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Fritz Sämisch

Als Fritz Sämisch in Stuttgart auftauchte - und gar nicht gehen wollte:

Kaffee, Zigaretten und ein Schäferhund: Besuch von Friedrich Sämisch

Karl-Interview mit Michael Dombrowsky, dessen Sämisch-Biografie in diesen Tagen erscheint:

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Friedrich Sämisch – Großmeister wider Willen

Quelle: Michael Dombrowsky in ChessBase, „For Friedrich Sämisch's 125th Birthday

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Kiel, Anfang der fünfziger Jahre. Friedrich Sämisch lebt zurückgezogen im Norden, nachdem er in den Wirren von Krieg und Nachkriegszeit fast alles verloren hat: seine Bibliothek, seine Partienotizen, seine Medaillen. Da erreicht ihn die Nachricht vom FIDE-Kongress in Kopenhagen: Die Weltföderation hat den 53-Jährigen zum Großmeister ernannt – als einzigen Deutschen in einer Liste mit Namen wie Euwe, Maroczy, Reshevsky, Botwinnik und Smyslow.

Sämisch nimmt die Auszeichnung zur Kenntnis, doch statt stolz zu sein, setzt er sich hin und schreibt für die Deutschen Schachhefte einen Aufsatz mit der Frage: „Wer ist Großmeister?“ Seine Antwort ist ernüchternd: Nur, wer gegen alle Berühmtheiten seiner Zeit Siege vorweisen kann, verdiene den Titel. Er selbst habe „nur“ zehn der dreißig maßgeblichen Meister wirklich geschlagen, gegen viele andere lediglich Remis erzielt. Also, so folgert er, gehöre er eigentlich nicht dazu.

Der Biograf Michael Dombrowsky deutet diese Selbstkritik als Beispiel für Sämischs fast schon übertriebene Bescheidenheit. Denn tatsächlich hatte er in seiner Karriere Siege gegen Capablanca, Marshall, Euwe, Nimzowitsch, Réti und Bogoljubow errungen – Namen, die jeden Großmeistertitel rechtfertigen. Dass er später gegen Botwinnik oder Smyslow nicht mehr antreten konnte, lag schlicht daran, dass er bereits über fünfzig war.

So bleibt ein paradoxes Bild: Die FIDE würdigt Sämischs Lebensleistung mit der höchsten Auszeichnung – und der Geehrte selbst zweifelt öffentlich an ihrer Berechtigung. Ein Mann, der brilliante Siege und packende Partien hinterließ, aber zeitlebens davor zurückschreckte, sich selbst „Großmeister“ zu nennen.

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