Schacholympiade (11): Bronze für Deutschland / Einzelgold für Frederik Svane
Bronze für Deutschland! Die Nationalmannschaft hat zum Abschluss der Schacholympiade 2026 die Niederlande mit 2,5:1,5 besiegt. Sie belegt mit 18:4 Punkten Rang 3 in einem Feld von 206 Mannschaften, die erste Medaille bei Schacholympia seit dem Silber von Istanbul im Jahr 2000. Dazu kommt Einzelgold für Frederik Svane, der mit 8,5/11 und einer 2796-Performance wie vor zwei Jahren die Wertung an seinem Brett gewann.

Gastgeber Usbekistan hat in Samarkand nach dem Sensationserfolg 2022 seinen zweiten Olympiasieg in der offenen Wertung geholt. Indien rettete zum Abschluss ein 2:2 gegen Ungarn und damit die Silbermedaille. Die topgesetzten USA belegen mit 17 Punkten Rang 4.

In der Frauenkonkurrenz sicherte sich China mit einem 3:1-Sieg über Vietnam das siebte Olympia-Gold der Verbandsgeschichte. Kasachstan gewann Silber, Indien Bronze. Die deutschen Frauen besiegten zum Abschluss Montenegro mit 3:1. Sie beenden das Turnier mit 14 Punkten auf Rang 29.
Nach 1964 und 2000 wieder eine Mannschaftsmedaille
Wie vor 26 Jahren bedurfte es für die Männer in der Schlussrunde eines Siegs, um aufs Podium zu kommen. Damals gewann Deutschland in der 14. und letzten Runde 2,5:1,5 gegen England. Artur Jussupow gegen Michael Adams, Robert Hübner gegen Nigel Short und Christopher Lutz gegen John Emms spielten remis. Rustem Dautow besiegte Julian Hodgson.
Bis dahin waren 36 Jahre seit der ersten deutschen Schacholympia-Medaille vergangen: 1964 in Tel Aviv gewann die Bundesrepublik Bronze hinter der Sowjetunion und Jugoslawien. Für Deutschland spielten Wolfgang Unzicker, Klaus Darga, Lothar Schmid, Helmut Pfleger, Dieter Mohrlok und Wolfram Bialas. Damals waren in Vor- und Endrunde sogar 20 Matches zu absolvieren. Helmut Pfleger absolvierte den Wettbewerb unbesiegt mit 12,5/15.
Vor dem Gewinn der ersten Olympiamedaille seit 26 Jahren hatten alle Beteiligten ihre Rechenschieber angeworfen. Klar war, dass ein deutscher Sieg eine Medaille sehr wahrscheinlich machen, aber nicht garantieren würde. Selbst im Falle eines Unentschiedens wäre eine Medaille möglich gewesen, abhängig von den anderen Ergebnissen.
Theoretisch hätte ein Sieg sogar zu Gold führen können. Dafür hätte Usbekistan verlieren müssen, Indien nicht gewinnen dürfen, und hinterher hätte die Feinwertung für Deutschland ausschlagen müssen. Abwegig war dieses Szenario nicht, wie sich an den Brettern bald zeigte. Die Gold- und Silber-Favoriten aus Usbekistan und Indien taten sich in ihren letzten Matches schwer. Die Inder standen kurz davor, gegen Ungarn zu verlieren und aus den Medaillenrängen zu fallen.
Auch die Niederländer, einen Punkt hinter den Deutschen, spekulierten noch auf eine Medaille, die nach Silber 1976 und Bronze 1988 ebenfalls die dritte in der Verbandsgeschichte gewesen wäre. Für Routinier Loek van Wely war es zudem die womöglich letzte Chance, sich ein Schacholympia-Edelmetall umhängen zu lassen. Der 53-Jährige hat schon in Istanbul 2000 mitgespielt. In der achten Runde verlor er damals am Spitzenbrett gegen Artur Jussupow; Deutschland besiegte die Niederlande mit 3:1.

Diesmal spielte er am dritten Brett gegen Frederik Svane – den erfolgreichsten Deutschen dieser Olympiade und eine Hälfte des Svane-Brüderpaars, das zum Abschluss des Turniers wieder Seite an Seite kämpfte. Bundestrainer Jan Gustafsson, einst Coach des niederländischen Teams, ließ angesichts des Svane-Laufs einmal mehr Alexander Donchenko draußen. Aber den Brüdern, die bis dahin die Hälfte aller deutschen Brettpunkte geholt hatten, sollte diesmal kein voller Punkt gelingen.
Das Match: Deutschland vs. Niederlande 2,5:1,5
Für beide war es sogar zeitweise kritisch. Rasmus Svane lief in der Vincent-Keymer-Eröffnung in ein Gambit, auf das er offenbar nicht vorbereitet war. Auf niederländischer Seite bekam Casper Schoppen exzellentes Spiel für den Bauern. Svane fand einen Weg, das Material zurückzugeben und sich in ein schwieriges, aber haltbares Endspiel zu begeben. Eine Zugwiederholung vor der Zeitkontrolle besiegelte die Punkteteilung.

Mit dem 0,5:0,5-Zwischenstand konnten die Deutschen bestens leben, waren sie doch an zwei anderen Brettern auf dem Weg zum Gewinn. Anish Giri hatte am ersten Brett vorwitzig einen Freibauern auf der a-Linie tief ins schwarze Lager laufen lassen. Dort stand er isoliert herum. Vincent Keymer musste nicht viel mehr tun, als ihn einzusammeln, und spielte fortan mit einem Mehrbauern.
Matthias Blübaum spielte sogar mit einer Mehrqualität. In einer statischen Stellung, die auf eine Punkteteilung hinauslaufen schien, schlich sich auf niederländischer Seite eine Nachlässigkeit ein. Jorden van Foreest, bis dahin bei 8/9 mit einer 2800-Performance, übersah einen Doppelangriff am Ende einer dreizügigen Abwicklung. Matthias Blübaum übersah ihn nicht.

Dann war es an Keymer etwas zu übersehen, einen Hebel im Zentrum, der dazu führte, dass sich der schwarze Vorteil in Wohlgefallen auflöste. Wenig später war gar nichts mehr los, und die Kontrahenten einigten sich auf unentschieden. Das würde ja für Deutschland reichen, wenn bei Frederik Svane nichts anbrennt.

Aber in Zeitnot leistete sich auch der zweite Svane eine Schwächephase. Aus einer komfortablen Stellung wurde eine kritische. Im Live-Medaillen-Rechner von Chessnumbers India sank die deutsche Medaillenchance von 80 auf unter 50 Prozent, als Svane in Schwierigkeiten geriet. Zum Glück für Deutschland setzte van Wely nicht energisch genug nach. Svane fand zurück in die Partie und ließ es dann zu keinen Wacklern mehr kommen. Nach 48 Zügen stand auch hier das Unentschieden.
Und so wurde Matthias Blübaum zum Matchwinner des Tages. Seine Mehrqualität zu verwerten, war nicht ganz einfach, so lange noch Damen und damit potenziell schwarze Gegenchancen auf dem Brett waren. Nachdem es ihm schließlich gelungen war, die Damen zu tauschen, war der Rest Formsache. Nach 64 Zügen gab sich van Foreest geschlagen, und das 2,5:1,5 war besiegelt.

„Das zusammen zu schaffen, ist toll!“
„Ich bin auf alle stolz“, sagte Bundestrainer Jan Gustafsson nach dem Gewinn der Bronzemedaille laut einem ersten Bericht des Deutschen Schachbunds. Besonders hob Gustafsson die Reaktion auf die Niederlage gegen Indien hervor: „Danach die Moral zu zeigen und Frankreich und die Niederlande zu schlagen – das war stark.“ Ihn selbst bewegte die verpasste Chance gegen Indien immer noch. „Wir waren ein, zwei Züge davon entfernt, das Match zu gewinnen, dann hätte die Medaille vielleicht eine andere Farbe.“ Als wichtigen Teil des Teams lobte Gustafsson auch Sekundant Dmitrij Kollars. Nacht für Nacht habe „Coach Kollars“ an der Vorbereitung gearbeitet.
Vincent Keymer ordnete Bronze als bislang größten gemeinsamen Erfolg dieser Mannschaft ein: „Ich denke, das ist bisher unser bestes Teamevent.“ Schon die Mannschafts-EM 2023 sei sehr stark gewesen. Nun habe sich Deutschland auch bei der Olympiade gegen die Weltspitze behauptet. Mit seiner eigenen Ausbeute war er weniger zufrieden: „Mit der Spielqualität bin ich relativ zufrieden, mit dem Ergebnis so naja.“ Über allem stand aber die Freude am gemeinsamen Erfolg: „Das zusammen zu schaffen, ist toll.“
Frederik Svane gab einen Einblick in seine Verfassung während der letzten Runde: „So nervös war ich noch nie während einer Partie.“ Umso größer die Erleichterung: „Die Teammedaille bedeutet mir noch viel mehr als meine Einzelmedaille.“
Matthias Blübaum kommentierte seinen entscheidenden Schlussrundensieg gewohnt trocken: „Ist natürlich gut, ausnahmsweise mal eine Partie zu gewinnen.“ Die Medaille sei angesichts der starken Gegner „mehr als verdient“.

In der Tat. Die deutsche Mannschaft hat das erklärte Ziel, sich mit Top-Teams zu messen, übererfüllt. Gegen die vier höher gesetzten Teams haben die Deutschen gespielt und gegen das an sechs gesetzte, die Niederlande, ebenso. Von diesen fünf Vergleichen hat Deutschland drei gewonnen. Außerdem ist die Mannschaft die einzige, der es gelang, dem Turniersieger Usbekistan eine Niederlage zuzufügen – Weltklasse.
Alle Infos zum Verlauf der Schacholympiade stets hier.
(Das Titelfoto entstammt dem Stream zur Siegerehrung)
Korrektur: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, der Erfolg von 2026 sei die dritte Schacholympia-Medaille in der deutschen Schachgeschichte. Angesichts der Erfolge von 1930, 1939 und 1950 war das nicht richtig.










Großen Glückwunsch an alle Beteiligten und herzlichen Dank für die exzellente und umfangreiche tägliche Berichterstattung !!
Die Mannschaft hat hervorragend gespielt!
Keymer und Blübaum habe die Spitzenbretter egalisiert und die beiden Svane Brüder den Rest der Gegner umgelegt! Nicht zu vergessen den Bundestrainer, der eine perfekte Mannschaft nominiert hat, auch in jedem Kampf die richtigen Spieler eingesetzt hat!
Gab es eigentlich irgendwas im Fernsehen, in den Nachrichten oder so, zu der Medaille?