September 1939, Deutschlands einziger Schacholympiasieg: In Buenos Aires rang die Mannschaft mit Polen um Gold. In Europa überrannte die Wehrmacht das Nachbarland.
Im Teatro Politeama in Buenos Aires versammelten sich am Abend des 18. September 1939 hunderte Menschen zur Siegerehrung. Politiker waren gekommen, Diplomaten, dazu der Schachtross und das Publikum, das das Turnier seit Wochen verfolgte. Deutschland als Gewinner der Schacholympiade bekam den Hamilton-Russell-Pokal, den der britische Mäzen Frederick Gustavus Hamilton-Russell 1927 für die Schacholympiade gestiftet hatte.
Als der Sieger bekanntgegeben wurde, applaudierten die wenigen Deutschen im Saal, spärlicher Beifall. Dann wurde der Zweite aufgerufen: Polen. Jubel brach aus. “Kühle gegenüber den Deutschen, Beifall für die Polen”, notierte tags darauf der Buenos Aires Herald.

Deutschland hatte die wichtigste Mannschaftstrophäe des Schachs gewonnen, einen halben Punkt vor Polen. Während in Buenos Aires die Preise verteilt wurden, überrannte in Europa die Wehrmacht das Nachbarland.
Bis heute ist Buenos Aires 1939 Deutschlands einziger Sieg bei einer Schacholympiade. An der Mannschaft des damaligen Großdeutschlands lässt sich die Expansion des NS-Staats ablesen. Erich Eliskases am ersten Brett sowie Kapitän Albert Becker am vierten Brett waren Österreicher. Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 waren sie für die deutsche Auswahl verfügbar geworden.

Jüdische Spieler gab es im deutschen Team 1939 längst nicht mehr. Seit 1933 drängte der Großdeutsche Schachbund sie aus Vereinen und Verbänden. Einer von ihnen spielte in Buenos Aires nun für Palästina: Heinz Foerder, 1909 in Breslau geboren, hatte 1928 bei der Olympiade in Den Haag noch Deutschland vertreten. 1934 emigrierte er nach Palästina. Die Begegnung zwischen Nazideutschland und Foerders neuer Mannschaft sollte zu einem politischen Streitfall werden.

Die erste Olympiade fern von Europa
Buenos Aires richtete die achte Schacholympiade aus, die erste außerhalb Europas. 27 Mannschaften wurden auf vier Vorrundengruppen verteilt. Die besten Teams erreichten das A-Finale.
Die Besetzung war stark, wenngleich nicht komplett. Die USA, die die vier vorherigen Olympiaden gewonnen hatten, fehlten. Ungarn und Jugoslawien waren ebenfalls nicht dabei. Und doch spielten einige der Größten ihrer Zeit: Weltmeister Alexander Aljechin für Frankreich, der frühere Weltmeister José Raúl Capablanca für Kuba bei seinem letzten großen internationalen Auftritt, Paul Keres für Estland, dessen Unabhängigkeit das geheime Zusatzprotokoll des im August beschlossenen Hitler-Stalin-Pakts bedrohte, sowie Savielly Tartakower und Mieczysław Najdorf für Polen.

Fast alle Europäer waren mit dem Passagierschiff „Piriápolis“ angereist. Diese Atlantiküberquerung im Zeichen des Schachs diente dem Autor Stefan Zweig als Vorbild für die Überfahrt in der Schachnovelle.
Am ersten Tag der Endrunde überfällt Deutschland Polen
Am 1. September begann in Buenos Aires das A-Finale. Am selben Tag überfiel die Wehrmacht Polen. Im Turnierbuch bekam der Krieg später ein Kapitel. Die argentinischen Veranstalter beschrieben den Gegensatz: In Buenos Aires feierten Menschen verschiedener Länder ein Fest internationaler Verständigung, ein „Völkertreffen“, während Europa in die Katastrophe stürzt.
England zog seine Mannschaft zurück. Hugh Alexander, Harry Golombek und Stuart Milner-Barry gehörten zu den Spielern, die nach Europa zurückkehrten. Alexander, Golombek und Milner-Barry sollten später in Bletchley Park an der Entschlüsselung deutscher Nachrichten arbeiten.
Andere Mannschaften blieben. Die Olympiade wurde fortgesetzt, aber sie konnte nicht weitergehen wie zuvor. Deutschland und Polen sollten gegeneinander spielen. Frankreich befand sich im Krieg mit Deutschland. Die Mannschaft Palästinas, deren Spieler jüdisch waren, wollte nicht gegen die Deutschen antreten.
Deutschland gegen Polen: 2:2 kampflos
Sechs Begegnungen des A-Finales wurden schließlich nicht gespielt und mit 2:2 gewertet. Dazu gehörten Deutschland gegen Polen, Deutschland gegen Frankreich und Deutschland gegen Palästina. Auch Begegnungen Böhmen-Mährens mit Polen und Frankreich fielen aus; Argentinien spielte ebenfalls nicht gegen Palästina.
Am 5. Oktober 1939, gut zwei Wochen nach dem Turnier, schrieb Kapitän Albert Becker aus Argentinien an Max Blümich, den Chefredakteur der Deutschen Schachzeitung. Beckers Sprache zeigt, wie er auf den Konflikt blickte. Die jüdischen Spieler Palästinas bezeichnete er pauschal als „die Juden“. Gegner Deutschlands erscheinen in seinem Brief als „Deutschfeinde“. Seine Zeilen an Blümich beendete Becker mit „Heil Hitler!“
Becker schildert, die Idee, Deutschland gegen Polen und Frankreich nicht spielen zu lassen, sei von Aljechin und Tartakower ausgegangen. Er empfand das als gegen Deutschland gerichteten „moralischen Boykott“. Becker wollte nach seiner Darstellung zunächst spielen. Erst nach Verhandlungen und Interventionen gab die deutsche Seite nach.
Becker verlangte anschließend, auch die Begegnungen der tschechischen Mannschaft gegen Polen und Frankreich ohne Spiel mit 2:2 zu werten. Hintergrund war die Zerschlagung der Tschechoslowakei: Deutschland hatte 1938 die Sudetengebiete annektiert und im März 1939 auch die übrigen tschechischen Gebiete besetzt. Die Slowakei war unter deutschem Druck zu einem formal selbstständigen Staat geworden. Die tschechischen Spieler traten in Buenos Aires deshalb unter dem Namen des Besatzungsgebiets „Protektorat Böhmen und Mähren“ an. Sie bildeten zwar eine eigene Mannschaft, doch die deutsche Delegation beanspruchte, dass für sie dieselben Spielverzichte gelten sollten wie für Deutschland.
Die palästinensische Mannschaft wollte nicht gegen Deutschland antreten. Becker lehnte ein kampfloses 2:2 zunächst ab. Die Lösung bestand schließlich darin, auch die Begegnung zwischen Gastgeber und Mitfavorit Argentinien und Palästina ausfallen zu lassen und mit 2:2 zu werten.
Deutschland 36, Polen 35,5
Im A-Finale verlor Deutschland keinen Mannschaftskampf: neun Siege, fünf Unentschieden, drei davon kampflos. Mit einem 3:1 über Schweden in der vorletzten Runde legte die großdeutsche Mannschaft den Grundstein für den Turniersieg. Deutschland stand danach bei 34 Punkten. Polen hatte 32 (damals zählten Brettpunkte).
Tags darauf am 18. September war das gut gefüllte Teatro Politeama Schauplatz der letzten Runde. Deutschland spielte gegen die Niederlande, die den deutschen Sieg noch hätten gefährden können. Alle vier Partien endeten remis – 2:2.
Deutschland hatte 36 Punkte. Die Polen besiegten Dänemark 3,5:0,5 und kamen auf 35,5. Ein halber Punkt fehlte. Deutschland war Olympiasieger.
Der erfolgreichste deutsche Spieler war Ludwig Engels, der am dritten Brett das Turnier seines Lebens spielte. Über Vor- und Endrunde erzielte er 14 Punkte aus 16 Partien. Im A-Finale kam Engels auf 9,5 Punkte aus 11 Partien und gewann den Brettpreis. Auch Paul Michel blieb ungeschlagen. Er erzielte 8,5 aus 14. Eliskases kam auf 9,5 aus 14, Becker auf 7,5 aus 12, Heinrich Reinhardt auf 6,5 aus 12.

Sportlich verdient?
Deutschland bekam gegen Polen, Frankreich und Palästina jeweils zwei Punkte, ohne zu spielen. Das konnte ein Vorteil sein: Die Mannschaft sparte Kraft. Es konnte sie aber auch Punkte kosten.
Roberto Grau, Mitorganisator und Brett eins für Argentinien, schrieb unmittelbar nach dem Turnier in La Nación, die Punkteteilungen mit Polen, Frankreich und Palästina könnten Deutschland geschadet haben. Zugleich hätten die freien Tage einen erheblichen Wert gehabt. Graus Urteil über den Sieger fiel dennoch eindeutig aus: Deutschlands Mannschaft habe eine „außergewöhnliche Solidität“ besessen. Eliskases sei ein unbestrittener Meister, Michel und Engels hätten die Stärke der besten argentinischen Spieler gehabt, Becker sei ein bewährter Meister und Theoretiker und selbst Reinhardt einer der stärksten Ersatzspieler des Turniers.
Graus Blick auf Polen war wohlwollender. Die Polen, schrieb er, hätten bewundernswert gespielt. Ohne die seelische Belastung durch die Katastrophe in ihrer Heimat hätten sie den deutschen Sieg ernsthaft gefährdet. Als Beispiel für die Belastung führte Grau Teodor Regedziński an. Regedzińskis Frau und Kinder befanden sich in Łódź. Nach dem deutschen Überfall auf Polen erhielt er keine Nachricht von ihnen. Grau beschrieb diese Ungewissheit als dauernde Qual.

Regedzińskis Mitspieler Mieczysław Najdorf kehrte nach der Olympiade nicht nach Polen zurück. Er ließ sich in Argentinien nieder. Seine Frau, seine Tochter, seine Eltern und weitere Angehörige blieben in Polen zurück. Fast seine gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet. Najdorf versuchte während des Krieges, mit spektakulären Schachauftritten auf sich aufmerksam zu machen. Er hoffte, die Nachricht, dass er lebt, würde seine Familie erreichen. Später sagte er über den Bruch von 1939, er habe zwei Leben geführt: ein polnisches bis zum Turnier von Buenos Aires und danach ein argentinisches. Heute ist der zweifache WM-Kandidat (1950 und 53) vor allem als Miguel Najdorf bekannt.

„Wir können schwer heim!“
Für die Deutschen war mit der Pokalübergabe nicht nur das Turnier beendet. Ihre Reiseplanung war hinfällig. Zweieinhalb Wochen nach der Siegerehrung saß Albert Becker noch immer in Südamerika und schrieb seinen Brief an Max Blümich. „Unsere persönliche Lage ist jetzt nicht rosig“, schrieb er. „Wir können schwer heim!“ Die Mannschaft, die für Deutschland die Schacholympiade gewonnen hatte, löste sich auf.
Das Passagierschiff „Copacabana“ sollte am 28. September nach Europa fahren. Für die Deutschen war die Überfahrt nach Beckers Darstellung zu riskant; sie fürchteten, von den Briten interniert zu werden. Die deutsche Botschaft erkundigte sich in Berlin, was mit den Spielern geschehen solle. Becker schrieb, Botschaft, NSDAP und die örtliche deutsche Gemeinschaft hätten Unterstützung zugesagt, falls die Mannschaft während des Krieges in Südamerika bleiben müsse.
Keiner der fünf deutschen Olympiasieger kehrte nach dem Turnier nach Deutschland zurück.
Engels ließ sich später in Brasilien nieder. Eliskases lebte zunächst ebenfalls dort und später in Argentinien. Michel, Becker und Reinhardt fanden in Argentinien eine neue Heimat. Weitere Spieler aus Polen, der Tschechoslowakei, den Niederlanden und Irland ließen sich ebenfalls in Südamerika nieder. Sie begründeten die Blüte des argentinischen Schachs in den Nachkriegsjahrzehnten.
Vera Menchik, Sonja Graf und Friedl Rinder
Manche dürfte die Entscheidung, in Südamerika zu bleiben, das Leben gerettet haben. Wie anders es hätte kommen können, zeigte sich an Vera Menchik. Parallel zur Olympiade wurde in Buenos Aires die Frauen-Weltmeisterschaft ausgetragen. Menchik verteidigte ihren Titel und kehrte anschließend nach England zurück. Im Juni 1944 schlug eine deutsche V1-Flugbombe in ihr Haus im Süden Londons ein. Menchik, ihre Mutter und ihre Schwester Olga kamen ums Leben.

Auch zwei deutsche Spielerinnen gehörten zum Feld der Frauen-WM. Friedl Rinder, wenige Monate zuvor deutsche Meisterin geworden, trat für das Deutsche Reich an und belegte den vierten Platz. Sonja Graf aus München hatte sich längst offen gegen das NS-Regime gestellt. Sie spielte in Buenos Aires unter der Bezeichnung „Libre“, ohne Nation. Graf wurde hinter Menchik Vizeweltmeisterin.
Nach dem Turnier trennten sich ihre Wege. Rinder kehrte zu ihrer Familie nach Deutschland zurück. Auf der Heimfahrt wurde ihr Schiff in Gibraltar von den Briten kontrolliert; Rinder geriet unter Spionageverdacht und wurde verhört, durfte aber schließlich weiterreisen. Sie überstand den Krieg und wurde später noch viermal deutsche Meisterin. Graf blieb in Argentinien, heiratete später einen US-Amerikaner und zog in die Vereinigten Staaten.

Quellen (Auswahl)
- KARL 3/2019, Schwerpunkt „Schacholympiade Buenos Aires 1939“
- Federación Argentina de Ajedrez: Torneo de las Naciones en Buenos Aires, Año 1939.
- Juan Sebastián Morgado: El impresionante Torneo de Ajedrez de las Naciones 1939.
- OlimpBase: 8th Chess Olympiad, Buenos Aires 1939.
- Max Euwe Centrum: Nederlandse schaakinterlands 1910–2020.
- Deutscher Schachbund: Schacholympiaden.
- Deutscher Schachbund: 100. Geburtstag von Josef Porath.
- FIDE Historical Committee / Sergio Ernesto Negri: Chiaroscuros of Life: The 1939 Buenos Aires Nations Tournament as a Turning Point for European Chessplayers.










Vielen, vielen Dank ! Sehr ausführlich, sehr objektiv. Gehört nun mal zu unserer Geschichte dazu und hilft für alle, die Dinge einzuordnen.
Danke für den instruktiven Artikel!
Vielen Dank für den tollen Artikel! Irgendwie habe ich den Eindruck, wenn man Deutschland ausgeschlossen hätte, wäre es etwas harmonischer verlaufen. . Es wurde ja mehr verhandelt als gespielt.
Ich möchte noch auf ein zweites Buch hinweisen. „(Die Bauern im größeren Spiel “ habe ich bereits erworben)
„Die Schachspieler von Buenos Aires“ von Ariel Magnus (Kiepenheuer & Witsch) beleuchtet in Romanform die Ereignisse dieser Tage.