterte der Weltmeister auf Englisch!

Was war geschehen? Kasparows Management hatte im Vorfeld zur Bedingung gemacht, dass höchstens Spieler der Klasse A antreten durften, zudem hatte bei jedem Spieler seine aktuelle Wertungszahl auf dem Namensschild zu stehen, wohl damit der Weltmeister in etwa abschätzen konnte, wie weit er seine Gegner würde gewähren lassen können. Bei den reinen Freizeitspieler, die ihre Teilnahme in einem Preisausschreiben gewonnen hatten, sollte 0 ELO auf dem Namensschild stehen. Eben dieses 0 ELO stand auf dem Namensschild von Herrn Fischer, und Garri Kasparov reklamiert, dass dieser Mann sicher deutlich besser als 2000 ELO spiele. Er müsse also betrügen!

Nein nein, klärte ihn Fischer auf, er betrüge keineswegs: Er sei erfahrener Klubspieler mit tatsächlich über 2000 ELO. Das sei erst recht Betrug, wetterte der Weltmeister, den so jemand habe erstens gar nicht teilnehmen dürfen, und wenn hätte seine Wertungszahl angegeben werden müsse. Er entschuldige sich bei seinen angereisten Fans, aber bei Betrug mache er nicht mit und würde deswegen jetzt hier abbrechen. Eilfertig kamen Leute des Veranstalter zum Weltmeister und redeten mit Engelszungen auf ihn ein: Das sei ein Versehen irgendwo in der Organisation, niemand habe betrügen wollen, er möge an die Fans denken, usw. Sowas kann natürlich passieren, natürlich auch ausgerechnet beim Kulturdezernenten und Mitveranstalter: Honi soit qui mal y pense!

Was passiert, wenn sich Kasparow bei einem Simultan hinters Licht geführt fühlt.

Kasparow machte weiter, und nun ließ sich sein Gesichtsausdruck am treffendsten mit “angepisst” beschreiben. Er spielte wieder schneller, und ruckzuck flogen immer mehr Gegner raus. Nur vor uns, beim kleinen Simon, da blieb er immer länger stehen. Sein Gesichtsausdruck schien hier zwischen der Freude darüber, dass ein junger Spieler so gut spielt, und Ärger darüber, dass ihm so ein kleiner Junge so eine lange Partie aufbürdet, hin und her zu schwanken. Ganze 28 Züge trotze ihm Simon Bartels am Ende ab!

Ein Weltmeister verschwindet

Am Ende spielte er nur noch gegen Dezernent Fischer: Nach ganzen 57 Zügen und einem tollen Endspiel mit Türmen verbuchte Kasparow auch diese Partie für sich, gab seinem Gegner leicht genervt die Hand – und verschwand wortlos! Wir Autogrammjäger schauten in Richtung Veranstalter, doch da wirkte man genauso irritiert und ratlos wie wir selber waren. Ob der Eile, mit der Kasparow aus dem Saal geeilt war, mutmaßten wir, dass er vielleicht dem Ruf der Natur folgend mal dringend wohin musste. Wir stellten uns also an den Eingang und warteten geduldig. Und warteten. Geduldig. Und warteten…
Schließlich kam jemand und sagte, Herr Kasparow sei in sein Hotel zurückgekehrt, um sich dort auf seinen politischen Vortrag vorzubereiten. Das Simultan habe leider deutlich länger gedauert als geplant.

Da standen wir nun mit unseren Schachbrettern, Postern, und Fotos. Wir posierten noch kurz für die TV-Kameras, ehe wir uns auf den Heimweg machten. Ich trank im Restaurant noch einen Tee, als mich dort die Kunde erreichte, dass man den Weltmeister in dem zwischen Spielstätte und Hotel gelegenen Park gesichtet hätte. Auf in den Park also! Und tatsächlich hatte ich ihn bald entdeckt, in Begleitung. Gestik und Mimik von Kasparow machten aber auch aus einiger Entfernung absolut klar: “Don’t mess with the beast from Baku!”. Nein, gut gelaunt sieht wahrlich anders aus.

Ich ließ das mit dem Autogramm lieber sein. Ich habe ja schließlich schon eines.

Und wenn ich jetzt mein Autogramm betrachte, frage ich mich nicht mehr, wie das wohl ist, wenn man dem Biest aus Baku Aug’ in Aug’ gegenüber steht. Das weiß ich jetzt. Und wie ich das weiß!

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