Schacholympiade (10): Die Svane-Brüder besiegen Frankreich / Medaille in Reichweite / Zum Abschluss gegen die Niederlande
Das Indien-Drama in Runde neun ist abgehakt. 3:1 gegen Frankreich! Vor der letzten Runde der Schacholympiade ist die deutsche Mannschaft in einer aussichtsreichen Position, eine Medaille zu gewinnen. Das Team steht nach zehn gespielten Matches bei 16 Punkten. Besser sind nur Usbekistan (18) und Indien (17). Die Frauen verloren ihr Zehntrundenmatch gegen Lettland 1,5:2,5.

Nachdem die Svane-Brüder schon Usbekistan fast im Alleingang besiegt hatten, vollbrachten sie Dasselbe gegen Frankreich. Rasmus und Frederik gewannen ihre Partien, Rasmus glücklich, Frederik klar, dazu zwei halbe Punkte von Matthias Blübaum und Vincent Keymer.

Die Männer treffen in der letzten Runde auf die Niederlande, die Frauen auf Montenegro. Mit einem Sieg zum Abschluss kämen die Männer auf 18 Punkte und sollten mindestens Bronze sicher haben. 18 ist eine Punktzahl, mit der bei Schacholympiaden regelmäßig Medaillen gewonnen werden. Im besonders umkämpften Turnier von 2018 schlossen sogar alle drei Erstplatzierten (China vor den USA und Russland) den Wettbewerb mit 18 Punkten ab.

Dieselbe Rechnung hätten die Franzosen aufmachen können, hätten sie die vor der Runde punktgleichen Deutschen besiegt. Für beide war klar, dass ein Sieg nötig sein würde, um in der letzten Runde ein Match um einen Medaillenrang zu bekommen. Ihre Spitzenposition hatten Deutschland und Frankreich auf unterschiedlichen Wegen erreicht. Die Deutschen gewannen sieben Wettkämpfe und verloren zwei (gegen China und Indien). Die Franzosen waren ungeschlagen. Bis zum Samstag.
Nominell war das französische Team bei der Schacholympiade 2026 nicht ganz so gut, wie es hätte sein können. Seine Neigung, sich Extrawürste zu braten, gilt für Alireza Firouzja nicht nur individuell, auch in Sachen Nationalmannschaft. Vor dem Wettbewerb sortierten ihn die Franzosen aus. Sie verlangen nun ein Bekenntnis zum Team und zum Land. Dass sie das bekommen, erscheint angesichts von Firouzjas kürzlichem Umzug nach Sofia als unwahrscheinlich.
Unbesiegt bei Schacholympia sein, das haben die Deutschen schon 2018 bis zum Schluss geschafft. Im Laufe jenes Turniers trafen die Nachbarländer in der neunten Runde aufeinander. Und am zweiten Brett, Duplizität der Ereignisse, saßen Matthias Blübaum, damals Außenseiter, und der favorisierte Étienne Bacrot einander gegenüber. Diesmal war die Rollenverteilung eine andere, das Ergebnis dasselbe.
Einmal mehr begann der Vergleich mit einer Blübaumschen Punkteteilung. Fast aus der Eröffnung heraus hatte sich ein etwa ausgeglichenes Doppelturmendspiel ergeben, in dem bald beide Seiten keine Wege sahen voranzukommen – 0,5:0,5.
Auch Rasmus Svane war vor acht Jahren dabei. Ihn mögen unangenehme Erinnerungen beschlichen haben. Gegen Christian Bauer hatte er seinerzeit eine fast gewonnene Partie in Zeitnot weggeworfen. Und auch diesmal gegen den französischen Topscorer Marc’Andria Maurizzi (6,5 aus 8 bis dahin) war er auf der Uhr zeitweise 40 Minuten hintendran, während seine grauenhafte Stellung aussah, als würde sie jeden Moment kollabieren.
Dann fand auch noch Maxime Vachier-Lagrave am ersten Brett eine trickreiche taktische Entlastung, die ihm gegen Vincent Keymer den totalen Ausgleich bescherte. Hier ein halber Punkt, bei Rasmus Svane eine Null: Nach zwei Stunden ruhten die deutschen Hoffnungen allein auf Frederik Svane, der sich stabilen Vorteil erspielt hatte. Es sah aus, als würde der jüngere Svane-Bruder dem Team ein 2:2 sichern müssen, nicht das Wunschergebnis, aber wenigstens etwas Zählbares.
Dann sendete der ältere Bruder Lebenszeichen. Rasmus Svanes Hauptverdienst in dieser Partie war, seine Ruine überhaupt bis zur Phase um den 30. Zug zusammengehalten zu haben, sodass Maurizzi noch Gelegenheiten bekam, Fehler zu machen. Anstatt die schwarze Bruchbude auseinanderzuschrauben, verlor der einstige Juniorenweltmeister plötzlich den Faden. Und saß schließlich vor einem verlorenen Endspiel, das Svane sicher verwertete – 1,5:0,5.
Über die Wandlung Frederik Svanes zu einem kompletten Top-Großmeister war an dieser Stelle schon während der Schacholympiade 2024 die Rede. Damals fiel auf, dass der vermeintliche Haudrauf-Svane auch Rasmus-Svane-Stellungen spielen kann. Seit seinem Einzelgold 2024 ist er darin noch besser geworden.
Und das bekam Maxime Lagarde zu spüren. Die Partie gegen den deutschen Topscorer hatte scharf mit entgegengesetzten Rochaden begonnen. Obwohl er sich in solchem Terrain wohlfühlt, hatte Svane stets die Option Endspiel im Auge, da immer wieder die Möglichkeit auftauchte, günstig zu vereinfachen.
Im 25. Zug war es schließlich soweit. Svane nahm die Damen vom Brett, und es entstand ein Endspiel, in dem der bessere Läufer und noch mehr die drei vereinzelten französischen Bauern für den Dänen im deutschen Team sprachen. Wie Svane erst die schwarzen Kräfte an die schwarzen Schwächen band und dann durchbrach – instruktiv! Die Angelegenheit dauerte 66 Züge, aber das Ergebnis stand nie infrage. Mit dem Erfolg hatte Frederik Svane den Mannschaftssieg sichergestellt und seine Turnierperformance über 2800 geschraubt.

Individuell segelt er damit auf Goldkurs. In der Einzelwertung für das dritte Brett hatte er vor der Runde knapp hinter dem Usbeken Nodirbek Yakubboev gelegen. Aber der remisierte in Runde zehn und fiel auf eine Performance von 2798 zurück. Svane, der als einziger Deutscher alle zehn Partien gespielt hat, steht vor der letzten Runde bei 2819.
Und Vincent Keymer? Der hatte sich nach MVLs Ausgleichskombi mit seinen beiden Türmen und fünf Bauern einer Dame und sieben Bauern gegenübergesehen. Er begann von vorne, sich Vorteil zu erarbeiten. Das gelang, aber es gelang nicht, diesen Vorteil entscheidend zu vergrößern. Beim Check der Partie hinterher wird Keymer festgestellt haben, dass die Chance da war. Sie verstrich ungenutzt. Nach 82 Zügen einigten sich die Kontrahenten auf remis – 3:1.
Alle Infos zum Verlauf der Schacholympiade stets hier.
(Titelfoto: Rafal Oleksiewicz/FIDE)









