Schacholympiade (9): Donchenko-Drama beim 1,5:2,5 gegen Indien / Den Frauen hilft Wagners erster Sieg beim 1,5:2,5 gegen Indonesien nicht
War das bitter. Gegen die an zwei gesetzten Inder stand die deutsche Nationalmannschaft bei der Schacholympiade 2026 kurz davor, nach den USA und Usbekistan einen weiteren Topfavoriten zu besiegen. Was ein 3:1 hätte werden können, wurde ein 1,5:2,5. Die Frauen unterlagen Indonesien mit demselben Ergebnis. Sie haben den Anschluss an die Tabellenspitze verloren.

„Heartbreaking“ fand es Kommentator Christian Cirila, als Alexander Donchenko seine bis dahin glänzend vorgetragene Partie gegen Weltmeister Gukesh Dommaraju entglitt und aus der sicher geglaubten Eins eine Null wurde. Der einzige deutsche Sieg des Tages gelang Dinara Wagner. Ihr erster Sieg im Turnier vermochte das verkorkste Match gegen Indonesien nicht zu retten.

Zwei Runden vor Schluss liegen die Männer einen Punkt hinter den Medaillenrängen. Zwei Punkte trennen sie von Tabellenführer Usbekistan, das ein umkämpftes, intensives Match gegen die USA 2,5:1,5 gewann. Die Frauen liegen jetzt drei Punkte hinter den Medaillenrängen. In der zehnten Runde am Samstag treffen die Männer auf die punktgleichen Franzosen, die am Freitag beim 2:2 gegen China knapp an einem Sieg vorbeischrammten. Die Frauen spielen gegen Lettland.

Aufstellungsfragen hier wie dort
Gestern Usbekistan, heute Indien. Nach dem 2,5:1,5 gegen den Olympiasieger von 2022 traf Deutschland auf den Gewinner von 2024. Wer wissen wollte, welch geballte Klasse die Deutschen gegen das an zwei gesetzte Team erwartete, musste nur die indische Mannschaftsaufstellung anschauen: Praggnanandhaa, Arjun Erigaisi, Nihal Sarin. Und dahinter der Weltmeister.

Gukesh an Brett vier! Der Mann, der bei den vergangenen beiden Olympiaden jeweils Gold am Spitzenbrett gewann, hat sich angesichts seiner Formkrise hinter drei Landsleuten einsortiert. Das sei seine Idee gewesen, hat Gukesh mehrfach berichtet. Und erklärt, er wäre auch ganz außen vor geblieben, wenn das die beste Lösung für die Mannschaft wäre. In einem Wettbewerb wie der Schacholympiade gehe es um das Land und das Team, nicht um Einzelschicksale.
Auf deutscher Seite waren Keymer und Frederik Svane gesetzt, die Aufstellungsfrage trotzdem spannend. Sollte Matthias Blübaum nach seiner Niederlage gegen Usbekistan eine Pause bekommen? Und wenn nicht, wen gegen Gukesh ins Gefecht schicken? Rasmus Svane oder Alexander Donchenko?

Auf Blübaum wollte Jan Gustafsson nicht verzichten. „Jeder ist sauer, wenn er eine Partie verliert“, sagte er im DSB-Gespräch. Und verlangt von seinen Leuten nach Rückschlagen, am nächsten Tag wieder einsatzfähig zu sein. Gerade Blübaum beschreibt Gustafsson als verlässlich, als jemanden, der sich von einer verlorenen Partie nicht umwerfen lässt. Und das erst recht nicht, wenn doch die Mannschaft trotzdem gewonnen hat.
“Ich habe einen Würfel mitgebracht”, erklärte Gustafsson augenzwinkernd zur Wahl an Brett vier gegenüber ChessBase India. Seine Entscheidung für Donchenko repräsentierte gegen das an drei Brettern nominell klar überlegene indische Team die Zocker-Variante. Svane mit Weiß gegen Gukesh hätte mit einiger Wahrscheinlichkeit zu einer Punkteteilung geführt. Donchenko ist eher in der Lage, einen Elitegroßmeister zu besiegen, kann sich aber auch eine Null einhandeln.

Auf indischer Seite war nach zwei Niederlagen in Folge etwas überraschend Nihal Sarin in der Mannschaft geblieben. An seinem Brett trafen zwei Spieler aufeinander, die bereits eine olympische Einzelgoldmedaille gewonnen haben. Nihal holte sie 2022 an Brett zwei, Svane 2024 als Reservespieler. Diesmal hatte Nihal Sarin gegen den deutschen Top-Performer offenbar den Auftrag bekommen, mit Weiß solide zu sein.
Die Männer: 1,5:2,5 gegen Indonesien
Es wurde dann eine recht statische Angelegenheit, die für Unkundige nach dem 23. Zug sogar etwas besser für Weiß aussah: Ein auf d5 eingepflanzter Zentralspringer, ein auf die achte Reihe eingedrungener Turm. Aber tatsächlich stand Schwarz besser, und das sogar erstaunlich klar, weil der Turm vor allem im Hinterland fehlte und der Springer gebraucht worden wäre, um seinen isolierten Stützpunkt-Bauern auf e4 zu decken.

Svane standen zwei verlockende Wege offen, ins bloßgelegte weiße Hinterland einzudringen, einer, der zu einem fast gewonnenen Endspiel führt, und einer, der die Damen drauflässt und Königsangriff als Option erhält. Svane entschied sich für Letzteren, aber der hatte einen Haken, die einzige Verteidigung. Und Sarin fand sie.

Danach entstand ein ausgelutschtes Endspiel, in dem für beide Seiten nicht mehr viel ging. Nach 35 Zügen vereinbarten die Kontrahenten Remis. “Riesig für Indien” fand das der im FIDE-Stream kommentierende Chirila, schien sich zu diesem Zeitpunkt doch, inklusive einer Null bei Nihal Sarin, eine hohe indische Niederlage anzukündigen: Donchenko mit starkem Druck gegen Gukesh, Blübaum mit einer Mehrfigur in einem wilden Handgemenge gegen Arjun, Keymer solide.
Insbesondere den vollen Punkt am vierten Brett konnten die Deutschen bei ihren Hochrechnungen angesichts der Galavorstellung Donchenkos einplanen. Zwar hatte der Weltmeister die a-Linie für seine beiden Türme erobert, nur spielte die Musik auf der anderen Seite – und da fehlten die Türme. Nachdem er Gukeshs Versuch, das Wasser zu trüben, elegant abmoderiert hatte (43.g4!), konnte es sich Donchenko aussuchen: Sofort den offenen schwarzen König in die Mangel nehmen oder, die grausame Variante, erst in aller Ruhe am Damenflügel rollen, wo die schwarzen Kräfte nicht recht wussten, wohin mit sich.

Donchenko wählte die dritte Option. Er ließ sich auf die Provokation ein, die ihm Gukesh auf h3 vorgesetzt hatte: ein schwarzer Bauer, unzureichend verteidigt und leicht eroberbar. Es geschah, worauf Gukesh hoffte. Donchenko investierte zwei Tempi und räumte seine Grundreihe, um den kecken Eindringling einzusammeln. “Und so bekam ich Gegenspiel und etwas Aktivität, meine einzige Hoffnung”, erklärte der Weltmeister nach der Partie.

Was eben noch gewonnen schien, war plötzlich nicht mehr so klar. Donchenko hätte per Damentausch ein etwas besseres Endspiel bekommen können, entschied aber, die Damen draufzulassen – und hatte damit endgültig das Momentum verloren. Und den Faden. Fünf Züge später war es schon vorbei, Indien führte 1,5:0,5.

Während Keymer einem Schwarzremis entgegensteuerte, stand Matthias Blübaum vor der Frage, wie er ein ungewinnbares Endspiel gewinnen soll. Sein Duell gegen Arjun Erigaisi war die aufregendste, offenste aller Partien gewesen, was mit einer zweischneidigen Entscheidung des Inders zusammenhängt. Eigentlich hatte Arjun das frühe Mittelspiel gewonnen, hätte in aller Ruhe seinen Vorteil ausbauen können, aber steckte für eine Reihe von Bauern eine Figur ins Geschäft. Hätte er richtig fortgesetzt, wäre auch das vorteilhaft gewesen, aber er ließ Blübaum zurück in die Partie.

Im 31. Zug stand Blübaum vor einer Wegscheide. In ein Endspiel abwickeln, das wahrscheinlich remis endet, oder, riskanter, ungeachtet der schwarzen Freibauern versuchen, die Mehrfigur zu verwerten? Blübaum schaute nach rechts, erahnte den halben Punkt bei Keymer, schaute nach links, sah Donchenkos Fast-Gewinnstellung, und entschied sich im Sinne eines 2,5:1,5-Sieges für die solide Option. Wenig später hatte Donchenko verloren – und Blübaum keine Gewinnchance mehr, die er nun dringend gebraucht hätte.

Nominell auf Augenhöhe waren die Deutschen nur am ersten Brett. Die beiden 2760er Vincent Keymer und Praggnanandhaa suchten beide ihre Chance, ohne sich Blößen zu geben. Das hochklassige Duell blieb, bis auf einen Schreckmoment im Endspiel, in der Waage, bis auch hier nach 57 Zügen der Punkt geteilt war und die Inder sich über einen glücklichen Sieg über Deutschland freuen konnten.

Die Frauen: 1,5:2,5 gegen Indonesien
Während die Männer in Medaillenreichweite bleiben, ist die Podium-Chance der Frauen nach der Niederlage gegen das nominell deutlich schwächere indonesische Team nur noch theoretischer Natur, wenn überhaupt.
Bei Lara Schulze sah es gegen Ende einer wechselhaften Partie aus, als stünde eine Invasion ihrer Truppen am indonesischen Damenflügel bevor. Aber Schulze blies die Invasion ab, begab sich in ein gerade noch ausgeglichenes Endspiel und bot remis an. Individuell eine zaghafte Entscheidung, aber im Mannschaftssinne zu diesem Zeitpunkt womöglich angezeigt.
Zumindest für Leute, die die Partie von Elisabeth Pähtz verstehen. Nach der Eröffnung sah das sehr gut aus, dann wurde es ein wildes Hauen und Stechen, und als sich der Pulverdampf verzogen hatte, spielte nur noch die Indonesierin – 0,5:1,5.

Nebenan kam Dinara Wagner zu ihrem ersten Sieg im Turnier. In schwieriger Lage unterlief der Indonesierin ein Fehlgriff, der am Ende einer langen Sequenz Material verlor. Aber das rettete das deutsche Team nicht. Jana Schneiders Gegnerin hatte einen Bauern für Initiative gegeben. Als der kritische Moment gekommen war, fand Schneider den einzigen Zug nicht, und die Partie sowie der Mannschaftskampf waren verloren.
Alle Infos zum Verlauf der Schacholympiade stets hier.
(Titelfoto: Rafal Oleksiewicz/FIDE)








