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Sultan Khan

Die New York Time hat sich in ihrer wunderbaren Serie "Overlooked no more" über bislang nicht ausreichend gewürdigte Persönlichkeiten Sultan Khan angenommen:

He beat some of the world’s top players despite growing up with little access to chess books and not having the same knowledge his rivals possessed.


 

Porträt im Magazin "Dawn":

CHESS: THE WRATH OF KHAN

When Sultan Khan won the British Chess Championship in 1929, it was hailed as an extraordinary achievement for a man of colour. He repeated the feat in 1932 and 1933 and, during an international career spanning only five years, he defeated the predominantly ‘white’ masters of the game including Rubinstein, Flohr, Capablanca and Tartakower.

Der Mann, der andere Regeln lernte und doch Weltklasse wurde

Quelle: The Chess Revolution, „Masters and Matches", 26. Juli 2026, Arne Moll und Peter Doggers

Sultan Khan lernte Schach nach indischen Regeln, die sich fundamental von der europäischen Variante unterschieden – Bauern durften nicht zwei Felder ziehen, Rochade war nicht erlaubt – und wurde binnen weniger Jahre dennoch zu einem der stärksten Spieler der Welt. Das erzählen Peter Dogger und Arne Moll in ihrem Podcast The Chess Revolution. Geboren am 13. April 1903 im ländlichen Punjab, lernte Sultan Khan als Kind zunächst den Koran auswendig und mit neun Jahren das indische Schach, bevor er seine Brüder bald übertraf.

Vom Familienausschluss zur Förderung durch einen Gönner

Nach dem Tod eines älteren Bruders wurde Khan zur Heirat mit dessen verwitweter Frau gezwungen; die Ehe scheiterte rasch, und die Familie verstieß ihn 1925. Unter die Fittiche nahm ihn daraufhin Sir Umar Hayat Khan, ein Stammesführer, Grundbesitzer und späteres Mitglied des Rats des Staatssekretärs für Indien in London. Sir Umar bot ihm Unterkunft, ein monatliches Gehalt und reichlich Gelegenheit zum Spielen. Wie eng oder hierarchisch diese Beziehung tatsächlich war, bleibt bis heute umstritten: Während die 2026 erschienene Biografie von Khans Enkelin und Sohn von einer Freundschaft unter Gleichen spricht, beschreibt der Autor Danny King in seinem Buch von 2020 eher ein Herr-Diener-Verhältnis. Der Schachspieler Reuben Fine überlieferte eine Anekdote vom Turnier in Folkestone, wonach Sir Umar Khan offen als Diener behandelte, was nach damaligem indischem Recht auch formal zutraf.

Ein rasanter Aufstieg in Europa

1928 gewann Khan die All-India-Meisterschaft in Delhi, im Frühjahr 1929 reiste er mit Sir Umar nach London. Dort bezwang er in einer Simultanvorstellung bereits José Raúl Capablanca, wenngleich die britische Presse den Sieg zunächst allein auf einen Fehlgriff des Kubaners zurückführte. Kurz darauf gewann Khan die britische Meisterschaft in Ramsgate 1929 – der erste Übersee-Spieler, dem dies gelang. 1930 belegte er beim Turnier in Liège den zweiten Platz hinter Savielly Tartakower, aber vor Aaron Nimzowitsch, Akiba Rubinstein und Frank Marshall. Sein bekanntestes Spiel bleibt der Sieg gegen Capablanca bei Hastings 1930/31, in dem er den Weltmeister nach eigenem Stil in einer geduldigen, positionellen Partie bezwang. Capablanca selbst würdigte später, dass Khans Erfolg unter diesen Umständen ein Genie offenbare, das nichts weniger als außergewöhnlich sei.

Eigenwilliger Stil ohne Eröffnungstheorie

Khan verfügte über kaum systematisches Eröffnungswissen und verlor gelegentlich sogar ganze Tempi, wie in Partien mit auffälligen Zugumstellungen sichtbar wird. Stattdessen setzte er auf ruhigen, geduldigen Aufbau, machte kaum Fehler und wartete auf gegnerische Ungenauigkeiten – eine Spielweise, die ihn zäh und schwer zu besiegen machte, ähnlich modernen Spielern wie Magnus Carlsen. 1931 gewann er ein Match gegen Tartakower, der Khans „beispiellose Zähigkeit und Vorstellungskraft" lobte.

Rückkehr und posthume Ehrung

1933 kündigte Sir Umar die Rückkehr nach Britisch-Indien an, womit Khans europäische Schachkarriere endete – ein Muster, das an Paul Morphys ähnlich kurzes, aber folgenreiches Gastspiel in Europa ein Jahrhundert zuvor erinnert. Obwohl Khan mehrere später als Großmeister geehrte Spieler bezwungen hatte, fehlte sein Name auf der ersten offiziellen FIDE-Großmeisterliste von 1950 – eine Lücke, die der Weltverband erst 2024 mit der postumen Verleihung des Ehrentitels schloss.

Zwei Biografien, zwei Perspektiven

Zur Frage nach Rassismus und Diskriminierung liefern beide Bücher unterschiedliche Akzente: Ein Zitat des späteren Schachjournalisten Harry Golombek von 1966 bezeichnete Khan als „völlig ungebildet" und „faul" – eine Aussage, die eher die begrenzte westliche Bildungsvorstellung des Autors offenbare als Khans tatsächliche Fähigkeiten. Gleichzeitig finden sich zahlreiche positive zeitgenössische Würdigungen in britischen Schachzeitschriften. Auffällig ist zudem, dass die 2026 erschienene Familienbiografie Kings Buch nicht einmal in ihrer Bibliografie erwähnt – ein Hinweis auf anhaltenden Unmut über dessen Darstellung, die im Titel den Begriff „Indian Servant" verwendet, während die neuere Biografie Khan explizit als „Asias erster Großmeister" und implizit als Pakistani statt Inder einordnet.