Ein Land im Schachfieber und ein wackelnder Weltmeister: Das Superturnier Moskau 1925

Als sich am 9. November 1925 im Haus der Gewerkschaften nahe des Roten Platzes die Türen öffnen, ist Schach plötzlich Staatsangelegenheit. Redner, Funktionäre, volle Reihen. Am nächsten Tag ziehen die Besten der Welt im prachtvollen Brunnen-Saal des „Zweiten Hauses der Sowjets“ die Figuren, Auftakt eines 21-rundigen Turniers, das als eines der bedeutendsten der Schachgeschichte gilt.

Weite Teile dieses Beitrags sind auf Basis des Podcasts von Peter Doggers und Arne Moll über Moskau 1925 entstanden.

Draußen ist es bitterkalt, drinnen klagen Gäste und Teilnehmer über die zu hoch eingestellte Heizung. Einer von ihnen ist José Raúl Capablanca, Weltmeister seit 1921, ein „unantastbarer Riese“, wie die Kronen-Zeitung aus Österreich in einem Turnierbericht notierte. In Moskau wird der Riese erleben, dass sein Status wackelt.

Capabablanca (rechts) besiegt den späteren Turniersieger Efim Bogoljubow, der in Moskau 1925 den größten Erfolg seiner Karriere feiert.

Weltmeister Capablanca macht sich in dieser Zeit öffentlich Sorgen, das Schach könne den Remistod sterben. Der Kubaner denkt laut über ein größeres Brett mit neuen Figuren nach. Hundert Jahre später klingt das verblüffend nah an Debatten, die Magnus Carlsen auslöst, wenn er klassische Turniere auslässt und lieber mit kurzen Bedenkzeiten oder Freestyle spielt. Peter Doggers und Arne Moll nutzen in der neuesten Folge ihres Podcast „Masters and Matches“ diese Parallele als Klammer: 1925 und 2025, zwei Epochen, dieselbe Angst, das Spiel könne sich auf dem höchsten Level totlaufen.

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Schach als Werkzeug der Revolution

Dass das Turnier überhaupt stattfindet, ist kein spontaner Geniestreich eines Funktionärs, sondern der vorläufige Höhepunkt einer längeren Entwicklung. Russland hat schon vor den Bolschewiki eine Schachtradition: Michail Tschigorin als erster große Meister, die Meisterturniere in St. Petersburg 1909 und 1914, gefördert vom Zaren, der tausende Rubel Preisgeld stiftet. Schach als Prestigeobjekt für das Imperium, auch das eine Entwicklung, die sich trotz wechselnder Imperien bis heute nachzeichnen lässt.

St. Petersburg 1914, das Turnier an dessen Ende erstmals der heute nicht mehr ganz so besondere Titel „Großmeister“ verliehen wurde: an die Schachfreunde Lasker, Capablanca, Aljechin, Tarrasch und Marshall.

Nach der Revolution in Russland übernehmen die Bolschewiki. Lenin spielt Schach, viele andere Spitzenfunktionäre auch. Schach wird zur Charakter- und Kaderpflege erhöht: Disziplin, Planung, strategisches Denken – Tugenden, die den neuen Sowjetmenschen auszeichnen sollen. Vor allem zwei Männer treiben den Plan voran, Schach in der Gesellschaft zu verankern: Alexander Iljin-Ženevsky und Nikolai Krylenko. Iljin-Ženevsky baut den Unterbau, Krylenko das System. Ohne diese beiden wäre die sowjetische Schachdominanz späterer Dekaden nicht entstanden.

Vor der Revolution, während der Sowjetzeit bis heute unter dem Putin-Regime genießt Schach in Russland einen besonderen Status in Gesellschaft, Politik und Sport.

Schachmeister Iljin-Ženevsky (Wikipedia), als Soldat im Weltkrieg schwer verletzt, setzt an der Basis an. Er führt Schach zuerst im Militär ein, als Element militärischer Ausbildung. 1925 wird er selbst am Turnier von Moskau 1925 teilnehmen.

Krylenko (Wikipedia), ein starker Hobbyspieler, ist Volkskommissar für Justiz, Militärankläger, später Chefankläger der großen Schauprozesse. Ein loyaler Funktionär, nah an der neuen Macht, mit direktem Zugang zu Ressourcen. Und ein glühender Schachfan, der sich daran macht, Schach zu institutionalisieren. Unter Krylenkos Führung wird Schach staatliche Aufgabe, ein Kulturgut, das „den Massen“ nützen soll.

Nur Aljechin fehlte: Bogoljubow vor Lasker und Capablanca, die ersten drei, nachdem jeder 20 Partien gespielt hatte.

Für Moskau 1925 greift der Staat tief in die Tasche: Rund 30.000 Rubel fließen in das Turnier, angesichts eines durchschnittlichen Arbeiterlohns von etwa 65 Rubel im Monat eine riesige Summe. Reise, Unterkunft, Verpflegung, sogar die Wäsche der Spieler – alles wird bezahlt. Moskau 1925 ist wahrscheinlich das erste Superturnier, das vollständig von einem Staat getragen wird. Schach als Propaganda: Die Sowjetunion will sich nach innen wie außen als Kulturmacht präsentieren; modern, großzügig, durchorganisiert.

Nicht alle vertrauen der Inszenierung. Der Österreicher Ernst Grünfeld fürchtet, in Moskau kein anständiges Essen zu bekommen. Er reist mit Koffern voller Konserven an – und fällt damit an der Grenze auf. Die Beamten finden Grünfelds Konservenvorrat verdächtig, kontrollierten ihn gründlich und melden ihren Fund nach Moskau. Aber sie lassen Grünfeld mitsamt seiner Dosen weiterreisen.

Viele große Namen, aber der kommende Mann fehlt

Die Teilnehmerliste gleicht einem Who is Who des Schachs. Zehn sowjetische Spieler, elf Gäste aus dem Ausland. Capablanca, der amtierende Weltmeister aus Kuba. Der Ex-Weltmeister Emanuel Lasker aus Deutschland. Efim Bogoljubow, der inzwischen in Deutschland lebt. Richard Réti mit seinen hypermodernen Ideen, Frank Marshall, Savielly Tartakower, Grünfeld – Namen, die die Eröffnungstheorie bis heute prägen.

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Richard Reti 1925 in Moskau.

Umso mehr fällt auf, dass einer fehlt: Alexander Aljechin. Schachlich die klare Nummer zwei der Welt, Sieger des großen Turniers in Baden-Baden im selben Jahr, angehender Capablanca-Nachfolger. Aber für die sowjetische Führung ist er untragbar. Aristokratische Herkunft, 1919 abgelehnt für die Partei, Verhaftungen in den Wirren der Revolution, 1921 die endgültige Ausreise, kritische Veröffentlichungen über sowjetisches Schach. Krylenko macht deutlich: Der Klassenfeind Alexander Aljechin wird nicht eingeladen.

20 Runden und ein Überraschungssieger

Gespielt wird ein Rundenturnier: 21 Spieler, 20 Runden. Am Ende gewinnt jemand, dessen Triumph nicht zu erwarten war: Efim Bogoljubow holt 15½ Punkte, eineinhalb mehr als Lasker, zwei mehr als Capablanca. Moskau 1925 markiert Bogoljubows Sternstunde.

Bogoljubow schrieb ein Buch über das beste Turnier, das er je spielen sollte.

Capablanca, bis dahin ein Muster an Stabilität, wird nur Dritter. Bis zu seiner Niederlage in New York 1924 gegen Richard Reti hatte er acht Jahre lang keine Turnierpartie verloren. Jetzt verliert er gegen weniger bekannte Spieler wie Iljin-Ženevsky und Boris Verlinsky, die er später herablassend als „relativ schwach“ bezeichnet. Für ihn ungewohntes Terrain: „Zum ersten Mal in meinem Leben war ich praktisch am Tabellenende“, schreibt er.

Vor allem in der ersten Turnierhälfte tut sich der Weltmeister schwer. In Havanna reagiert man nervös. Das kubanische Außenministerium schickt Telegramme nach Moskau und erkundigt sich besorgt nach dem Gesundheitszustand seines Nationalhelden. Capablancas Reise nach Moskau war in Havanna nicht gut angekommen. Das autoritäre Machado-Regime stand der Sowjetunion feindlich gegenüber. Die Behörden sollen ihrem Schachweltmeister geraten haben, die Einladung auszuschlagen. Capablanca reiste trotzdem.

Kubanischer Bericht über Moskau 1925 mit drei Hauptfiguren: José Raúl Capablanca wird als amtierender Weltmeister dargestellt, der nach schwachem Start wieder zu seiner Form fand, sogar den späteren Sieger Bogoljubow besiegte und am Ende Dritter wurde. Emanuel Lasker wird als Ex-Weltmeister gezeigt, der Zweiter wurde. Efim Bogoljubow wird als Sieger des Turniers gewürdigt.

Eine andere Niederlage Capablancas, abseits des Turniergeschehens, soll für die Schachgeschichte bedeutender werden als die beiden Nullen, die am Ende in der Kreuztabelle stehen. An einem Ruhetag fährt Capablanca nach Leningrad, gibt eine Simultanvorstellung – und verliert gegen einen 14-jährigen Schüler namens Michail Botwinnik. Der Junge gewinnt so überzeugend, dass Capablanca sich beschwert, ein derart starker Gegner sei für ein Simultan ungeeignet. Für die sowjetischen Funktionäre ist das ein Signal: Spätestens jetzt haben sie den späteren Weltmeister auf dem Radar. Der Hochbegabte Michail Botwinnik wird fortan intensiv gefördert – Beginn einer Karriere, die die spätere sowjetischen Dominanz prägen wird.

Capablanca gibt während des Turniers ein Simultan beim Club Dynamo Moskau.

Die Zwickmühle und ein Telegramm

Der vielleicht berühmteste Moment des Turniers gehört nicht Bogoljubow, sondern einem Mexikaner: Carlos Torre. Der junge Meister spielt ein starkes Turnier, landet am Ende auf Rang fünf. Legendär wird seine Partie gegen Emanuel Lasker, der womöglich nicht ganz bei der Sache war.

Während der Partie erreicht den Exweltmeister ein Telegramm seiner Frau: Ein Theaterstück von ihm soll aufgeführt werden. Lasker ist begeistert, verliert aber den Faden. Carlos Torre nutzt die Chance und zündet einen Angriff, der als „Zwickmühle“ in die Schachgeschichte eingeht: Seine Dame opfert sich, während sein Turm durch eine Serie von Abzugsschachs auf der siebten Reihe Material einsammelt. Lasker kann nur zuschauen, sein König muss hilflos aus einem Schach nach dem anderen pendeln.

Die Windmühle von Carlos Torre.

Die Partie wird ein Klassiker. Tragisch ist, dass Torres internationale Laufbahn damit praktisch endet. Moskau 1925 ist sein letztes großes Auslandsturnier. 1926 hört er nach einen psychischen Kollaps in New York mit dem Turnierschach auf. Die Zwickmühle beim Schach (eigentlich ein Mühle-Begriff) bleibt sein schachliches Denkmal.

Bogoljubow zwischen praktischer Stärke und Spott

Bogoljubow selbst deutet seinen Sieg politisch wie schachlich. Er schreibt später, er sei besonders glücklich, weil sein Erfolg den Triumph seines Stils zeige – eines kämpferischen Ansatzes, der für die Zukunft des Schachs wichtig sei, gerade in einer Zeit, in der Lasker und Capablanca über die „Remisgefahr“ klagen. Bogoljubow glaubt, wer wie er kompromisslos auf Gewinn spielt, widerlegt die Angst vor dem Remistod des Spiels.

Nicht alle teilen diese Sicht. Aron Nimzowitsch, der nicht eingeladen ist und 1925 in Kopenhagen an „Mein System“ arbeitet, hat kurz vor dem Turnier einen bissigen Artikel über Bogoljubow geschrieben. Er spottet über Spieler, die lange Varianten vorbereiten, um den Gegner im 14. Zug zu überraschen. Nimzowitschs Urteil über den Moskau-Sieger: ein „Varianten-Spieler“, „untalentiert im höheren Sinne“.

Bissige Artikel über andere Leute zu veröffentlichen, zieht sich durch Nimzowitsch Karriere. Mehr noch als Efim Bogoljubow bekam Siegbert Tarrasch die verbalen Spitzen Nimozowitschs zu spüren.

Später urteilt Garri Kasparow in My Great Predecessors ähnlich kühl: Bogoljubow sei ein starker praktischer Spieler gewesen, aber sein positionelles Verständnis habe dem eines Amateurs geglichen. Anderen klingt das zu hart. Matthew Sadler hat Bogoljubow jüngst als extrem optimistisch, gut vorbereitet, immer auf Gewinn aus beschrieben; mit vielen Fehlern, aber nie ohne Kampf. Seine praktische Stärke habe Bogoljubow zu jemandem gemacht, der ganze Turniere weit oberhalb seiner normalen Spielstärke durchziehen kann. So wie in Moskau 1925.

Doggers und Moll ziehen einen Vergleich zur Gegenwart: Bogoljubow als eine Art Vorläufer eines Parham Maghsoodloo – nicht dauerhaft in der absoluten Spitze, aber jederzeit in der Lage, ein Topturnier aufzumischen, weil er einfach keine Ruhe gibt.

„Schachfieber“: Wenn das ganze Land mitspielt

Moskau 1925 ist auch ein Medienereignis. Tausende Zuschauer drängen sich im Saal, noch mehr stehen draußen vor großen Demobrettern. Zeitungen berichten täglich, und die Spieler erreichen Telegramme aus den abgelegensten Regionen des Riesenreichs. Der Plan, eine Schachwelle durchs Land zu schicken, geht auf.

Passend dazu entsteht während des Turniers der Film „Schachfieber“. Eine kurze, stumme Komödie über einen Bräutigam, der vom Schach so besessen ist, dass er seine Hochzeit vergisst. Die Braut Anna sieht überall Spieler, Figuren, Bretter – und entwickelt wachsende Abneigung. Die Stars des Turniers tauchen im Film auf: Capablanca, Marshall, Réti, Torre, Grünfeld, Frederick Yates. Der Film wird später eine der Inspirationen für Nabokovs Roman Luschins Verteidigung.

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Der Film „Schachfieber“.

Aus sowjetischer Sicht ist Moskau 1925 zumindest ein Teilerfolg. Die Popularisierung gelingt. Das Land erlebt Schachfieber, Bogoljubow wird in Moskau zum Star. Aber Krylenko verfehlt sein Ziel, sofort eine ganze Generation eigener Topspieler hervorzubringen. Die jungen sowjetischen Teilnehmer schneiden eher schwach ab. Zehn Jahre werden vergehen, bis 1935 wieder ein Superturnier in Moskau stattfindet.

Dort wird, geteilt mit Salo Flohr, jemand siegen, den die Sowjets dank Moskau 1925 entdeckt haben: Michail Botwinnik, Führungsfigur der nächsten Generation und später „Patriarch“ des sowjetischen Schachs.

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F. Schmidt
F. Schmidt
14 Tage zuvor

Nach meinem Kenntnisstand hat die die Bezeichnung ‚Mühle‘ für das besagte taktische Motiv nichts mit ‚Windmühle‘ zu tun; sondern bezieht sich auf die Zwickmühle im Mühlespiel. Soviel ich weiß, war es Nimzowitsch, der diese Bezeichnung in seinem Buch ‚Das Systen‘ (Kapitel 8.2. Die Zwickmühle) begründete., da er dieses Motiv erstmals explizit als Zwickmühle bezeichnete. Später ist die Bezeichnung auf ‚Mühle‘ verkürzt worden. Die volksetymologische Anlehnung an das Bild eines Windmühlenrades mag die Erklärung Ihres Artikels befördert haben. Außerdem hat die eigentlich falsche englische Übersetzung ‚windmill‘, die neben ’seesaw‘ im englischen Sprachraum für das Motiv vorherrscht, da man im angelsächsischen Raum… Weiterlesen »

Kommentator
Kommentator
14 Tage zuvor

Ich wage mal die Behauptung, dass nicht 20, sondern 21 Runden gespielt wurden 🙂 (bei einem Mannschaftsturnier kann man ja ggf. mit dem Skalitzka-System verhindern, dass jemand spielfrei ist; bei einem Einzelturnier mit ungerader Teilnehmerzahl eher nicht …)